Regisseur Adrian Goiginger: „Bitte versuch, nicht zu weinen“

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Der Regisseur von "Die beste aller Welten" hatte Angst, den Bestseller „Vier minus drei“ zu verfilmen. Jetzt läuft er auf der Berlinale.

Ein bisschen nervös sei er schon, gibt Adrian Goiginger zu, „weil man ja nicht weiß, wie es laufen wird.“ Sein neuer Film „Vier minus drei“ feiert auf der Berlinale (12. bis 22. Februar) in der Sektion Panorama Premiere: „Hoffentlich sind die Menschen in Berlin von der Geschichte berührt.“

Davon kann man ausgehen: Der in Salzburg geborene Regisseur verfilmte den tragischen Bestseller „Vier minus drei“ von Barbara Pachl-Eberhart. Die Autorin berichtet darin, wie sie den Unfalltod ihres Mannes und ihrer zwei kleinen Kinder bewältigen musste. Sowohl sie, als auch ihr Mann Heli, waren beide als Clowns tätig. In „Vier minus drei“ erzählt Adrian Goiginger nun ihre schmerzliche Geschichte mit Valerie Pachner und Robert Stadlober in den Hauptrollen.

KURIER: In „Vier minus drei“ muss eine Frau mit dem Tod ihrer Familie umgehen – eine schwere Thematik. Wie ist es Ihnen ergangen?

Ich habe am Anfang Angst davor gehabt, diesen Film überhaupt zu machen. Das Thema ist einfach angsteinflößend. Aber dann las ich das Drehbuch von Senad Halilbašić und habe und gecheckt, dass es eigentlich um Hoffnung und ums Weiterleben nach einer Tragödie geht. Das steht viel mehr im Vordergrund als der tragische Unfall, der bei uns auch gar nicht gezeigt wird. Das fand ich sehr spannend. Weiters hat mir gefallen, dass es nicht chronologisch, sondern auf zwei verschiedenen Zeitebenen mit verschachtelten Rückblenden erzählt wird. Das hat mich an den Film „Broken Circle Breakdown“ erinnert (in dem es um den Tod eines kranken Kindes geht, Anm.), den ich immer schon ganz toll fand. Dann habe ich gedacht: Okay, man muss sich als Mensch und Filmemacher manchmal seinen Ängsten stellen.

 Regisseur Adrian Goiginger.

Adrian Goiginger, Regisseur von "Vier minus drei", feiert Premiere auf der Berlinale.

Es ist ja das erste Mal, dass Sie nicht selbst das Drehbuch geschrieben haben, oder?

Ja, das hätte ich zu dem Zeitpunkt einfach nicht geschafft. Erstens emotional nicht, weil kurz davor mein zweites Kind geboren wurde. Außerdem war ich vollkommen mit meinem Film „Der Fuchs“ eingespannt. Aber ich schätze Senad sehr und wollte schon länger mit ihm zusammenarbeiten. So hat sich das sehr gut ergeben und gut gepasst. Wir hatten eine enge, künstlerische Zusammenarbeit, die ich sehr genossen habe.

Weicht das Drehbuch stark vom Buch ab oder ist es eher getreu?

Es gibt ein paar Änderungen, was die Figuren und den zeitlichen Ablauf betrifft. Aber im Großen und Ganzen ist es getreu nach der Vorlage. Es gibt sogar ein paar Ereignisse, die im Buch gar nicht vorkommen, aber tatsächlich passiert sind und sich nur im Film finden. Das liegt daran, dass Barbara Pachl-Eberhart sehr eng in den Prozess involviert war: Sie war beim Casting eingebunden, sie hat Drehbuchfassungen gelesen und beim Dreh das Set besucht. Der Film ist ein anderes Werk als das Buch, aber Barbara hat gemeint, es sei genauso nah dran an der Realität wie ihr Buch, nur würde er die Ereignisse von einer etwas anderer Seite beleuchten. Beides – der Film und das Buch – stehen für sich alleine.

Ist es schwierig, jemandes Geschichte zu erzählen, dem man sich verpflichtet fühlt, gleichzeitig aber seinen eigenen Zugang zu finden?

