© Dorle Bahlburg

Kultur
03/20/2019

Rocko Schamonis "Abgesang auf das moderne St. Pauli"

Wolfgang "Wolli" Köhler war eine Legende auf St. Pauli. Rocko Schamoni macht ihn zum Roman-Antihelden und begleitet ihn bei seinem Aufstieg zum Puffboss. In einer Nebenrolle: Die Beatles.

Die Geschichte von Wolfgang „Wolli“ Köhler ist eine des Aufstiegs: Aus dem Nirgendwo in Sachsen kommend, steigt der gelernte Autoschlosser zum außergewöhnlichen Puffboss, zur schillernden Figur auf dem Hamburger Kiez der 1960er- und 70er-Jahre auf.

Den Weg dorthin porträtiert nun der Schriftsteller und Entertainer Rocko Schamoni (52) in seinem neuen Roman. „Große Freiheit“ ist die Geschichte über einen Antihelden und dessen Abenteuer im (Rot-)Lichtermeer von St. Pauli der 1960er-Jahre, wo sich entlang der Reeperbahn Nacht für Nacht Huren, Freier, Transvestiten, Dealer, Schläger, aber auch Künstler herumtrieben. Stets auf der Suche nach neuen Reizen.

KURIER: Sie erzählen die Geschichte der Hamburger Kiez-Größe Wolfgang Köhler. Was hat Sie an der Person, an seiner Geschichte gereizt?
Rocko Schamoni:
Es ist die Geschichte vom Einreißen von Grenzen. Die Kunstwelt und das Rotlicht sind sich vorher und vor allem nachher nie wieder so vorbehaltlos begegnet wie im Salon von Wolfgang Köhler.

Wolfgang Köhler ist 2017 mit 85 Jahren gestorben. Sie durften ihn selbst noch kennenlernen? Wie kam es dazu und wie war er so?
Ich habe Wolli kennengelernt, als ich zu einem Buch über meinen Lieblingsmaler Heino Jaeger recherchiert habe. Wir haben uns angefreundet, ich habe ihn immer wieder besucht und mit ihm gesprochen. Dabei habe ich allmählich begriffen, dass ich besser über Wolli schreiben kann und sollte als über Heino Jaeger. Er war immer ein offener und gewitzter Gesprächspartner, der sich gut in der Kunst und Literatur seiner Zeit auskannte – er war wirklich lebensklug.

Der Autor Hubert Fichte hat gemeinsam mit Köhler ein Buch veröffentlicht – mit zahlreichen Gesprächen. Haben Sie sich daraus bedient? Warum haben Sie sich – obwohl es bereits ein Buch gibt – nochmals der Person Köhler gewidmet?
Es gab von Wolli nur Interviews mit einem kleinen Einblick in sein Leben. Ich wollte aber seine ganze Lebensgeschichte erzählen. Außerdem fand ich den Gedanken sehr reizvoll, den Faden eines legendären Buches aus den 70ern – nämlich „Wolli Indienfahrer“ von Hubert Fichte – wieder aufzunehmen und weiterzuschreiben.

Haben Sie auch andere Zeitzeugen getroffen?
Ja, einige. Darunter den Fotografen Günter Zint, der ja einer der Hauptzeitzeugen ist.

Wollten einige Personen nicht im Buch vorkommen? Gab es rechtliche Probleme?
Nein. Ich habe ohnehin die meisten Namen verändert.

Was hat Wolfgang Köhler anders gemacht als die anderen Puff-Besitzer der damaligen Zeit?
Er war ganz einfach weniger stumpf. Weder Gewalt noch Macho- Attitüde waren ihm besonders wichtig. Er hatte kein fettes Auto, keinen teuren Schmuck und er stand der Kunstwelt immer sehr nahe.

Der Vorwurf, dass Sie das Rotlichtmilieu romantisieren, liegt auf der Hand. Was entgegnen Sie?
Wodurch denn? Ich stelle lediglich eine einzelne Person dar. Und die genau deshalb, weil sie anders war als die anderen. Abgesehen davon wird in meinem Buch genau die Ausbeutung und Gewalt thematisiert, die es damals gab. Die Tristesse von bezahltem Sex und die brutalen Exzesse von Psychopathen. Wenn ich etwas romantisiere, ist es die Aufbruchsstimmung der frühen Sechziger, das würde ich sofort unterschreiben. Ich wäre gerne ein paar Abende dabei gewesen im Star Club!

