Philosophieren mit Lana del Rey und Amy Winehouse

Musikstars im Gespräch und ein Panoptikum des heimischen Pops: zwei neue Bücher von heimischen Kulturjournalisten.
Eine Frau mit langen, braunen Haaren steht neben einem Mann mit Glatze und Lederjacke in einem gemütlich eingerichteten Raum.

Es ist ein sterbendes Genre. Denn Musikstars sprechen heute praktisch nicht mehr mit Journalisten. Ein Gespräch, wie es Samir H. Köck etwa mit Harry Belafonte, Abbey Lincoln oder Lana del Rey geführt hat, wird es mit einer Taylor Swift beispielsweise niemals geben. Weil Künstler in Zeiten von Social Media und Streaming keine „Zwischenhändler“ mehr benötigen, um auf neue Werke aufmerksam zu machen.

Das mag für die Plattenfirmen günstiger und für die Musikerinnen und Musiker bequemer sein. Es überrascht einen als einschlägig Interessierten aber auch keiner mehr mit unerwartet belesenen oder geschichtsbesonnenen Aussagen.

46-223956762

Samir H. Köck: Talk To Me. Milena Verlag

Von B.B. King bis Karl Hodina

Dass der Kulturberichterstattung damit ein besonders schillerndes Puzzlestück verloren geht, zeigt das neue Buch von Musikjournalist Köck, „Talk To Me“. In 30 Jahren hat der Wiener rund 2.500 Interviews mit Persönlichkeiten aus der internationalen Musikbranche geführt, 62 überaus berühmte hat er daraus für dieses Buch ausgesucht, vor allem aus Jazz, Soul und Pop, aber auch Karl Hodina ist dabei und Jodlerin Gretl Steiner (mit Dialekt-Antworten).

Amy Winehouse erzählt, dass sie eine „Alles-oder-Nichts-Person“ ist, B.B. King, dass Traktorfahren auf der Baumwollplantage ihm fast besser gefallen hat, als Musiker zu werden, Charlotte Gainsbourg erinnert sich an ein Mittagessen mit einem schüchternen Paul McCartney, Nana Mouskouri daran, wie sie einmal die berühmte Brille abgesetzt hat.

Subtile Geschichtsstunde

Das Buch ist zwar ein Fundus an Anekdoten, die die Interviewten erzählen. Leider unterschlägt Köck das Rundherum der Begegnungen. Es ist aber auch eine subtile Geschichtsstunde, vor allem was die Vernetzung der schwarzen Musik mit der Bürgerrechtsbewegung angeht. Und man lernt, dass man eine saubere Handschrift haben sollte. Hätte Van Morrison die von Köck lesen können, stünde er jetzt auch in dem Buch.

Nur auf Österreich konzentriert sich wiederum ein anderes eben erschienenes Buch heimischer Musikjournalisten. Walter Gröbchen und Thomas Mießgang umfassen in „Die guten Kräfte“ nichts weniger als „Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs.“

46-223956761

Walter gröbchen, Thomas Mießgang: Die guten Kräfte. Milena Verlag

Kollektives Gedächtnis

Lieder, die im „kollektiven Gedächtnis des Landes für nachhaltigen Lärm sorgen“, sind demnach sehr bekannte wie Falcos „Vienna Calling“ („die Falco-Personality“ an ihrer „Endausbaustufe“), Rainhard Fendrichs „I am from Austria“(„Die Schonungslosigkeit seiner Doppelbödigkeit ist unerreicht“), Georg Kreislers „Geh’n ma Tauben vergiften im Park“ (ein Zerrspiegel für Österreich, das „Land mit der gut ausgebauten Kellerkultur“) und auch Christina Stürmers „Ich lebe“ („zutiefst österreichische Grrrl-Power“).

Es gibt aber auch Überraschungen, wie Franz Moraks „Schizo“ und einige sehr aktuelle Beitragende zum österreichischen Pop, wie Anna Buchegger oder Wallners. Keine Jazz-Gitti jedoch, und das auch noch „ohne Bedauern“, das schmerzt ein wenig.

Kommentare