Palais Sturany: Die Metamorphosen eines Prachtbauwerks

Wiens erstes Neo-Barock-Gebäude am Schottenring ist zugleich der Theaterarchitekten Fellner und Helmer bedeutendstes Wohnhaus.
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Schottenring 21. Was heute zum königlichen saudi-arbischen Immobilien-Portfolio zählt, war schon seinerzeit ein Beispiel par excellence für Prunk und Stil in der Spätphase des Historismus in Wien am Ring .

Das repräsentative Stadtpalais entstand 1878 bis 1880 in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gebäude der Frucht- und Mehlbörse (Nr. 19) und dem Haus Wagner von Otto Wagner (Nr. 23). es fungierte als gesellschaftliche Visitenkarte für den Hofbaumeister Johann Sturany, der Teil des Wiener Großbürgertums war, das sich zwischen Adel, Finanzwelt und Künstlerkreisen bewegte.

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Wird die Ringstraße meist mit Namen wie Hansen und Semper verbunden, steht Sturany als wirtschaftlich erfolgreicher Baupraktiker und reicher Bauherr für eine weniger sichtbare Elite: Er ist gewissermaßen den Typus des „Self-made-Großbürgers“ der Gründerzeit.

Waren die meisten Ringstraßengebäude im Neorenaissance-Stil errichtet, bekam das elegante Mietshaus mit sieben Wohnungen, geplant vom renommierten Architekten-Duo Ferdinand Fellner und Hermann Helmer eine Fassade mit Stilelementen des Rokoko wie auch des Barock.

Man kann es als bewusste Differenzierung sehen: Sturany wollte repräsentieren und dabei auffallen – nicht nur mit Lage, sondern auch mit Stil.

Luxuriöse Ausstattung

Karl Kundmann, Schöpfer u. a. des Schubert-Denkmals im Stadtpark und einiger Skulpturen des Rathauses, kreierte die Atlanten des Portals.

Exquisit auch die Metallarbeiten des Hof-Kunstschlossers Albert Milde, seit der Wiener Weltausstellung 1873 ein Star seiner Branche: das prunkvolle Tor mit Porträtmedaillons, Balkongitter sowie Hängelaternen und Wandleuchten. Ein Blickfang ist die auf dem Geländer im Stiegenhaus sitzende schmiedeeiserne Frauenfigur mit Schmetterlingsflügeln.

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„Idyll und Humor machen im Treppenhaus gute Laune. Ein schönes Spiel mit dem Stil sieht man in der Treppenunteransicht, wo eine kleine Ratte zwischen den Ranken steckt“, sagt die Kunsthistorikerin Enikő Tóth.

„Die Mieter konnten sehen, dass sie in einem exzeptionellen, individuellen Haus wohnten: Alle Details wurden ausschließlich für dieses Palais angefertigt und geben ihm so einen unverwechselbaren Charakter. Die Meister, die diese künstlerischen Werke erträumt und ausgeführt hatten, haben ihr Handzeichen hier gelassen.“

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Für die Deckendekoration des großen Salons mit dem geschlossenen Erker in der großen Beletage-Wohnung wurden Franz Matsch, Ernst Klimt und Gustav Klimt engagiert: Sie malten, inspiriert von Hans Makart, vier Medaillons, die Allegorien der darstellenden Künste – Musik, Tanz, Poesie und Schauspiel – wiedergeben.

Wohnhaus wird Botschaft

Nach dem Ersten Weltkrieg mutierte das Luxusmietshaus zum Bankhaus, dann zum Sitz der Neusiedler Papierfabrik und zur Residenz zahlreicher Aktiengesellschaften, bis es der Staat in den 70er-Jahren kaufte und der Universität Wien zur Verfügung stellte und die Katholisch-Theologische Fakultät einzog.

2011 ans Königreich Saudi-Arabien verkauft, wurde das am Schottenring eröffnete „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID) nach politischen Kontroversen 2022 wieder geschlossen. Danach übersiedelt die saudi-arabische Botschaft von Döbling in die City.

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