Was bedeutet heute für Sie Freiheit?
Ein selbstbestimmtes Leben für alle.

Wie sehr hat sich der Freiheitsbegriff in den vergangenen 50 Jahren geändert?
Ziemlich stark. Es sind viele Mauern gefallen und später wiederum errichtet worden. Gerade in der Sexualmoral nähern wir uns jetzt langsam wieder einer vorrevolutionären Zeit an. Es ist spannend das zu beobachten und darüber nachzudenken, warum das so ist. Denn man könnte ja auch behaupten, dass einige der gewonnenen Freiheiten der Siebzigerjahre falsche Freiheiten waren. Ich persönlich glaube das aber nur bedingt.

In Ihren Romanen dokumentieren Sie mehr oder weniger beiläufig die Veränderung des Hamburger Stadtteils, in dem sie auch selber wohnen. Zuletzt kritisierten Sie die „Disneyfizierung“ von St. Pauli und jetzt tragen Sie mit Ihrem neuen Roman ein Stück dazu bei. Wie geht das zusammen?
Warum trage ich dazu bei? Ich berichte von einem Stadtteil vor über 50 Jahren. Wer ist denn so blöd und fährt jetzt nach Hamburg, weil er glaubt, das Hamburg aus meinem Buch dort wiederzufinden. Im Gegenteil: Es ist eher ein Abgesang auf das moderne St. Pauli mit seiner maximalen Vermarktung und den ewig steigenden Übernachtungszahlen.

Hamburg und die Beatles – eine ewige Liebesgeschichte des Hamburger Tourismusmarketings. Warum mussten auch bei Ihrem Roman die Beatles unbedingt eine Rolle spielen?
Weil sie exakt 50 Meter von Wollis Wohnung entfernt gearbeitet haben. Ich fand das Recherchieren darüber sehr spannend und kannte viele Fakten noch nicht. Nichts an der Geschichte der Beatles langweilt mich, egal wie oft ich sie höre. Wussten Sie, dass die Beatles jeden Abend ihr Speed bei der Klofrau des Kaiserkellers, bei Tante Rosa, einem älteren Mütterchen, gekauft haben? Ich finde das interessant.

Woher haben Sie das Wissen über die Beatles? Und werden Beatles-Fans im Buch etwas Neues erfahren?
Ich habe das meiste Wissen vom ultimativen Beatles-Archivar Ulf Krüger. Viele der Geschichten sind weitgehend unbekannt.

Trauern Sie dem St. Pauli, wie es einmal war, hinterher?
Nein.

Das Timing der Veröffentlichung Ihres Romans ist ein gutes: Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks Kiezgeschichte „Der Goldene Handschuh“ ist kürzlich ins Kino gekommen. Was würden Sie sagen, wenn auch Ihr Buch verfilmt werden würde?
Nein, es ist eben kein gutes Timing. Ich habe mich darüber sehr geärgert. Denn das ist eindeutig zu viel St. Pauli auf einmal. Leider wusste ich das nicht, sonst hätte ich mich dagegen gewehrt. Ob daraus ein Film wird? Egal.

Über das Buch
Rocko Schamoni lernte die ehemalige Kiezgröße Wolfgang „Wolli“ Köhler bei einem seiner Streifzüge durch St. Pauli kennen. Bis zu seinem Tod im Jahr 2017  lud Köhler Rocko Schamoni in seine Sozialwohnung ein, um ihm aus seinem bewegten Leben zu berichten. Oftmals in der dritten Person: „So ist er halt, der Wolli.“ Die Meldung, dass die Geschichte als Roman-Trilogie angelegt sein soll, will der Autor nicht bestätigen: „Könnte sein“, sagt der 52-Jährige dem KURIER.

Über den Autor
Tobias Albrecht alias Rocko Schamoni, geboren 1966, ist Autor, Entertainer und  Musiker. Er lebt in Hamburg, wo er viele Jahre auf St. Pauli zusammen mit Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen, den legendären „Golden Pudel Club“ betrieb. Einem breiten Publikum wurde Schamoni bekannt als Teil der Humor-Vereinigung Studio Braun und als Autor von Bestsellern wie „Dorfpunks“.

Tipp: Rocko Schamoni liest am 25. Mai im Wiener WUK aus „Große Freiheit“.