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Kultur
12/05/2011

Peter Gabriel: "Israel muss generös sein"

Polit-Aktivist Peter Gabriel nahm nach Rock-Klassikern jetzt für die CD "New Blood" eigene Songs mit Orchester auf. KURIER taf Gabriel zum Interview.

Solsbury Hill", "Don't Give Up", und "Digging In The Dirt" sind drauf, aber Peter Gabriels größte Hits "Sledgehammer" und "Games Without Frontiers" fehlen auf "New Blood". Im KURIER-Interview erklärt er, warum. Und wieso er politisches Engagement Plattenproduktionen vorzieht.

KURIER: Wie haben Sie die Songs für die Orchesterbearbeitung ausgesucht?
Peter Gabriel: Ich wollte auf keinen Fall nur Hits mit Streichern untermalen. Deshalb habe ich Songs genommen, die nicht die übliche Strophe-Refrain-Form haben, sondern Drama und eine Entwicklung. Nur so konnten wir mit dem Orchester eine Platte mit eigenständiger Qualität machen.

Warum haben Sie seit 2002 keine CD mit neuen Songs mehr veröffentlicht?
Ich werde das im Jänner angehen, habe viele Ideen für Experimente mit Elektronik und Rhythmik. Aber ich habe eine junge Familie, einen neunjährigen Sohn , dem ich helfe, seine ersten Songs zu schreiben. Dafür wollte ich Zeit haben. Denn ich habe mehr Interesse an einem spannenden Leben, als an vielen Platten auf dem Markt.
Zum spannenden Leben gehört für Sie politisches Engagement. Gerade unterstützen Sie massiv die Bestrebungen der Palästinenser, von der UNO als Staat anerkannt zu werden.

Warum halten Sie das für so wichtig?
Ich war immer schon ein großer Verfechter der Zwei-Staaten-Lösung. Ich bin in keiner Weise gegen Israel. Ich bin aber in jeder Weise gegen israelische Aggression und bin der Meinung, dass sie sich gegenüber den Palästinensern absolut beschämend verhalten haben. Sie müssen unbedingt zu den Grenzen von 1967 zurückkehren und einige der Siedlungen auf Palästinenser-Gebiet aufgeben. Ich war selbst dort und habe gesehen, wie das Land von diesen Siedlungen und den breiten, schwer bewachten Straßen zerstückelt wird, wie Palästinenser wegen Kontrollen zwei, drei Stunden für eine Strecke brauchen, die Israelis in 20 Minuten zurücklegen.

Hat es Sie überrascht, dass Obama angekündigt hat, im UN-Sicherheitsrat ein Veto dagegen einzulegen?
Um fair zu ihm zu sein, muss ich sagen, dass er es da sehr schwer hat. Ich glaube, das Problem ist, dass die israelische Lobby in Amerika einer der größten Kapitalgeber der Demokraten ist und sowohl auf die Linken als auch die Rechten in Amerika enormen Einfluss hat. Also steht Obama da stark unter Druck. Ich glaube, Israel muss generös sein und großzügige Friedensverhandlungen anführen - in unserem aber auch im eigenen Interesse, denn dann wird auch Israel viel sicherer werden.

Sie sind auch ein Technologie-Pionier, haben Entwickler-Firmen und zwei Jahre vor iTunes ein Download-System ins Netz gestellt. Was treibt Sie dabei an?

Mein Vater war Elektrotechniker und Erfinder und hat immer an Sachen für die Zukunft gearbeitet. Ich habe zwar nicht seine Kenntnisse, aber ich habe seine Leidenschaft und bin fasziniert davon, was man vor allem mit Mobil-Telefonen noch machen kann. Im Moment arbeiten wir an einem Textsystem, das sich beim Filmen einschaltet. Und an einem Benefiz-Projekt, das eine Art AppStore für Dinge ist, die Leute in ihren Fähigkeiten ermutigen und bestärken.

Gabriel sieht Europa als die "nächste Dritte Welt"

"Von allen Awards, die ich in meiner Karriere bekommen habe, bedeutet mir dieser hier am meisten", sagte Peter Gabriel, als er 2006 in Rom mit dem "Man Of Peace"-Award der "Nobel Peace Laureates"-Stiftung ausgezeichnet wurde. "Ich bin nämlich so naiv zu glauben, dass wir in unseren Seelen das magische Element finden, mit dem wir Information in Wissen, Wissen in Weisheit und so Krieg in Frieden verwandeln können."

Dafür setzt sich Gabriel am liebsten mithilfe moderner Technologien ein. 1992, nachdem die zufällig gefilmte Prügel-Attacke der Polizei auf den Afrikaner Rodney King Empörung ausgelöst hatte, gründete er "Witness". Dabei werden Aktivisten mit Kameras ausgestattet und technisch und rechtlich darin geschult, Misshandlungen und Kampagnen filmisch zu dokumentieren. Das Material wird dann an Medien und Menschenrechts-Kommissionen geschickt.

Schon 1999 hatte Gabriel die Idee, ehemalige Politiker zusammenzubringen, um deren Erfahrung und Anerkennung für Friedens-Projekte zu nutzen. Er entwickelte das Konzept mit Richard Branson und setzte es 2007 um. Unter den "Elders" sind Kofi Annan, Nelson Mandela und Bischof Desmond Tutu.

Als Menschenrechtsaktivist sieht Gabriel auch die derzeitigen Beziehungen zwischen dem Westen und China, das sich in der Krise in die hiesige Wirtschaft einkauft, kritisch. "Unsere
Bank ist China", sagt er im KURIER-Interview. "Deshalb trauen sich unsere Politiker nicht, ihnen in Bezug auf Menschenrechte Paroli zu bieten. Dabei glaube ich, dass die Chinesen Leute, die das tun, weit mehr respektieren. Von den amerikanischen Präsidenten hatten sie mit Republikanern wie Nixon und Bush sen., die ihnen durchaus widerstehen konnten, die besten Beziehungen. Wir im Westen sollten weit weniger Angst vor den Chinesen haben, als davor, dass wir unsere eigenen Prinzipien aufgeben."

Gleichzeitig setzt Gabriel viel Hoffnung in China. "Sie liberalisieren und sind auf dem richtigen Weg. Ein chinesischer Wirtschaftsprofessor hat mich einmal darauf hingewiesen, wie lange es in Amerika gedauert hat, bis die Sklaverei abgeschafft war, bis Schwarze und Frauen wählen durften. Er argumentierte, dass sie viel schneller liberalisieren."

Je wohlhabender China wird, desto größere Fortschritte wird es dabei gehen, meint Gabriel. Wobei er darin eine andere Gefahr sieht: "Wir lassen sie bei uns Industrien übernehmen, um einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Aber dadurch wird es hier bald weniger Industriejobs geben, weil die Arbeitskosten höher sind als in China. Dann müssen wir wieder billiger produzieren. Wir in Europa könnten so die nächste Dritte Welt mit Billig-Jobs werden."Gabriel sieht Europa als
die "nächste Dritte Welt"

Kurzbio: Genesis war eine Schulband

Karriere: Peter Brian Gabriel, geboren am13.2.50 in Chobham/England, gründete 1967 mit Schulfreunden die Band Genesis, die er 1975 verließ.

Reunion: Gabriel ist in Kontakt mit allen Genesis-Mitgliedern, einer Reunion nicht abgeneigt. Die Schwierigkeit: "Wie wir heute mit mir als Sänger noch relevant sein können, wenn sie danach mit Phil Collins eine komplett andere Karriere hatten."

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