Voll. Das hätte total in die Hosen gehen können (lacht). Ich habe im Endeffekt erst zugesagt, nachdem ich sicher war, dass Barbara sich mit den Veränderungen, die wir für den Film und das Publikum vornehmen müssen, wohlfühlt. Sie ist wirklich eine beeindruckende Frau: Sie hat so eine Ruhe und so eine Kraft, durch alles, was sie erlebt hat. Es war eine ganz tolle Zusammenarbeit. Wir hatten auch deswegen so einen guten Start, weil sie meinen ersten Film „Die beste aller Welten“ gesehen und sehr gemocht hat. Da war einfach ein Grundvertrauen da.

Barbara und ihr verstorbener Mann Heli haben als Clowns gearbeitet. Nicht alle Menschen sind Fans von Clowns. Wie steht es mit Ihnen?

Ehrlich gesagt, war ich bis vor dem Film auch kein großer Fan von Clowns. Ich habe Clowns entweder aus dem Zirkus gekannt, wo sie halblustig mit Spritzblume auftreten. Oder als Horror-Clown aus den Stephen-King-Büchern. Erst durch das Drehbuch und die vielen Gespräche bin ich draufgekommen, dass eine ganze Philosophie, eine Lebenseinstellung hinter dieser Figur steht. Ich habe mit sehr vielen Clowns gesprochen, Bücher gelesen und Dokumentationen geschaut. Clownerie ist uralt und hat es schon bei den amerikanischen Ureinwohnern gegeben. Der Clown steht über dem Gesetz und darf sich über alles lustig machen. In unserer Gegenwart werden sie oft politisch verfolgt, beispielsweise in Russland, wo Clowns im Untergrund leben müssen, weil sie so regierungskritisch sind. Es ist eine extrem faszinierende Welt und total spannend, sie in einen Film zu übersetzen. Dann bin ich draufgekommen, dass es sehr viele Clown-Filme gibt, die mir gar nicht bewusst waren. Alle Charlie-Chaplin-Filme sind Clownerie, „Toni Erdmann“ ist im Prinzip ein Clown-Film oder „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni. Es gibt also sehr viele Clown-Filme, wo die Clowns vielleicht nicht geschminkt sind, aber das ist auch nicht der Punkt. Insofern war es total spannend für mich, das Thema Clown auf eine frische Art für den Film umzusetzen.

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Stark: Valerie Pachner in "Vier minus drei":

Ist es eine besondere Herausforderung für Schauspieler, einen Clown zu spielen?

Wir hatten einen Clown-Coach – einen französischen Clown namens Jean Paul Ledun – der glücklicherweise den echten Heli auch gekannt hat. Dadurch kannte er auch Barbara und hat genau gewusst, worauf es ankommt. Robert Stadlober und Valerie Pachner haben ein extra Clown-Training gemacht. Aber ein richtiges Casting in dem Sinn gab es nicht. Valerie Pachner habe ich in Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ gesehen und fand sie ganz toll. Und Robert Stadlober kannte ich schon lange. Ich hatte das Gespür, dass die beiden zusammenpassen und Lust auf dieses Clown-Abenteuer haben. Wir haben beispielsweise eine völlig improvisierte Szene gedreht, in der Barbara im Kinderspital als Clown bei den Roten Nasen arbeitet. Das hat wunderbar funktioniert, weil Valerie so gut vorbereitet war und auch im echten Leben die Roten Nasen begleitet hat.

Valerie Pachner und Robert Stadlober.

Valerie Pachner und Robert Stadlober als Barbara und Heli in "Vier minus drei".

Besonders für Valerie Pachner, die praktisch in jeder Szene ist, muss der Dreh recht anstrengend sein. Gab es eine Szene, vor der Sie sich „gefürchtet“ haben?

