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Kultur
09/11/2021

Die Rückkehr der Rockfestivals: 2-G, Alkohol und Electroswing

Was waren nochmal gleich Rockfestivals? Eine Erinnerung. Plus: Ein erster Eindruck vom Nova Rock Encore in Wiener Neustadt.

von Georg Leyrer

Wer erinnert sich noch an die Rockfestivals?

Kaum ein Gedanke erschien in den Lockdowns so abwegig wie der, sich mit mehreren zehntausend anderen drei Tage lang in Musik, Schlamm und Getränken aus der Großabgabepackung zu suhlen.

Babyelefant, bitte in den Moshpit kommen!

Also, zur Erinnerung: Die Rockfestivals haben vor einem halben Jahrhundert jene Eltern erfunden, die selbige heute wieder als Gefahr für die Integrität ihrer Kinder verdammen.

Was  für ein Befreiungsschlag für die Szene: Beim ersten großen Rock/Pop-Event seit Beginn der Pandemie Samstag im Stadion von Wiener Neustadt wurde gefeiert, gesprungen, gesungen und gegrölt als wollten alle alles nachholen, was ihnen in den vergangenen Monaten entgangen ist.

Beste Stimmung von Anfang an – auch, weil beim Einlass trotz Kontrolle des 2-G-Nachweises alles bestens organisiert war. Lange anstehen mussten nur die, die schon vor 11.00 Uhr, vor dem Öffnen der Festival-Tore auf Einlass warteten. Beschwerden über zu lange Schlangen gab es nur innen  vor den Bierbuden, aber auch den T-Shirt-Ständen. Ein Souvenir, dass man bei diesem historischen Comeback der Rock-Konzerte in Österreich dabei war, wollte jeder. Dazu hatten die Veranstalter das Gelände auch   zum Wohlfühlen gestaltet: Im hinteren Bereich des Stadions konnte man sich auf Heurigenbänken ausruhen. Drumherum Festivalatmosphäre, wie man sie von damals kannte.

Nur  Schilder vor den Toiletten, die empfahlen,  hier eine Maske zu tragen, und weiter drinnen der eine oder andere  im Publikum, der eine Maske trug, erinnerten an die Pandemie.

Euphorie

Indirekt sind  es aber auch die Zuschauer, die gerade so schön  auf Covid-19 vergessen haben,  die mir ihrer   Euphorie daran erinnern, weil sie so dankbar feiern, dass es ihnen endlich wieder möglich ist, laute Gitarren zu hören, am ganzen Körper zu spüren und mit den Musikern auf Tuchfühlung gehen zu können.  Song-Contest-Sieger Måneskin legten sich da besonders ins Zeug: Sowohl Sänger Damiano David als auch Gitarrist Thomas Raggi  sprangen in die Menge und ließen sich  über die Köpfe der Fans tragen,  und vertrieben so jedem auch den letzten Gedanken an die Pandemie.

Brigitte Schokarth

 

Früher war es, wie immer, auch nicht besser, aber jedenfalls seit der Jahrtausendwende haben die Rockgroßveranstaltungen jede Scheu vor dem Kapitalismus abgebaut.

Sie sind, und das ist gar keine Kritik, inzwischen in der Hauptsache ein Kommerz-Fleischwolf, bei dem an der einen Seite eine Handvoll der immer gleichen Headliner reingestopft wird und auf der anderen Seite ein bekömmliches Festivalfaschiertes rauskommt.

Gewürzt mit Ringelspiel, Leiberlkaufgelegenheiten und Labungsanbietern mit Apothekenpreisen für die Jugend von Heute, vulgo Food Trucks.

Wer aus dieser Jahrmarktisierung der Rockfestivals aber ableitet, dass es um die jetzt auch nicht besonders schade war oder vielleicht gar mit jenen Pandemiebestimmungen ganz zufrieden ist, die derartige Festivals seit 18 Monaten verunmöglichten, der oder die ist ziemlich schief gewickelt.

Man braucht nämlich nicht besonders hellhörig durch die Pandemie gegangen sein, um mitbekommen zu haben, dass die Kultur vom Gemeinsamen lebt (wo sind übrigens all die livegestreamten Theaterabende hinverschwunden?).

Gemeinsamer als Spucke, Schweiß und wer weiß noch was auf dem Festivalgelände auszutauschen, gemeinsamer als dicht und dichtgetränkt mit lauter Musik die sonstigen Verwertungszusammenhänge wegzudröhnen aber wird es kaum.

Festivals sind Teil jener Frühbucher-Kulturerfahrungen, aus denen Jahrzehnte später dann der bedächtig im Konzertsaal (ein-)nickende Bruckner-Hörer wird.

Erleichterung

Dass nun in Wiener Neustadt wieder zumindest ein Tag gemeinsamer Unvernunft möglich war, mit einem Line-up, wie es halt derzeit möglich ist, wird manch Anwesendem als sehr gute Erinnerung bleiben. Erinnerung an einen Moment, in dem man die Last der letzten Monate kurz abwerfen konnte. Ein Erleichterungsmoment.

Und weil man ja dort, wo es um unter Dreißigjährige geht, gerne auch einen pädagogischen Mehrwert dazupickt, kann man hier ein bisschen Mathematikverständnis abrufen. Bei bis zu 25.000 Besuchern sind schon rein statistisch Fälle zu erwarten.

Die Veranstalter sehen das „Nova Rock Encore“ als Datenlieferant für Wege, wie in der Corona-Endemie-Zukunft derartige Großkonzerte abgehalten werden können. Nun wird man sehen können, ob 2-G ein realistischer Weg für die kommenden Monate wird.

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