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Theater
02/15/2021

Schauspielerin Katharina Klar: "Es wird Hunger nach Begegnung geben“

Die brillante junge Josefstadt-Schauspielerin über das Stück „The Parisian Woman“, Trump, die Korrektheit, käufliche Politik und den Unterschied zwischen Leben und Überleben

von Guido Tartarotti

Das Interview mit Katharina Klar fand bei einem Spaziergang im Volksgarten statt. Saukalt, aber virussicher. Die Schauspielerin besitzt übrigens kein Smartphone!

KURIER: Normalerweise führen wir Interviews vor Premieren. Jetzt gibt es eine fertige Inszenierung, aber keine Premiere. Wie ist die Situation?

Katharina Klar: (lacht) Das wissen wir nicht. Wir haben die Produktion „The Parisian Woman“ fertig geprobt, wann wir sie spielen, steht in den Sternen. Ich war überrascht, dass es Lockerungen gibt. Falls die Zahlen wieder steigen, ist das für uns katastrophal. Wir bräuchten dringend irgendeine Perspektive, etwas, das dann auch hält – dass wir aufsperren können und nicht gleich wieder zusperren müssen.

In „The Parisian Woman“ geht es um Politik, und darum, was man alles bereit ist, zu tun.

Ja, es geht um die Frage: Heiligt der Zweck die Mittel? Das Stück spielt zu Beginn der Ära Trump. Für mich geht es auch um die Hybris der Republikaner, die gedacht haben, sie hätten Trump schon unter Kontrolle. Naja – während wir geprobt haben, war die US-Wahl und dann der Sturm aufs Kapitol. Man kann das Stück aber auch unabhängig von Trump sehen.

Wir gehen gerade am Ballhausplatz vorbei. Glauben Sie, jemand wie Trump wäre in Österreich auch möglich?

Man kann in den USA den Extremfall von etwas sehen, und das ist mit Trump nicht zu Ende und es gilt auch für Österreich. Warum finden wir es normal, dass Parteien eine Art Geschäft sind, in das man investieren kann? Es ist einfach nicht gut, dass Politiker Wahlkampfspenden einsammeln dürfen und sogar müssen. Wem ist die Politik dann verpflichtet? Das ist mit Demokratie nicht vereinbar, und das sollte uns viel größere Sorgen machen.

Katharina Klar
1987 geboren, wächst sie in Wien-Floridsdorf auf. Sie studiert Schauspiel in Graz, debütiert 2008 mit Erfolg am Schauspielhaus Graz. 2015 wechselt sie mit Anna Badora ans Wiener Volkstheater, seit 2019 spielt sie in der Josefstadt.  
 
Das Stück
„The Parisian Woman“ ist fertig geprobt, wann Premiere ist, bleibt unklar. Der Autor Beau Willimon (er schrieb die Drehbücher zu „House Of Cards“) befasst sich mit der Politik der Trump-Ära.

 

Es heißt ja, Trump war attraktiv, weil er nicht korrekt ist, weil er Dinge sagt, die sich andere nicht trauen.

Es gibt sicher so eine Art Gegenreaktion, weil sich gerade vieles verändert, und zwar zum Positiven. Es werden immer mehr Stimmen hörbar und fordern ihr Recht ein. Oder einfach nur Rücksichtnahme. Die Frage ist, wer fühlt sich davon angegriffen und warum. Es ist eine unglaubliche Wehleidigkeit, zu behaupten, es gibt eine Diktatur der Political Correctness, nur weil man nicht mehr unwidersprochen alles sagen kann.

Wie ist die jetzige Situation für Sie als Schauspielerin? Es muss furchtbar sein, nicht auftreten zu können?

Ich hätte riesige Lust, Theater zu spielen. Aber ich möchte mich nicht als Opfer darstellen. Ich bin angestellt, das sind die meisten in meinem Beruf aber nicht, und an sie muss jetzt gedacht werden.

Was fehlt Ihnen selbst am meisten?

Auch wenn wir proben – Theater findet überhaupt nicht statt, ohne Publikum. Kunst entsteht ja dort, wo sich ein Kunstwerk und die Person, die es wahrnimmt, berühren.

Theater ist ja auch flüchtig – es entsteht jeden Abend neu.

