Der Film ist ein Liebesbrief, findet Regisseur Quentin Tarantino

© Deleted - 3693011

Kultur
08/10/2019

Quentin Tarantino im Interview: "Vielleicht werde ich einfach weich"

Der Starregisseur über seinen neuen Film „Once Upon a Time ... in Hollywood“, der am Ende der Hippie-Ära angesiedelt ist.

von Philipp Wilhelmer

Wenn der Filmfan Quentin Tarantino einen Film über Hollywood dreht, kann das schon dauern. 160 Minuten nimmt er sich für „Once Upon a Time ... in Hollywood“, eine Geschichte über die Filmstadt im Jahr 1969, in dem die hochschwangere Sharon Tate von der Manson Family ermordet wurde. Im Film sehen wir die Geschichte des abgehalferten Actionhelden Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), der neben Tate wohnt und sich an seine Vergangenheit und seinen Stuntman Cliff Booth (Brad Pitt) klammert. Der KURIER traf den Kultregisseur in Berlin, wo erzählte, wie er den mörderischen Sektenführer Charles Manson wieder aus dem Film strich und wie er sich seine Zukunft im Streamingmarkt vorstellen könnte.

KURIER: Herr Tarantino, sie müssen im Herzen Nostalgiker sein.

Quentin Tarantino: Ich bin definitiv ein kleiner Romantiker, aber vielleicht werde ich auf meine alten Tage auch einfach weich.

Sie porträtieren Los Angeles in den 1960er-Jahren. Wenn Sie es sich aussuchen könnten: In welcher Ära hätten Sie gerne Filme gedreht

Wenn es um das tatsächliche Alltagsleben in Hollywood ginge, müsste ich wahrscheinlich sagen: In den frühen Sechzigern. Die Zeit, in der es „Dino’s“ am Sunset Strip gab (ein berühmter „Supper Club“, den Dean Martin eröffnet hatte, Anm.). Was die Filme, die Ära und die Schauspieler angeht, wären es die Siebziger.

Sie sind in den 1960ern in Los Angeles aufgewachsen. Was ist eigentlich Ihre erste Erinnerung an Hollywood?

Das wäre Grauman’s Chinese Theatre (Es wurde 1927 von dem Kinobetreiber Sid Grauman im Stil einer chinesischen Pagode erbaut und steht noch heute am Hollywood Boulevard, Anm.). Ich war das erste Mal 1969 dort – meine Mutter und mein Stiefvater nahmen mich mit. Wir sahen „Butch Cassidy and The Sundance Kid“. Sie beschrieben mir die Hand- und Schuhabdrücke vor der Tür und nannten mir Prominente, die ich kannte – etwa Roy Rogers oder John Wayne.

„Once Upon a Time ... in Hollywood“ wird von manchen Kritikern als nostalgischer Trip durch die Ära des New Hollywood betrachtet, das damals den althergebrachten Filmbetrieb herausforderte und Genres aufbrach. Danach kamen Blockbuster wie „Der Weiße Hai“. Was ging mit dieser Ära unter?

Die Mentalität von Hollywood änderte sich mit dem „Weißen Hai“, mit „Star Wars“ oder „Rocky“. Allein, was das Konzept des Happy End angeht: Wir hatten das eigentlich schon hinter uns gelassen. Üblich war eine Filmfigur, die unter grauenhaften Umständen starb und nichts erreicht hatte. Die „Rocky“ -Filme brachten das Happy End zurück. Und wir wurden es nicht mehr los. Seltsamerweise bezieht sich jeder auf die Behauptung, ich hätte einen Liebesbrief an Hollywood verfasst. Ich würde das nicht Liebesbrief nennen. In der Art, wie ich drehe, gibt es einen romantischen Aspekt. Aber ich finde, dazu kommt auch ein zynischer Blick. Ich stimme mit Rick in fast nichts überein. Ich liebe seine Filmfigur, aber er spricht nicht für mich. Im Gegensatz zu ihm liebe ich „Spaghetti-Western“. Ich liebe Winnetou-Filme. Er könnte sich das alles nicht anschauen.

1969 fand das Altamont-Konzert statt, wo ein Hells Angel einen Besucher erstach, Sharon Tate wurde von der Manson-Family ermordet. Glauben Sie, die Hippie-Bewegung hätte ohne diese Tragödien länger überlebt?

