Rachel McAdams: „Ich liebe es, wenn sich der Magen umdreht“

Dylan O'Brien schreit.
Ein fieser Boss und seine Angestellte landen auf einer einsamen Insel, wo ein heftiger Überlebenskampf beginnt. Rachel McAdams und ihre Produzentin über die blustlustige Horror-Satire „Send Help“.

Linda Liddle ist der Typ Kollegin, der ihrer Bürogemeinschaft schnell peinlich wird. Sie ist super mit Zahlen, arbeitet doppelt so flott wie alle anderen und ist wirklich nett. Aber Linda kleidet sich spießig, lacht zu laut, redet zu viel und isst Thunfischsandwiches, deren Geruch den Großraum belasten und deren Mayonnaise-Reste in ihrem Mundwinkel kleben.

Ihr neuer Boss Bradley Preston ist das genaue Gegenteil: Ein Schnösel, wie er im Buche steht. Vom Papa hat er das Geld und den Chefsessel geerbt. Ginge es mit rechen Dingen zu, müsste er Linda sofort befördern. Aber Bradley denkt gar nicht daran. Er zieht ihr einen anderen Schnösel vor, der zwar unfähig ist, den er aber aus dem Golfklub kennt. Männer unter sich. Auf gut Englisch: Bro Culture. Da kann eine Frau, zumal eine unattraktive, nicht mithalten. Aber Bradley zeigt sich gnädig. Linda darf mit ihm und seinen Boys im Privatjet zu einem Meeting fliegen und ihre Expertise unter Beweis stellen: „Dann reden wir weiter.“

Leider stürzt das Fugzeug ab und Linda und Bradley werden auf eine einsame Insel gespült. Dort wendet sich das Blatt: Während Bradley hilflos im Sand liegt, beweist Linda ihre Survival-Skills. Und plötzlich ist sie der Boss ...

„Send Help“ (derzeit im Kino) ist ein vergnüglicher Genre-Mix aus Psychothriller, Survival-Satire, schwarzem Humor und Horror. „Tanz der Teufel“- und „Spider-Man“-Regisseur Sam Raimi saß auf dem Regiestuhl und sorgte mit geübter Splatterfilm-Hand für haarsträubende Wendungen und blutig-komischer Action.

Etwas Peinliches

Rachel McAdams, oscarnominiert für ihre patente Verkörperung einer Journalistin in dem Investigativdrama „Spotlight“, gilt als vielseitige Schauspielerin. In so schräger Rolle wie die der Linda Liddle hat man sie allerdings noch nie gesehen: „Ich wollte, dass Linda liebenswert ist, aber auch etwas Peinliches an sich hat“, sagt Rachel McAdams im Roundtable-Gespräch mit dem KURIER und anderen Medien: „Der Film fährt eine schmale Linie, in der sie manchmal psychisch gesund, manchmal psychisch weniger gesund, manchmal die Heldin, manchmal die Anti-Heldin ist. Es war ein Seiltanz.“

SEND HELP

Rachel McAdams als Linda Liddle in "Send Help":

Für Zainab Azizi, Produzentin von „Send Help“ und seit ungefähr sechs Jahren als Kreativpartnerin von Sam Raimi tätig, ist die Besetzung ein wahrer Coup: „Rachel McAdams hat bislang keine so düstere Figur gespielt. Dass sie diese Rolle übernommen hat, ist schon allein ein Plot-Twist. Und dann haben wir nach ihrem männlichen Partner gesucht, der laut Drehbuch ungefähr zehn Jahre jünger sein soll als Linda. So sind wir auf Dylan O’Brien gestoßen.“

Als Produzentin sei ihr die Figur der Linda Liddle besonders am Herzen gelegen, so Zainab Azizi, „denn toxische Unternehmenskultur ist eine Erfahrung, die ich selbst und Menschen aus meiner Umgebung gemacht haben. Ich glaube, viele Leute können sich mit Linda identifizieren.“

'Send Help' red carpet premiere in Hollywood

Zainab Azizi, Produzentin von Sam Raimis „Send Help“.

Die große Herausforderung von „Send Help“ sei allerdings die Balance gewesen, bekennt Azizi: „Die entscheidende Frage für uns war: Wie düster können wir Lindas Entwicklung zeichnen, ohne das Publikum zu verlieren? Denn trotz der haarsträubenden Wendungen, die die Geschichte nimmt, sollen die Zuschauer auf ihrer Seite bleiben.“

Dementsprechend heikel war es gewesen, das Gleichgewicht zwischen Komödie und Horror zu halten.

Sam Raimi wäre aber nicht Sam Raimi, würde zwischendurch nicht ordentlich das Blut spritzen – „und ich habe schon viele Filme gesehen, wo der Mix aus Horror und Comedy schief geht“, weiß Azizi. Die ursprüngliche Drehbuchfassung sei auch um einiges dunkler gewesen als der fertige Film: „Und es war vor allem Dylan O’Brien, der mit seinen spontanen Witzen sehr viel Humor in die Handlung gebracht hat.“

Bis zum Blutrausch

Tatsächlich funktioniert die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern in bester Screwball-Manier – bis hin zum Blutrausch: „Ich liebe diese Momente, in denen sich einem als Zuschauer der Magen umdreht“, freut sich die 47-jährige McAdams: „Man glaubt sich auf festem Grund, und plötzlich wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Es ist eine wahre Achterbahnfahrt.“

 Dylan O'Brien und Rachel McAdams auf der Insel am Strand.

Blutige Robinsonade: "Send Help" mit Dylan O'Brien und Rachel McAdams.

Gedreht wurde die Achterbahnfahrt übrigens in Australien und auf einer thailändischen Insel, die als Schauplatz mit ihren eigenen Herausforderungen daher kam: „Ich habe noch nie einen Film produziert, der auf einer Insel gedreht wurde und habe einige Lektionen lernen müssen“, seufzt Zainab Azizi: „Das fängt mit Ebbe und Flut an und hört mit all den Geräuschen auf, die es auf so einer Insel gibt – von den Zikaden bis hin zum Meeresrauschen. Nicht zu vergessen all die Fußspuren, die ein großes Filmteam im Sand hinterlässt. Dabei sollte es doch auf einer unberührten Insel spielen. Wir waren andauernd damit beschäftigt, mit Sandkehrmaschinen den Strand zu glätten. Trotzdem – ich würde es aber jederzeit wieder machen.“

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