Ich habe diesen Winter auch erstmals Gedanken gehabt wie: Oh Gott, ich habe mein Leben an etwas so Vergängliches verschwendet! Wie so eine vorgezogene Midlife-Crisis. Aber im Grunde ist es gerade das, was mir am Theater gefällt, enorm viel Aufwand und Arbeit zu investieren in flüchtige Momente, dieses zutiefst Unökonomische daran.

Ist Streaming ein Ersatz?

Ich denke nicht. Beim Theater geht es darum, dass es live ist, um Körper im Raum.

Haben Sie die Sorge, dass die Menschen verlernen, ins Theater zu gehen?

Nein, die habe ich nicht. Ich glaube, es wird einen Hunger nach Begegnung geben. Meine Oma hat gestern am Telefon gesagt: „Ich brauch’ keine Geschäfte, die Theater sollen wieder aufsperren!“

Es gibt die Debatte über die Systemrelevanz von Kultur. Ist Kultur ein Nahrungsmittel?

Ich glaube, in einer so durchökonomisierten Welt ist es die Aufgabe von Kultur, ein anderes Prinzip zu verteidigen. Nicht alles sollte einer reinen Verwertungslogik gehorchen, und das tut es auch nicht. Es gibt Dinge, die sich nicht verrechnen lassen. Auf lange Sicht sind wir nicht überlebensfähig ohne so etwas wie Sinnhaftigkeit, wir stellen uns nun mal Fragen, die über das bloße Überleben hinausgehen.

Theater stellt ja auch kritische Fragen. Fehlt das jetzt der Gesellschaft?

Ja. Es fehlt überhaupt an öffentlicher Debatte. Auch darüber, was wir verändern wollen, statt darauf zu warten, dass alles wieder so wird wie vor der Krise.

Manche sagen, durch die Pandemie wird unser Bewusstsein verändert, auch für Verzicht, im Hinblick auf die Klimakrise. Andere meinen, nachher wird die große Party gefeiert, inklusive Konsumrausch.

Auf die große Party freue ich mich schon. Das ist für mich aber etwas anderes als der Kaufrausch. Ich glaube, dass wir vor großen Veränderungsaufgaben stehen, in Anbetracht der Klimakatastrophe, und wir haben ein enges Zeitfenster dafür. Und jetzt bekommen wir ein Gefühl dafür, dass vieles gestaltbar ist, wenn man weiß, dass es dringend ist. Man wird danach nicht mehr sagen können, es sei alternativlos, alles der Wirtschaft unterzuordnen. Vielleicht lernen wir, was ist wirklich erfüllend, und was ist nur Betäubung. Ich frage mich übrigens, warum wir nicht gerade in einer lebhaften Debatte über das Grundeinkommen sind!

Sie haben zuerst am Volkstheater gespielt, sind dann in die Josefstadt gewechselt. Am Volkstheater unter Anna Badora wurde viel experimentiert, vieles gewagt, die Josefstadt hat den Ruf, ein eher traditionelles Theater zu sein. Wie schwer war der Umstieg?

Ich war vom ersten Tag an sehr beeindruckt von der Art, wie an der Josefstadt gearbeitet wird. Ich verwende den Begriff Schauspielertheater nicht so gerne, aber dieses Haus dreht sich wirklich um Schauspielkunst und Schauspielende. Und die Josefstadt verändert sich, aber das passiert sanft, das Haus ist seinem Publikum sehr verpflichtet.

Sind Sie in den sozialen Medien aktiv?

Kaum. Zur Zeit fühle ich mich deswegen wie aus der Welt gefallen. Ich habe zwar einen Facebook-Account, aber kein Smartphone, deswegen schau ich da nicht so oft rein. Gerade in meiner Branche ist fast so eine Art Zwang zur Selbstdarstellung entstanden, der mich irgendwie trotzig macht. Soziale Medien langweilen mich auch schnell, weil alles in dem gleichen aufgeregten Ton verhandelt wird. Dann lieber ein Buch.

Geben Sie uns einen Lesetipp!

Ich lese gerade „Descartes’ Irrtum“ von António Damásio, einem Hirnforscher. Da geht es darum, dass Fühlen und Denken untrennbar zusammenhängen. Das finde ich extrem spannend.

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