Ja, klar, es gibt eine große Szene, wo die gesamte, aufgestaute Trauer aus Barbara herausbricht. Mehr will ich jetzt nicht sagen, aber da haben wir schon gewusst, das wird zach. Und es war auch zach. Mir ist Authentizität sehr wichtig. Das heißt, dass der Dreh dieser Szene wirklich weh tut - vor der Kamera und hinter der Kamera. Das ist einfach nicht schön. Da hat niemand Spaß daran, aber diese Momente sind wichtig für den Film. Erst dadurch werden auch die anderen Szenen wieder schöner und herzlicher, wenn man einmal in den Abgrund geblickt hat. Aber Valerie ist ein Vollprofi. Ich bewundere den Mut, sich emotional so hineinzuhauen. Es war eine echte Ehre, ihr beim Arbeiten zuzuschauen

Wie schwierig ist es, im Film zu zeigen, wie eine Person eine dramatische Nachricht erfährt? Was zeigt man? Tränen, weinen, schreien … ?

Ja, das ist interessant. Ich bin irgendwann einmal draufgekommen – und ich weiß gar nicht mehr, bei welchem Film das war -, dass es viel spannender ist, Menschen dabei zuzuschauen, wie sie gegen ihre Gefühle, ihre Trauer, ihre Tränen ankämpfen und dabei verlieren. Ich habe zu Valerie gesagt: Bitte versuch, nicht zu weinen. Ich hätte gerne, dass du nicht weinst. Das hat sie dann versucht – und manchmal hat sie es geschafft und manchmal nicht. Das ist viel spannender, als wenn eine Schauspielerin auf Zwang versucht, Tränen herauszudrücken. Mir geht es auch gar nicht darum, Schmerz voyeuristisch auszustellen, sondern darum, dass er glaubhaft ist. Und das geht meistens nur, wenn die Schauspieler alles selber nachempfinden.

Eine besonders starke Szene ist auch die, wo die Arbeitgeber von Barbara ihr nicht mehr erlauben, als Clown aufzutreten, weil alle in ihr nur noch die trauernde Mutter sehen. Haben wir als Gesellschaft ein Problem mit Trauer?

Ich weiß nicht, ob es ein gesellschaftliches Problem ist, aber es kommt schon sehr oft vor, dass Menschen anderen Menschen vorschreiben wollen, wie sie zu trauern haben. Das passiert im kleinsten Bereich. Ich habe das mitbekommen, als meine eigene Mutter relativ jung gestorben ist. Selbst in unserer kleinen Familie hat es unterschiedliche Meinungen gegeben, wie man damit umgehen soll. Im Falle von Barbara war es extra aufgeheizt, weil sie als Wienerin in der Steiermark am Land gewohnt hat. Es heißt ja oft, es gibt das eine Trauerjahr, wo man trauern muss. Sie aber hatte relativ schnell wieder einen Partner. Und auch bei dem Begräbnis – oder dem Seelenfest, wie sie es nennen würde –, hat sie sehr viele Clowns eingeladen. Das war tatsächlich so, ich habe die Videos dazu gesehen. Da war natürlich auch sehr kontrovers – Clowns auf ein Begräbnis einzuladen. Eine Message meines Films ist sicher auch, dass jeder Mensch eine andere Form der Trauer hat. Und da gibt es kein richtig oder falsch. Wenn es jemanden, wie beispielsweise Helis Mutter im Film, extrem viel Halt gibt, sehr oft den Rosenkranz zu beten, muss man das auch akzeptieren. Sie hat genauso das Recht zu trauern wie die Barbara.

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Kein Begräbnis, sondern ein "Seelenfest": "Vier minus drei".

Eine interessante Frage ist ja auch die Frage der Schuld: Wer war schuld an dem tödlichen Unfall. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir haben uns eng an den Roman gehalten und daran, was Barbara uns erzählt hat. Sie hatte lange das Gefühl, ihre Familie sei immer noch da – nur unsichtbar. Dieses Gefühl der Wärme und der Nähe war für sie in den ersten Wochen wie ein Drogenrausch – und dann ging es ganz nach unten. Wie ein High, auf dem der Entzug folgt: Auf einmal war sie ganz allein in einem riesigen Haus in der Steiermark, in dem sie sich eigentlich gar nicht so richtig zu Hause gefühlt hat, denn sie kommt ja ursprünglich aus Wien. Das war schon eine krasse Herausforderung für sie, diese Leere zu füllen. Da kommen alle möglichen Gedanken, bis hin zu Wut, Vorwürfe, einer total lethargischen Depression und dieser Wunsch, ihre Tochter zurückzuholen. Sagen wir so: Man hätte über jeden Aspekt der Trauer einen eigenen Film machen können.

