Bei den Cricket-Spielern in Bin Ladens Garten

Lukas Matzinger hat eine gewaltige Reise zu einem Buch gemacht. Seine Sprache ist so spektakulär wie die Reise selbst.
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Ein Leben ohne Sturm Graz ist möglich, aber sinnlos. Zumindest für Lukas Matzinger. Und warum das eine Rolle spielt, dazu kommen wir noch. Zunächst einmal der grobe Aufriss: Der Journalist hat eine gewaltige Reise in einem Buch verewigt. Ein Jahr lang war er mit seiner Freundin, der Fotografin Olivia Wimmer, in einem 40 Jahre alten VW Bus unterwegs. 35.000 Kilometer bis China und retour.

Was hat das nun mit Sturm zu tun? In einem seiner 18 Texte beschreibt Matzinger einen besonders bitteren Moment: Die Schwarzen, sein Verein, für den er seit der Volksschule brennt, spielen um den Meistertitel. Und er sitzt nicht im Stadion, sondern 3.200 Kilometer entfernt in einem iranischen Kaff namens Choy. Über einen ukrainischen Piratensender versucht er bei wackeligem WLAN das Match zu sehen. Das klingt dann so: „Wenn ich die trägen Standbilder richtig entschlüssle, springt der Ball in der 69. Minute vom formschönen Schädel des Innenverteidigers Gregory Wüthrich ins Tor. […] ich quieke auf, und mir wandern die Knie.“

Matzingers Texte handeln von Orten mit märchenhaften Namen wie Abbottabad, Atyrau oder Araschan. Sie sind von Sprach- und Menschenliebe durchdrungen, dass man als Leser mal staunt, mal schmunzelt.

Im Garten Osama Bin Ladens, „einem respekteinflößenden, schwer atmenden Stück Erde“, spielen heute Teenager Cricket. Und in einem Bergdorf in Kirgisistan ist Matzinger dabei, wie kühne Reiter auf schweißdampfenden Pferden mit toten Ziegen spielen – Kok-boru heißt das. Ein Sport – was sonst?

Herzenswärme und Gastfreundschaft überwältigen das reisende Duo. Was nicht heißt, dass sie Unterschiede nicht benennen. Eines abends streitet Olivia mit einem islamischen Fundamentalisten. Es ist ein Essen, bei dem Matzinger so etwas wie Todesangst an sich feststellt. Als Erzähler hat Matzinger die große Eigenschaft, die Menschen und ihre Geschichten zu mögen. Und er tut ihnen den größten Gefallen überhaupt: Er verklärt sie nicht.

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Lukas Matzinger: „Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht“, Zsolnay, 304 Seiten, 26,50 Euro

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