Schauspielhaus Graz: Glückspillen im Sisyphos-Felsenformat
„Spiel mir das Lied vom Tod“ in „Das Orakel spricht“: Wenn der Herrgott net will, nutzt auch die gesunde Ernährung nix. Dann ist die Party eben aus.
Wie soll man die Stücke von Johann Nestroy auf die Bühne bringen, damit sie nicht verstaubt wirken? Wie unlängst im Burgtheater als grellbunte Show mit Pop-Zitaten und Cross-Gender-Besetzung?
Ruth Brauer-Kvam versuchte am Grazer Schauspielhaus mit „Frühere Verhältnisse“, alle Ansprüche unter einen Hut zu bringen, und ihr gelang mit einem Trick ein wunderbarer Abend: Sie lässt die Posse, in der es, wie in „Zu ebener Erde und erster Stock“, um sozialen Auf- und Abstieg geht, von einer vazierenden Wandertruppe geben, die ihren biedermeierlichen Theaterwagen auf der leeren Bühne aufschlägt – wie ein Pop-up-Buch. Das Quartett darf nach Herzenslust übertreiben, Schabernack und Slapstick machen, eine Zeitung zum Paravent auseinanderfalten und überkommene Rollenzuschreibungen ausleben. Nestroy – ganz klassisch, ohne Fingerzeig.
Und doch gibt es eine sanfte Distanzierung, eine Kontextualisierung: Immer wieder tritt jemand aus dem niedlichen Setting (von Monika Rovan und Alfred Mayerhofer), um an der Rampe ein Lied von Hildegard Knef einzustreuen. Die Chansons (statt der Couplets) passen haargenau zur Handlung: Mann bleibt Mann. Und weil sich viel ums Theater dreht, stimmt auch „Von nun an ging’s bergab“ als doppeldeutige Ergänzung des Titels „Frühere Verhältnisse“.
Aus dem Ensemble sticht Tim Breyvogel als übles Subjekt namens Muffl heraus, der 100-minütige Abend gehört aber der Multiinstrumentalistin deeLinde als fulminanter Nestroy, Conférencier sowie Einfrauorchester: Sie begleitet „Ich bin den weiten Weg gegangen“ jodelnd mit der Ziehharmonika.
Selbstoptimierung
Bei Nestroy geht es, um es zeitgenössisch zu sagen, um Selbstoptimierung: Vor seiner mit französischen Fremdworten jonglierenden Ehefrau (das Delikate wird schon mal zur Delikatesse) verbirgt der Aufsteiger Scheitermann seine niedere Herkunft, was ihm gar schlimme Albträume verursacht. Da ist es – zusammen mit einem finalen Ratschlag – nur mehr ein winziger Schritt zu all den Influencern, die enorm viele, auch eigenartige Tipps für ein besseres Leben parat haben.
Liv Strömquist hat sich damit in ihrer Graphic Novel „Das Orakel spricht“, 2024 erschienen, auseinandergesetzt. Anna Marboe integrierte daraus vieles in ihre Revue „Liv, Love, Laugh Strömquist“, die vor knapp zwei Monaten am Wiener Volkstheater herauskam. Die echte Dramatisierung erlebte nun in Graz ihre Uraufführung. Auch Katrin Plötner, die bereits zwei Werke von Strömquist inszeniert hat, verfolgt ein ähnlich kunterbuntes Konzept.
Das Buch hat eben sieben Kapitel: Ein siebenköpfiges Ensemble in Sportbekleidungen, darunter Luisa Schwab mit Flossen, begibt sich in einen herzerfrischenden Sisyphos-Kampf. Komprimiert lautet die Botschaft (des Astrologen Carrol Righter): „Hübsch sein! Spaß haben!“ Also: „Hedonistischer Asketismus!“
Da passt Bobby McFerrins „Don’t Worry, Be Happy“ perfekt: Der Himmel hängt voller riesiger Smileys (geniale Bühne von Bettina Pommer), die gerne runterfallen. Und immer wieder lächelt in diesem Erklärstück der Tod herein. Insgesamt eine zweistündige Insta-Überforderung: turbulent, schräg, witzig.
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