Kultur
29.11.2018

Otto Waalkes über "Der Grinch“: Der Fiese und der Friese

Otto Waalkes hat dem pelzigen, grünen Weihnachtsgriesgram seine deutsche Stimme geliehen: „Der Grinch“.

Die englischsprachige Welt hat Benedict Cumberbatch, wir haben Otto. Der legendäre Humor-Friese spricht in der deutschen Synchronfassung des gewitzten Animationsfilms „Der Grinch“ (derzeit im Kino) die Titelrolle.

Schon möglich, dass im englischen Original der Grinch mit der Stimme von Herrn Cumberbatch honoriger klingt, als wenn er von Otto intoniert wird. Lustig ist er auf jeden Fall.

Ein Gespräch mit dem berühmtesten Friesen (der Welt?) über Humor, schlechte Laune und Alkohol zu Weihnachten.

KURIER: Herr Waalkes, in Amerika ist „Der Grinch“ sehr populär, hier hingegen kennt ihn kaum jemand. Wollen Sie ihm bei uns auf die Sprünge helfen?

Otto Waalkes (mit seiner typischen, aufgeregt-atemlosen Otto-Stimme im Schnelltempo): So weit ich kann, gerne. Ich habe den Original-Grinch natürlich gelesen. Der Autor, Dr. Seuss, ist, so viel ich weiß, in Amerika das, was bei uns die Brüder Grimm waren. Vor ein paar Jahren gab es eine Realverfilmung mit Jim Carrey, eher gewöhnungsbedürftig. Die Figur des Grinch ist eine gezeichnete, und der kommt eine liebevoll gemachte Animation natürlich viel näher als jeder Schauspieler. Und die Geschichte hat jetzt ein noch besseres Ende: Der Grinch wird aus seiner Einsamkeit erlöst und kann seinem besseren Ich freien Lauf lassen. So ein bisschen Herzenswärme fand ich ganz hübsch. Deswegen war ich gern bereit, in der deutschen Fassung mitzuwirken.

Mussten Sie sich sehr ans Drehbuch halten oder konnten Sie auch mal so richtig loslegen?

Im amerikanischen Original hat die Rolle Benedict Cumberbatch – ich sage immer Kummerbatsch – gesprochen, und der macht das sehr sophisticated. Ich habe versucht, in meiner Version dem Grinch etwas Otto-Spezifisches einzuhauchen. Das ist nicht einfach, weil die Bilder schon vorgefertigt hier ankommen. Die deutsche Sprache da lippensynchron unterzubringen, ist schwierig. Das dauerte, jeden Tag acht Stunden im Tonstudio. Als ich das Faultier Syd in „Ice Age“ gesprochen habe, hatte ich mehr Freiheiten.

Üblicherweise spielen Sie lustige Rollen, hier hingegen waren Sie eher knurrig. Ungewohnt?

Das war sehr ungewohnt. Es reicht ja nicht, sich zu sagen: „Da gibt es dieses fieses Biest, das lebt ganz allein und wird zufällig gesprochen von Otto.“ Ich wollte, dass Otto im Grinch präsent ist, und dafür musste ich schon grinchig klingen. Um glaubwürdig zu wirken, mussten diese beiden Typen verwachsen: Der Friese und das Biest. Sauschwierig.

Wie haben Sie sich auf den düsteren Grinch eingestimmt?

Ich hab mir das Original von Cumberbatchs Grinch angehört und mir gedacht: So kann ich das sowieso nicht – also mache ich es ganz anders. Der amerikanische Produzent hat mir voll vertraut.

Der Original-Grinch ja eine ziemlich missgelaunte Figur, während Ihr Grinch eigentlich auch ganz nett ist.

Das haben Sie in diesem Film nett gemacht: Der Grinch ist ja eigentlich guten Herzens, kann es aber nicht so gut zeigen. Er ist zum Beispiel sehr tierlieb, was auch dafür spricht, dass er eigentlich kein schlechter Mensch ist. Am Ende zeigt sich auch, dass er nicht Weihnachten hasst, sondern seine Lage: Er ist einsam. Und das ist die frohe Botschaft zum Happy End: dass der vermeintlich böse am Schluss dann doch ganz ...holaderidi... nett ist. Diesen Gesinnungswandel stimmlich nachzuvollziehen, hat mir Spaß gemacht. Charakterstudien sind ja sonst nicht ganz mein Fach.

