Kultur
04.05.2018

Warum der Literatur-Nobelpreis heuer nicht vergeben wird

Nach Übergriffsvorwürfen: Schwere Krise in der Schwedischen Akademie, die den Preisträger bestimmt.

In diesem Jahr wird in der Schwedischen Akademie kein Literaturnobelpreis vergeben. Das teilte das Jury-Gremium Freitagfrüh mit. Nach Missbrauchsvorwürfen und Rücktritten von Jury-Mitgliedern steckt das Gremium in einer tiefen Krise. Zuletzt wurde vor 75 Jahren mit dem Nobelpreis pausiert. 2019 soll es dafür zwei Preisträger geben.

Die Missbrauchsvorwürfe haben die Schwedische Akademie in eine tiefe Krise gestürzt. Mehrere namhafte Mitglieder, darunter die Vorsitzende Sara Danius, legten auf Wunsch der Akademie ihr Amt nieder. Später räumte auch das Mitglied Katarina Frostenson, gegen deren Mann sich die Belästigungsvorwürfe richten, ihren Platz.

Nach einem Gespräch des Nobelpreis-Stiftung mit der Schwedischen Akademie wurde die Entscheidung gefällt, den Preis nicht zu vergeben. Denn eine Entscheidung würde als "nicht glaubwürdig" wahrgenommen werden.

Die Krise in der Schwedischen Akademie habe den Nobelpreis "negativ beeinflusst", sagte der Leiter der Stiftung, Carl-Henrik Heldin. "Die Entscheidung wird dabei helfen, den langfristigen Ruf des Nobelpreises zu schützen." Die Nobelpreise der anderen Kategorien sind nicht betroffen, wurde betont.

Literaturnobelpreisträger der vergangenen Jahre

  • 2017: Kazuo Ishiguro (UK, geb. in Japan)
  • 2016: Bob Dylan ( USA)
  • 2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
  • 2014: Patrick Modiano (Frankreich)
  • 2013: Alice Munro (Kanada)
  • 2012: Mo Yan (China)
  • 2011: Tomas Tranströmer (Schweden)
  • 2010: Mario Vargas Llosa (Peru/Spanien)
  • 2009: Herta Müller (Deutschland, geb. in Rumänien)

Skandalöse Vorgeschichte

Es ist nicht das erste Mal, dass kein Literatur-Nobelpreis vergeben wird. Bisher wurde jedoch nur in Kriegs- und Krisenjahren pausiert: 1914, 1918, 1935 (warum in diesem Jahr nicht vergeben wurde, wurde nie bekannt gegeben), 1940, 1941, 1942, und 1943 .

Diesmal geht es um die Akademie selbst – und einen Übergriffsskandal, der bis ins schwedische Königshaus reicht.

Die Zeitung Dagens Nyheter hatte im November berichtet, dass der Ehemann von Akademiemitglied Katarina Frostenson 18 weibliche Mitglieder der Akademie, Frauen oder Töchter von Akademiemitgliedern und Mitarbeiterinnen, belästigt oder missbraucht haben soll. Jean-Claude Arnault ist selbst Künstler und Leiter eines Kulturzentrums, das als Nadelöhr für die schwedische Kulturszene galt: Nur wer im „Forum“ akzeptiert wurde, konnte Karriere machen. Diese Macht soll Arnault ausgenutzt  haben. Selbst Kronprinzessin Victoria sei angeblich belästigt worden.
Der Schaden ist enorm.

Denn gerade die Schwedische Akademie bezog ihre Relevanz aus einer Aura des  Unnahbaren. Aus dieser Position  heraus fällten die Mitglieder oftmals waghalsige, hin und wieder absurde – und oft sehr langweilige Entscheidungen. Egal wie umstritten (oder unbekannt) der  Gewinner war: An der ungreifbaren Institution prallte die Kritik ab. Der Blick hinter den Vorhang auf die Niederungen des Menschelnden zerstörte dieses Bild nun.  Die Akademie zeigte sich als  Grüppchen, das seine weltweite Macht für lokales Kleingeld einlöst.

Männerseilschaft

Und auch die klassischsten Klischees werden erfüllt: Die Akademie-Vorsitzende Sara Danius  musste dem Druck weichen. Und büßt damit für jene Männerseilschaft, die sich vor ihrer Amtszeit entwickelt hatte. Ihr Vorgänger, Horace Engdahl, hält bis heute zu Arnault, berichtete Die Zeit.

Mehrere namhafte Mitglieder legten inzwischen ihre Ämter nieder. Auch Frostenson räumte ihren Platz. Es folgte Ratlosigkeit. Denn die Mitglieder werden auf Lebenszeit gekürt, es gibt keinen Mechanismus, nach dem man freiwillig ausscheiden kann.  Die Sitze werden erst nach dem Tod der Mitglieder neu vergeben.

Selbst eine Statutenänderung, die König Carl XVI. Gustaf initiieren will, um freiwilliges Ausscheiden zu ermöglichen, könnte ins Leere laufen. Denn für eine Neuaufnahme sind zwölf Stimmen notwendig.  Aber nur noch zehn Mitglieder sind aktiv.

Die armen Schweden haben es wahrlich nicht leicht - nicht nur wegen des Literaturnobelpreises:

Vor Kurzem gab der offizielle schwedische Twitteraccount bekannt, dass die vom Möbelhausbesuch auch hierzulande gut bekannten Köttbullar-Fleischbällchen gar nicht Schwedisch sind, sondern aus der Türkei kamen. „Mein ganzes Leben ist eine Lüge“, schrieb ein Schwede auf Twitter.