Haben Sie Sorge, dass das Kinopublikum Angst vor dem Thema hat?

Ja, schon ein bisschen, ehrlich gesagt. Aber ich kann das potenzielle Publikum beruhigen! In meinem ersten Film ist es um das Kind einer heroinsüchtigen Mutter gegangen – das ist fast genauso hart, finde ich, wenn man das Thema liest. Dann hat sich durch Mundpropaganda herumgesprochen, dass es eigentlich ein sehr hoffnungsvoller Film ist. Ich glaube, hier ist es auch so. Am Anfang werden sich vielleicht manche Menschen denken: Ich weiß nicht, ob ich mir diesen Film zutrau. Aber ich hoffe, dass es sich herumspricht: Es ist ein Film, der total lebensbejahend ist und davon handelt, wie man nach Rückschlägen weiterleben kann.

Ich habe jemanden erzählt, dass ich ein Interview mit Ihnen mache und der meinte: „Der Goiginger, der macht immer so arge Filme …“ 

Ja, eh (lacht). Stimmt. Aber ich kann nix dafür, so ist eben das Leben. Ich erfinde die Sachen ja nicht. Die Geschichten kommen zu mir und ich sehe es als meine Aufgabe, sie zu erzählen. Das macht oft wirklich keinen Spaß. „Der Fuchs“ zum Beispiel war auch keine nette Erfahrung, aber ich finde, sie gehört gemacht. Das Ziel ist es, Menschen zu berühren und im besten Fall etwas nachhaltig positiv zu bewirken.

Was meine Sie damit, etwas „gehört gemacht“? Ist es eine Art innere Berufung?

Absolut. Wenn ich meine drei „schweren Filme“ hernehme, zum Beispiel „Die beste aller Welten“: Ich habe gemerkt, dass sehr viele Leute glauben, Junkies sind Unmenschen. Und das stimmt einfach nicht. Meine Mutter, die drogensüchtig war, war total liebevoll. Da hatte ich das Gefühl: Ich muss einen Film darüber machen. Und auch bei „Der Fuchs“ (eine Geschichte über seinen Urgroßvater, Anm.): Keiner weiß mehr, dass in Österreich aufgrund von Armut zig Tausende Kinder weggegeben worden sind und was das für Narben in einer Gesellschaft hinterlassen hat. In meiner Generation hat keiner davon gewusst. Und hier sehe ich das auch so, obwohl viele Leute das Buch von Barbara schon kennen. Aber ich wollte mit einem Film zeigen: Man kann so ein Unglück überleben. Man kann das Schlimmste, was einem passiert, überwinden. Jemand hat mir erzählt, dass er nach dem Film sofort seine Kinder ganz fest umarmen musste. Die wussten gar nicht, was los war. Das ist doch schön: Man ist wieder dankbar für Dinge, die man als gegeben hinnimmt.

Haben Sie persönlich etwas aus diesem Film mitgenommen? 

Ja, auf jeden Fall. Ich habe einfach gemerkt, dass der Mensch mehr Kraft hat, als man zuerst denkt. Die „echte“ Barbara war vor dem Unfall auch etwas verloren im Leben. Sie hat oft den Beruf gewechselt und hatte auch unglückliche Beziehungen vor Heli. Aber in ihrer schlimmsten Not ist eine unglaubliche Kraft in ihr entstanden. Das finde ich total inspirierend. Und außerdem bin ich zum Clown-Fan geworden.

Haben Sie schon ein neues Filmprojekt im Auge? 

Ja, ich habe das Gefühl, ich mache immer einen argen Film und dann wieder ein bisschen einen leichteren (lacht). Mein nächstes Projekt ist die Romanverfilmung „Das Café ohne Namen“ von Robert Seethaler. Das ist die Milieustudie eines Kaffees in den 60er-Jahren im zweiten Bezirk in Wien. Das ist eine sehr herzliche Geschichte mit viel Humor. Eine Art Ode an die Arbeiterschaft. Das liegt mir am Herzen. Das wäre wie „Rickerl“, nur sechzig Jahre früher (lacht). Was aber immer in meinen Filmen bleiben wird: Ein wahrer Kern und ein Happy End.

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