© Anton Corbijn

In Utero
09/19/2013

Die Geister, die Nirvana rief

20 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint eine Neuauflage von "In Utero". KURIER-Redakteur Mathias Morscher erinnert sich.

von Mathias Morscher

Ich habe Nirvana entdeckt, als es eigentlich schon zu spät war. Es war der 8. April 1994. Als 12-Jähriger kam ich von der Schule nach Hause und schaltete den Fernseher ein: MTV, wie immer. Damals wurden Musikvideos tatsächlich noch von der Werbung unterbrochen und nicht Reality-Shows von Videos. Doch an diesem Tag zeigte der Sender nur einen Mann und eine Band. Kurt Cobain und Nirvana. Es war der Tag, an dem die Leiche von Cobain in seinem Haus in Seattle gefunden worden war. Bedrückt von der via Mattscheibe verbreiteten Trauer war ich gleichzeitig fasziniert von der Musik, die diese Band in ihren zerfetzten Jeans und Flanell-Hemden durch die Boxen jagte.

Am nächsten Tag schwänzte ich die Schule und fuhr nach Feldkirch - in die nächstgrößere Stadt, die einen Plattenladen hatte. Dort angekommen wechselte Nirvanas „In Utero“ für knapp 250 Schilling den Besitzer.

Zurück zu Hause zelebrierte ich mein Plattenritual: Ich befreite das Album aus ihrer Plastikschutzhülle, öffnete es, legte die CD - auf der ein Mann in Damenunterwäsche abgedruckt war - in den Player ein, und drückte Play. Bereits mit der ersten Zeile „Teenage angst has paid off well. Now I'm bored and old” hatte mich Kurt Cobain gefangen. Ich blätterte das Booklet durch, während Song für Song aus den Lautsprechern schallte, verstand nur die Hälfte der Bilder und noch weniger von den Texten. Dennoch löste der rohe Sound, die verzerrten Gitarren, das dröhnende Schlagzeug und die gepeinigt klingende Stimme etwas in mir aus. Die pubertäre innere Wut hatte ein Ventil gefunden, die nächtlichen Albträume ein musikalisches Abbild – „I’m so tired, but I can’t sleep“.

In den folgenden Wochen hörte ich das Album in Dauerschleife. Versuchte die Lyrics von Cobain mit Hilfe von Wörterbüchern zu übersetzen - Internet gab es noch nicht wirklich. Zuerst die melodiösen, vermeintlich einfachen Songs wie „Pennyroyal Tea“ und „All Apologies“. Später dann „Scentless Apprentice“, dessen Inhalt ich erst Jahre später mit der Lektüre von Patrick Süskinds „Das Parfum“ wirklich realisierte. Kein Wunder, verarbeitete Cobain doch das Buch in dem Titel.

Durch sparen, Weihnachten und Geburtstage hatte ich irgendwann alle Alben von Nirvana in meiner Sammlung. Dennoch blieb „In Utero“ für mich das wichtigste und beste des Trios. Damit war ich angekommen. Mein musikalischer Geschmack hatte Wurzeln geschlagen. Auch wenn es eigentlich schon zu spät war, als ich Nirvana entdeckte, prägte mich diese Band wie fast keine andere.

Die Karriere in Kürze

20th Anniversary Edition

Zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, erscheint am Freitag eine Neuauflage von "In Utero" in mehreren Formaten. Die reguläre "20th Anniversary Edition" enthält auf zwei CDs das remasterte Originalalbum, einen neuen Mix sämtlicher Songs, dazu noch B-Seiten und Bonus-Tracks und elf bisher unveröffentlichte Demos. Die "Super Deluxe Edition" wartet außerdem neben einem dicken Beiheft mit der DVD "Live And Loud", die auch separat in den Handel kommt, und einer weiteren CD der Show auf. Das "Anniversary"-Paket wird außerdem auf Vinyl (3x12'') angeboten.

Kurt Cobain würde sich wahrscheinlich im Grabe umdrehen – hätte er denn eines. Immerhin sah er seine Musik als Aufbegehren gegen das Establishment, als ein Sprachrohr für all die Unverstandenen und Außenseiter – auch wenn er nie dieses Sprachrohr sein wollte. So sollte „In Utero“ eigentlich auch „I Hate Myself And I Want To Die“ heißen. Wie zutreffend dieser Satz war, zeigte sich am 5. April 1994, als sich der schwer drogensüchtige Sänger das Leben nahm.

Heart-Shaped Box

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