Man kann sich nicht erwehren, darüber nachzudenken. Zeitgleich mit der Love-Peace-Bewegung wurden in Vietnam jeden Tag Menschen abgeschlachtet. Die Polizei zu Hause war außer Kontrolle, Menschen wurden für fünf Jahre ins Gefängnis gesteckt, weil sie einen Joint dabei hatten. Ich denke mir letztendlich, so wunderbar die Hippie-Kultur war, so wenig nachhaltig war sie als soziales Konstrukt. Es nahm irgendwie seinen Lauf.

Sie gelten als Enzyklopädie der Populär- und Filmkultur. Haben Sie für das Drehbuch noch viel Recherche benötigt oder schrieben Sie drauflos?

Was die Sachen über Hollywood angeht: Dieses Wissen habe ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet und endlich konnte ich damit auch etwas anfangen. Ich habe eine Menge intensive Recherchen zur Manson-Familie angestellt, etwa wie ihre Strukturen waren und wie das Leben auf der Spawn Ranch funktionierte. Es kommt nicht im Film vor, aber ich ließ Manson in einer Szene reden. Dazu musste ich mir die Art und Weise aneignen, wie er spricht. Das ganze hat mich ein Jahr lang an dem Film zweifeln lassen. Ich habe es dann weggeworfen.

Sharon Tates Schwester Deborah gab Ihnen den Segen zu dem Drehbuch. War das wichtig für Sie?

Wenn man einen Film wie diesen macht – vor allem mit einem Ende wie diesem –, wird es nicht jeder leiden können. Es ist ein bisschen riskant. Das heißt nicht, dass man ihn nicht dreht, aber ein kleines Risiko bleibt. Aber: Deborah ist okay mit dem Film. Also bin ich das auch. Und alle anderen können denken, was sie wollen.

Der Film ist in den USA bereits gestartet. Wie geht es Ihnen eigentlich mit dieser Phase der intensiven Berichterstattung voller Interpretationen, Reaktionen und Zurufen ...?

Es gab eine Zeit, in der man sich für ein interessantes Interview zusammensetzte, dabei ein Gefühl für sein Gegenüber hatte. Man gab etwas von sich her und las es dann in der Zeitung oder in einem Magazin. Man las es und alles Gesagte hatte einen Kontext. Heute wird das sensationellste Ding, das man sagte, herausgenommen und auf dreizehnhundert Websiten veröffentlicht – von der Times of India zur Irish Republic Times, bloodydisgustingdotcom oder was zur Hölle auch immer. Das führt dazu, dass ich nicht gerne Interviews gebe. Das Gute allerdings ist: Wir haben einen Film gedreht, der offenbar einen Dialog startet. Am Freitag las man die Kritiken und am Samstag kamen die Reflexionstexte heraus. Ich mochte sogar die Texte von Leuten, die das Ende nicht gut fanden.

 

Seinen Durchbruch hatte der Filmfreak mit dem Gangster-Episodenfilm „Pulp Fiction“ (1994), für den er seinen ersten Oscar erhielt. Er drehte danach unter anderem die Blaxploitation-Hommage „Jackie Brown“, das Samurai-Drama „Kill Bill“, ließ in „Inglorious Basterds“ Hitler sterben und Christoph Waltz in Hollywood brillieren. Mit „Django Unchained“ erhielt er seinen zweiten Oscar, ebenfalls unter Mithilfe von Christoph Waltz. Tarantino will zehn Filme drehen. Neun sind es aktuell.

Haben Sie Feedback von Roman Polanski bekommen?

Nein, noch nicht. Wir hatten über einen gemeinsamen Freund Kontakt. Wir werden aber versuchen, ein Screen-ing für ihn in Frankreich zu organisieren.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Ich weiß wirklich nicht. Es ist ein bisschen angsteinflößend, aber auch sehr aufregend. Das ist auch etwas, das die Siebziger so aufregend gemacht hat: Wenn Hollywood gerade nicht weiß, was als Nächstes passiert, ist es oft am kreativsten.

Sie haben zehn Filme angekündigt. Wir halten bei Nummer neun. Was würden Sie denn ohne Kino machen?

Ich bin ein Schreiber, ich werde Drehbücher schreiben, Romane ...

Dann würde aber jemand anderer Ihren Film drehen ...

Nicht, wenn ich nicht verkaufe (lacht).

Würden Sie jemals einen Film via Streamingdienst veröffentlichen?

Ich denke nicht, dass ich das mit einem Film machen würde. Aber vielleicht mache ich ja eine Fernsehserie.