McCartney-Doku auf Amazon: Einblicke in die Zeit nach den Beatles
„Der größte Segen ist, dass ich mich mit John versöhnen konnte.“
Das sagt Paul McCartney am Ende des Dokumentarfilms „Ein Mann auf der Flucht“ (engl.: „Man On The Run“), der seit Kurzem auf Amazon Prime gestreamt werden kann.
Allerdings fokussiert sich Regisseur Morgan Neville damit nicht auf McCartneys Zeit mit den Beatles, sondern auf das schwierige Jahrzehnt nach 1970, als er sich von der legendären Band getrennt hatte, seine eigene Identität als Künstler suchte und mit der Band Wings fand, die am Ende in Fußballstadien auftreten konnte. Wie steinig der Weg dahin war, erklärt Neville anhand von aktuellen und alten Interviews mit McCartney, den Musikern der Wings, aber auch McCartneys Töchtern Stella und Mary, seiner verstorbenen Frau Linda und John Lennon.
Denny Laine, der mit McCartney den größten Wings-Hit „Mull Of Kintyre“ geschrieben hat, aber auch andere Wings-Mitglieder erzählen, dass McCartneys Traum, mit den Wings eine Band wie die Beatles zu haben, nicht zu realisieren war: „Er war ein internationaler Superstar, wir unbekannt.“ McCartney resignierte schließlich: „Weil das nicht ging, entschied ich mich, ein guter Boss zu sein.“
Weil seine Geschichte nicht von der der Beatles zu trennen ist, erzählt McCartney in dem Film, warum er sich mit Lennon zerstritten hatte: Lennon hatte Allen Klein als Manager engagiert. McCartney mochte Klein nicht, weil er sofort den Verdacht hatte, Klein würde die Beatles übers Ohr hauen. Später gibt John Lennon zu, dass McCartney damit recht hatte.
Schmerzhafte Kritik
Generell wird in „Ein Mann auf der Flucht“ nichts geschönt. Auf die Verhaftungen wegen Besitzes von Marihuana geht Neville genauso ein, wie auf das von der Kritik verrissene TV-Special von 1973, in dem McCartney im rosa Frack herumhüpft, und auf die harsche Kritik, die ihm für die ersten Solo-Alben „McCartney“ und „Ram“ entgegen schlug.
Noch schlimmer: Die permanente Kritik daran, dass er für „Ram“ seine untalentierte Frau Linda ins Boot holte, die später bei den Wings Keyboard spielte. Er sagt, er brauchte sie an seiner Seite. Doch die Kritik an ihr hörte nie auf. Die Töchter erzählen, dass ihr das sehr weh getan habe, auch wenn sie es nicht zeigen wollte, dass diese Kritik die beiden aber nur noch entschlossener machte, es durchzuziehen.
Durch die Kritik noch entschlossener: Linda und Paul McCartney.
Zwischen Farm und Tonstudio
In „Ein Mann auf der Flucht“ ist auch genug Platz für humorvolle Erinnerungen an diese Zeit. Überhaupt lernt man McCartney in der Doku als verspielten Mann kennen, der gerne Spaß hat und Spaß macht – nicht nur aufgrund der Interviews.
Denn die Bilder zu der Doku hat Neville zu einem erheblichen Teil aus dem privaten Filmarchiv der Familie. Man sieht McCartney auf der Farm in Schottland, wie er sich um seine Schafe kümmert, mit den Kindern spielt und seine Pferde reitet. Andere Bilder kommen von der Wings-Tour, zeigen ihn im Studio oder backstage bei den Konzerten.
Insgesamt ist die Doku das gelungene Porträt einer Phase im Leben des Musikers, in der er „ein normaler Mann“ sein wollte, das aber nicht mehr sein konnte. Auch heute, sagt Neville, bestehe der 83-Jährige noch strikt darauf, dass man Paul zu ihm sagt – nicht Sir Paul McCartney und auch nicht Mr. McCartney.
"Ein Mann auf der Flucht" ("Man on the Run") ist bei Amazon Prime zu sehen, es gibt auch ein Soundtrack-Album dazu.
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