Haben Sie etwas mit der Figur gemeinsam?

Ja, die Unterhose. Und die grünen Schuhe hier (hebt seine Füße hoch, die in grasgrünen, pelzigen Turnschuhen stecken).

Sehr witzig sind die Schlechte-Laune-Kostüme, die der Grinch jeden Tag anzieht.

Das hat mir besonders gefallen: Es passte zu mir und hat mich an meine alten Otto-Platten erinnert. Von denen konnte ich einiges unterbringen, etwa diverse Schreie. Ich hätte auch gerne den .... hechel... hechel... Hund gespielt.

Wie halten Sie es  mit Weihnachten? Mögen Sie dieses Fest?

Jaja, ich komme aus einem Haushalt, wo Weihnachten traditionell gefeiert wurde, alle  Jahre wieder: Um fünf Uhr haben alle Familienmitglieder versucht, die immer gleichen Lieder möglichst textgetreu zu singen. Um sechs gab es Bescherung, immer die gleichen Geschenke, dann zu essen und zu trinken, immer das Gleiche! Das war das Schöne an Weihnachten, dieser beruhigende Gleichklang. Und danach ließ man sich im Laufe des Abends gemütlich volllaufen. Dann wurd’s richtig nett. Aber was ich heuer mache, weiß ich noch nicht.

Wenn man sich den Zustand der Welt ansieht: Finden Sie, dass es gute Zeiten für Komödianten und Spaßmacher sind?

Immer. Gerade in Amerika sind mit diesem Präsidenten sensationelle Zeiten angebrochen. Für jeden Comedian ein Geschenk. In Deutschland ist es nicht ganz so einfach... Mich kümmert das allerdings weniger, ist nicht mein Fach: Ich bin ja kein Kabarettist, dazu fehlen mir die profunden Kenntnisse der gesellschaftlichen Entwicklungen. Ich bleibe gern an der Oberfläche. Andererseits: Mir ging es bei meiner Komik immer mehr um das allgemein Menschliche als um die Tagesaktualität, das garantiert nebenbei eine längere Haltbarkeit. Politiker kommen und gehen, aber die Menschlichkeit (flüstert) bleibt bestehen. Ein guter Satz. Ist mir zum ersten Mal eingefallen, wird aber nicht zum letzten Mal gebraucht.

 Weil Sie Kabarettisten erwähnen: Das ist ja eine besondere Stärke des österreichischen Humors. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin ja schon in den 70er Jahren in Wien aufgetreten und mit den Österreichern immer gut klar gekommen. Die mochten anscheinend meinen Schmäh, vor allem den schwarzen Humor, wie ihn sie ihn von Kreisler, Qualtinger und Josef Hader kannten. Andererseits verstehen sie zu leben! Deswegen bin ich auch so gerne hier. Ich bin oft in Wien. (Beginnt zu singen): „Am Freitag auf d’Nocht, montier i die Schi...“ War das österreichisch?
 
Können Sie sich vorstellen, keine Lust mehr darauf zu haben, professionell lustig zu sein?

Eigentlich nicht. Den ganzen Tag nur  schlecht gelaunt durch die Gegend laufen, macht keinen Spaß. Selbst der Grinch muss das einsehen.

Man sagt  ja oft, dass Komödianten privat  eher  melancholisch sind. Trifft das auf Sie zu?

Kann schon sein. Bisher neige ich noch nicht dazu, aber vielleicht kommt das ja noch.

Wie lange können Sie auf der Straße gehen, bis man Sie anspricht?

Ein Beispiel: Gerade vorhin bin ich über den Heldenplatz gegangen, da stand eine Menschenmenge und plötzlich rief jemand   ganz laut: „Da ist Otto!“ Alle drehten sich um und schauten mich an. Ich wurde ganz verlegen. Vielleicht hätte ich doch nicht so laut rufen sollen.