Fabian Šoljan und Philipp Rirsch (re.) betreiben Radio Rudina. Hier sind die beiden gerade beim Auflegen.

© Radio Rudina

Kultur
05/16/2021

Radio zum Selbermachen

Der Trend zum Selbermachen gilt auch fürs Radio. Dabei geht es den Betreibern nicht um große Reichweiten, sondern um die Freiheit, eigenes Programm zu machen und Nischen zu bedienen.

von Marco Weise

Radio machen kann mittlerweile jeder – zumindest technisch und finanziell gesehen ist das dank der digitalen Revolution keine große Herausforderung mehr. Denn alles, was man dazu braucht, ist ein stabiles Breitband-Internet, gute Mikrofone, ein Mischpult, einen Computer und vielleicht noch zusätzliche Musik-Abspielgeräte wie Plattenspieler oder CD-Player. Von Vorteil wäre noch auch ein geeigneter Senderaum (notfalls geht auch das eigene Wohnzimmer) und – ganz wichtig – eine Lizenz zum Senden. Man will ja nicht ständig auf der Flucht sein, so wie Mike Krüger und Thomas Gottschalk in der Kult-Komödie „Piratensender Powerplay“.

Um in Österreich also ein Radio offiziell betreiben zu können, muss man zahlen. Die zuständige Behörde (AKM) hebt dafür je nach Zuspruch von den Radiosendern einen jährlichen Betrag ein. Bei bis zu 50 Zuhörenden in der Stunde sind das 432 Euro im Jahr. So viel zahlt auch Radio Rudina, das seit einem Jahr aus einem Kellerstudio in der Mahlerstraße neben der Staatsoper sendet.

Post-Metal aus Jakarta

Bei einem Radiosender gleich neben einem Opernhaus denkt man an Arien, Sinfonien oder Klavierkonzerte. Aber weit gefehlt. Viel mehr liefert Radio Rudina Livesendungen, voraufgenommene Beiträge und Musik – vorrangig aus dem großen Einzugsgebiet der elektronischen Musik. Aber es sei (fast) alles erlaubt und jeder Musikstil möglich. „Mitmachen kann eigentlich jeder. Letztens haben wir ein Post-Metal-Set aus Jakarta gespielt. Uns ist einfach wichtig, dass sich jemand Gedanken zu einem Thema macht und dafür auch spezielle Musik aussucht“, sagt Philipp Rirsch, einer der Gründer des Webradios. Der Twentysomething gehört zu einer Gruppe von Freunden, die bei einem gemeinsamen Urlaub 2019 auf der kroatischen Insel Hvar, genauer gesagt im kleinen Dorf Rudina, die Idee hatten, ein Radio zu gründen.

Zurück in Wien, wurde nach einem geeigneten Senderaum gesucht. Fündig wurde man auf „Willhaben“: Vor rund einem Jahr unterschrieb man den Mietvertrag für einen 500 Quadratmeter großen Keller, der davor als Tonstudio genutzt wurde. Nun macht man dort nicht nur Radio, sondern bietet Kreativen Räume und Werkstätten zum Arbeiten an.

Mit einem normalen, also marktüblichen Privat- oder öffentlich-rechtlichen Radio hat Radio Rudina also nichts zu tun. Vielmehr sehen es die Verantwortlichen als Versuchslabor und Experiment mit offenem Ausgang.

„Radio Rudina steht in erster Hinsicht für Community. Leute die sich zusammentun und gemeinsam Sound machen. So soll das Ganze auch weiter wachsen. Die Leute, die die Shows hören oder beim Radio einschalten, bleiben oft picken und fangen an, selber was für uns zu produzieren“, sagt Rirsch.

Individuell

Während Künstler coronabedingt via Youtube zum Hauskonzert luden, sich DJs beim Auflegen filmten, spielte bei Radio Rudina das Bewegtbild bisher noch keine Rolle. Das soll sich aber heuer noch ändern. „Wir arbeiten gerade daran“, sagt der gebürtige Salzburger.

An der Zukunft wird auch bei Vlan.Radio gearbeitet. Dahinterstecken Carolina-Sophia Steinhuber und Johannes Piller, die seit März dieses Jahres ihr eigenes Internetradio betreiben. Zurzeit finden wöchentlich jeden Freitag von 18 bis 22 Uhr Live-Radioshows statt. Gesendet wird aus den Räumlichkeiten des Wiener Clubs The Loft.

Vlan.Radio konzentriere sich auf „das vielfältige Spektrum der Clubmusik und bilde mit Schwerpunkten auf Techno, D’n’B, Hip-Hop und Electronica samt deren individuellen Subgenres, die unglaubliche Fülle dieser Kultur ab“, wie der Pressetext verrät.

Die produzierten Inhalte werden dann auch über diverse Plattformen (YouTube, Soundcloud, Mixcloud) für die Nachwelt 24/7 zur Verfügung gestellt, sind also jederzeit und weltweit on demand abrufbar.

In den kommenden Monaten wird man am Output, an der wöchentliche Sendezeit arbeiten – man würde sie gerne verdoppeln. Dafür brauche es rund 40 freiwillige Sendungsmacherinnen (Männer mitgedacht). Langfristig soll damit ein Vollbetrieb gewährleistet werden. Diesen bietet Radio Rudina seit gut einem Monat an. Da ein 24-Stunden-Live-Programm natürlich nicht machbar ist, füllt man die übrigen Sendestunden mit Musik. „Wir haben uns für ein Playlist-basiertes System entschieden, das zu bestimmten Zeiten den passenden Sound spielt. In Zukunft soll das auf alle Fälle noch mehr live werden, gerade auf das internationale Publikum bezogen. Morgens vielleicht ein Set aus Seattle und in der Nacht live aus Schanghai. Das wäre der Plan.“

Nische statt Quote

Einen Plan hat auch Res.Radio, das im Frühjahr 2019 gegründet wurde. Dem Verein geht um die Sichtbarmachung subkulturell Beiträge abseits kommerzieller Interessen. Das Programm wird von Menschen aus den verschiedensten Ecken der Wiener Subkultur gestaltet. Beim Sound legen die Betreiber wert auf Diversität. So sieht sich Res.Radio auch als Sprachrohr gegen soziale Ungleichheit und Diskriminierung.

All diesen kleinen und werbefreien Radiosendern geht es in erster Linie nicht um die Quote, um gute Hörerzahlen, sondern um Inhalte, die oft für die Nische gedacht und gemacht sind. Daher werden die Radios auch von Vereinen betrieben und werden auf Freiwilligenbasis betrieben. Geld lässt sich damit (vorerst noch) keines verdienen.

Radio Rudina 
Über die Homepage www.radiorudina.com empfangbar. Das Programm reicht von Live-Sessions bis von MusikliebhaberInnen betreuten Spezialsendungen

Vlan.Radio
Seit März füttert man Kanäle wie Youtube und Soundcloud mit von DJs kuratiertem Programm.

Res.Radio
Sendungen sind unter soundcloud.com/resradio abrufbar. Wöchentlich werden am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag zwischen 17 und 24 Uhr neue Programminhalte über die Homepage ausgestrahlt.

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