Peter Filzmaier am Montagabend in der "ZiB2".

© ORF

Kultur
08/20/2019

Peter Filzmaier ist der wichtigste Politologe des Landes. Warum?

Mit seinen Analysen in ORF und Krone wurde er zu einer der wichtigsten politischen Stimmen. Ein Porträt.

von Philipp Wilhelmer

Wie wird man zur Kultfigur? Im Internetzeitalter durch Wiederholung. Und die hat Peter Filzmaier blendend drauf: Wann immer es innenpolitische Problemstellungen oder einfach nur ein „Sommergespräch“ einzuordnen gilt, sitzt „Professor Filzmaier“ in der „ZiB2“  und erklärt den Sehern die Welt. Sein Hang zur Wuchtel wird jedoch durchaus kritisch beäugt.

Sein Stakkato, mit dem er souverän die Bedeutungsebenen jongliert, ist legendär. Und es gibt wohl keinen Politologen, der so telegen ist – und er ist auch im Internet eine Größe: Auf Twitter verlieh man ihm den gängigen Spitznamen „The Filz“, mit dem er einen Schritt vor dem Meme zu stehen scheint, jene Art von Internetverballhornung, die eines signalisiert: Hier hat es jemand zu wirklich großer Bekanntheit gebracht.

„Sag 30 Sekunden“

ORF2-Chefredakteur Matthias Schrom kommt ins Schwärmen: „Wenn du ihm sagst: ,Sag’ 30 Sekunden etwas, dann dauert sein Sagergenau 30 Sekunden.“ Timing ist das eine, Expertise das andere: „Er interessiert sich wirklich für Wahlrecht“, attestiert ihm Schrom etwa. Filzmaier wahre auch immer die Neutralität der ihm zugedachten Expertenrolle. „Ich wüsste nicht, was er wählt“, meint Schrom.

Die FPÖ jedenfalls nicht, möchte man hinzufügen: In der Krone, dem zweiten großen Medium, für das Filzmaier arbeitet, schreibt er schon einmal vom „Ibizaheini“ Strache und bezeichnet den ehemaligen FPÖ-Chef in der „ZiB2“-Analyse nonchalant als „wildgewordene Flipperkugel“.

An solchen Stellen scheint Filzmaier den Professor abzustreifen und lieber Wuchteln ins Publikum zu feuern. So attestiert ihm die Politikberaterin und ehemalige Schüssel-Sprecherin Heidi Glück, dass Filzmaier „wenn es um die FPÖ geht, nicht besonderen Wert auf politische Ausgewogenheit legt“.

Fest steht: An Filzmaier kommt man als politisch interessierter Medienkonsument kaum vorbei. Wenn er nicht im ORF zu sehen ist, schreibt er in der Krone – für deren Jubiläumsausgabe verfasste er regelrechte Hymnen auf den Journalismus der Marke Dichand. Auch hier scheint sich der Politologe von seiner Rolle des einordnenden Experten zu entfernen und betritt lieber als Player das Spielfeld.

Er prägt den Spin

„Er hat die Hoheit der politischen Kommentierung“, attestiert Glück seinen Fernsehauftritten. „Er ist die Nummer eins und prägt den ganzen Spin.“ Diese Problemlage hat man im ORF erkannt, weswegen in den Analysen zu den Sommergesprächen immer eine Print-Journalistin als zweiter Studiogast in der „ZiB2“ sitzt, um den Eindruck der Dominanz zu zerstreuen. Trotzdem: „Herr Professor ...“, moderierte ihn am Montag „ZiB2“-Mann Martin Thür an. Gepaart mit der äußerst telegenen Art von Filzmaier ist damit für den Seher klar, wessen Meinung hier letztendlich zählt, da kann noch so eine kompetente Zeitungsjournalistin das Beiwagerl spielen.

Die Art, aus dem Kopf politische Daten der letzten Jahrzehnte abzurufen, und dabei mit intelligentem Schmäh Querverweise herzustellen, beschert ihm zahlreiche echte Fans unter den Politikjournalisten. Der langjährige ehemalige Krone-Innenpolitikchef Claus Pándi etwa meint: „Was er aus dem Stegreif zu den Welten Banalpolitik und Weltpolitik, Shakespeare, Gudenus und Strache bringt – da habe ich Genieverdacht.“ Einzig: Die Krawatten seien „interessant“, ätzt Pándi. Und tatsächlich scheint Filzmaier vornehmlich jene Art Männeraccessoire zu tragen, die man zum Vatertag geschenkt bekommt, um sie dann dankbar für immer in einer Lade verschwinden zu lassen.

Was gibt es sonst zu wissen? Filzmaier redet nicht nur am Bildschirm so, wie man ihn von seinen Fernsehauftritten kennt. Und für einen Politologen macht er richtig viel Geld: Mit Vorträgen, Unternehmensberatung, Studien und Moderationen hat er ein sehr gutes Auskommen. Laut dem Ö1-Medienmagazin „#doublecheck“ nahm er 2017 rund eine halbe Million Euro ein. Schätzungen gehen davon aus, dass dieser Betrag doppelt so hoch sein könnte.

Finca

Was macht man mit soviel Geld? Eine Finca erwerben etwa. Und nein, da lauert keine Pointe: Filzmaiers Immobilie steht nicht auf der Partyinsel Ibiza, sondern auf Mallorca.

Die Gerüchte über seine angeblichen Topverdienste durch den ORF sind dem Vernehmen nach sehr übertrieben: Der trend ordnete ihm zuletzt etwa 200.000 Euro im Jahr zu – in Wahrheit dürfte das Honorar unter der Hälfte liegen.

Warum Filzmaier so lange reden kann, ohne Luft zu holen, liegt möglicherweise an seiner Sportlichkeit: Internationale Marathons beendete er bereits mit Zeiten, die ihn in die heimische Berichterstattung Einzug halten ließen. „Er ist auch in Sportmeldungen schon vorgekommen“, schmunzelt Schrom.

Was in Vergessenheit geriet: Filzmaier ist eigentlich USA-Experte. Er kommentierte zunächst die amerikanischen Wahlen, bevor er zum Herbert Prohaska der heimischen Innenpolitik avancierte. Mit dem Fußball-Co-Kommentator hat Filzmaier eines gemeinsam: Er vermittelt eine authentische Freude am Gesagten. Wenn Filzmaier seine 30-Sekunden, in denen er rhetorisch um die halbe politische Welt reist, beendet hat, strahlt er verschmitzt vor sich hin. Man freut sich mit ihm.