"Stiffelio"-Regisseur: Scheidung war zu Verdis Zeit "wie Science-Fiction"
Auch Verdis „Stiffelio“ (Premiere im Theater an der Wien am Mittwoch) steht unter Genieverdacht. Gespielt wird es trotzdem eher selten. Vasily Barkhatov über die Gründe dafür – und seine Regie.
KURIER: Alle ein, zwei Jahrzehnte gibt es prominent besetzte „Stiffelio“-Premieren, oftmals mit den besten Sängern. Dann heißt es: Super Werk, müssen wir öfter spielen. Und dann spielt man es wieder nicht. Woran liegt’s?
Vasily Barkhatov: Das ist eine gute Frage! Ich sehe das eigentliche Problem nicht. „Stiffelio“ ist musikalisch ein absolut großartiges Werk. Und deshalb hat Verdi die Hälfte dieser Oper in andere Werke hineinkopiert – um es nicht zu verschwenden (lacht).
Frühes Recycling!
Ja. Ein bisschen in „Traviata“, ein bisschen in „Rigoletto“, ein bisschen in „Simon Boccanegra“, und ein großer Teil in „Otello“. Das Problem für den Erfolg dieses Stücks war von Anfang an die Geschichte. Als Verdi in Triest die Geschichte eines protestantischen Geistlichen präsentierte, der eine Scheidung ausspricht, reagierte das Publikum irritiert. Im katholischen Italien wusste man wenig über Protestanten: Können die überhaupt heiraten? Und Scheidung – das war für viele wie Science-Fiction, wie aus einer Parallelrealität.
Ist es nicht auch ein Problem, dass Stiffelio nicht wirklich ein klassischer Held ist – eher nachdenklich? Man tut sich schwer, sich mit ihm zu solidarisieren.
Und heute ist Scheidung ja nichts Skandalöses mehr – sondern etwas, das man fast schon an der Supermarkt-Kasse erledigen kann. „Spaghetti, Würstchen und Scheidung, bitte, und dazu fünf Euro bar“ (lacht).
Was macht man also als Regisseur heute damit?
Ich erzähle schon bei der Ouvertüre in einem Film die Vorgeschichte Stiffelios. Im Libretto steht dazu nicht so viel. Wir treffen ihn sofort als Anführer der protestantischen Gemeinschaft. Aber aus Worten von Lina oder Stankar erfährt man: Er hatte früher ein vollkommen anderes Leben. Stankar, der Vater seiner Frau, hat ihn gerettet, als seine Feinde ihn töten wollten. Also war er damals überhaupt nicht auf einem religiösen Weg. Er hat eine Vergangenheit – und die Vergangenheit ist nie weg: Sie bleibt immer bei dir.
In was für eine Lage bringt ihn das?
Viele Menschen fühlen sich manchmal – manche sogar ihr ganzes Leben – am falschen Ort: Wenn du spürst, dass alles gut ist, aber du fühlst, du gehörst nicht hierher. Man ist von liebevollen Menschen umgeben und kann nicht einfach gehen, weil es sie verletzen würde. Musst man seine Zeit verschwenden für Dinge, von denen du fühlst, dass sie nicht zu dir passen?
Das klingt ein bisserl nach Midlife-Crisis, in der Männer sich gern aufs Motorrad schwingen und in den Sonnenuntergang fahren.
Vielleicht. Aber Lina spürt diese Schwankungen. Und deshalb ist ihre Affäre mit Raffaele keine große Liebesaffäre, eher nur ein Fehler. Sie ist für mich die ehrlichste Figur: Sie deckt nichts zu, sie gesteht, bittet um Vergebung. Unser Stiffelio weiß alles von Anfang an. Und er nützt die Situation als Ausrede, die Familie und die Gemeinschaft zu verlassen. Nicht nur als Eifersuchtsdrama – sondern als Moment, diese Karte zu spielen: möglichst glatt und sanft, ohne zu verletzen. Er will sagen: Danke, Stankar, danke euch allen – hier ist die Scheidung. Aber dann gerät alles außer Kontrolle.
Womit wir wieder beim Problem sind: Scheidungen geraten heute selten derart außer Kontrolle.
Das war die Frage für mich: Welche Gemeinschaft lebt heute noch nach protestantischen Regeln wie im 17. Jahrhundert?
Klingt nach den Amischen.
Erraten! Bei den Amischen passt vieles: Scheidung ist nicht möglich, man darf einander nicht richten, Instrumente sind verboten ... Mich interessieren auch die Regeln und Widersprüche: Ausgestoßene sind im Exil, für die Gemeinschaft wie tot. Und zugleich gibt es diese radikale Vergebungsfähigkeit – diese amische Gnade.
Wie äußert sich die?
Ich erzähle das Beispiel eines Schulattentats von vor ein paar Jahren innerhalb dieser Gemeinschaft. Mehrere Kinder wurden ermordet. Aber die Amische gingen zur Witwe des Täters und sagten, sie vergeben dem Täter. Menschen aber, die die Gemeinschaft verlassen, denen wird nie vergeben. Es gibt hier zweierlei Maß – wie in jeder Gemeinschaft.
Man hat da gleich eine genaue Optik im Kopf. Gibt es die auf der Bühne?
Ja. Die Amische machen die Welt zum Sinneserlebnis: keine Elektrizität, keine Telefone, keine Fotos. Es gibt für die Kinder nur gesichtslosen Puppen: weil nur Gott Gesichter erschaffen kann. Auf der Bühne wirkt das ein bisschen unheimlich, fast wie ein Horrorfilm. Aber es erzählt viel über Bilderverbot, Erinnerung, Kontrolle – und darüber, was nicht gezeigt werden darf.
Und das Finale?
Das Karma aus Stiffelios früherem Leben holt ihn ganz am Schluss ein – eine sehr traurige und überraschende Wendung, noch trauriger als die Familienintrige.
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