Die andere Art der Selbstoptimierung
Auch Joggen hilft gegen den Stress des Rauchentzugs und setzt Glückshormone frei.
Für diesen simplen Ratschlag müsste man eigentlich kein mehr als 300 Seiten umfassendes Werk schreiben. „Let them“ – zu Deutsch „Lass sie doch“ – lautet der Buchtitel der amerikanischen Autorin Mel Robbins, der seit Monaten ganz oben auch auf den deutschsprachigen Bestsellerlisten rangiert.
Worum geht es?
Soll man sich ärgern über den Kommentar einer Freundin, dass man „offenbar ein bisschen zugenommen“ habe? Soll man weinen, weil das Flugzeug versäumt wurde? Soll man verzweifeln, weil das Wetter nicht besser wird?
Mitnichten, empfiehlt die mit Ratgebern, Vorträgen und Podcasts zur Millionärin avancierte Starautorin Robbins. Vielmehr solle man einfach abhaken und nicht weiter beachten und vor allem sich nicht bremsen lassen von Ereignissen, die man ohnehin nicht ändern könne. Anders gesagt: Mel Robbins rät zu mehr Gelassenheit. So weit so banal.
Freiheit?
Das Buch liest sich leicht, immer im flockigen Du-Ton, sodass die Leserin / der Leser immer gleich versteht, dass sie/er gemeint ist und sich wirklich angesprochen fühlt. Von vorn bis hinten gespickt ist das „Let Them“-Opus mit persönlichen Erfolgsgeschichten der Autorin. Die erhob sich aus ihrem Morast aus Schulden, Verzweiflung und Faulheit und arbeitete sich – o Wunder – Schritt für Schritt mit diversen Ratgeberbüchern hoch zu Glück und Wohlstand. Das Wichtigste dabei eben: Alles bleiben lassen, was man nicht ändern kann. Sich darauf konzentrieren, was man wirklich will – und für den Rest: „Lass es doch.“ Der große versprochene Gewinn bei dieser auch nicht wirklich neu erfundenen Art der Selbstoptimierung: die Freiheit, sich nicht mehr um alles kümmern zu müssen.
Gesellschaftsdiagnose
Interessanter als die doch sehr simple Botschaft dieses Mega-Bestsellers ist die Tatsache, dass Autorin Mel Robbins inmitten des gewaltigen Ratgebermarktes eine neue Richtung erspürt hat.
Ratgeber liefern ja meistens auch eine Diagnose der Gesellschaft: Sie beackern die Probleme, die uns quälen und versuchen, möglichst praktikable Lösungen anzubieten. Und wo es bisher hieß: mehr, schneller, höher, dünner, reicher, effizienter – also ein Konzept, das einengt, unter Druck setzt und auf ständige Effizienzmaximierung setzt, spürt Mel Robbins dem tiefen Wunsch nach dem Gegenteil nach: mehr Gelassenheit und alles bleiben lassen, was sich ohnehin nicht ändern lässt. Im Umkehrschluss aber könnte man auch sagen: Mel Robbins skizziert eine Gesellschaft, die sich aus reinem Egoismus in nichts mehr einmischen möchte.
Mel Robbins: „Die Let Them-Theorie“, Goldmann, 365 Seiten, 21,50 Euro
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