Der langjährige Burg-Chef und jetzige Bayerische Staatsintendant Bachler über Bundestheater-Reformpläne: „Dass man die Struktur nicht klarer machen will, sondern noch unklarer, finde ich sehr österreichisch“

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Interview
02/08/2015

Nikolaus Bachler: "Reaktionär zu sein ist der Tod"

Der Staatsintendant der Münchner Oper über die Probleme der Bundestheater, Reformpläne für die Holding, ökonomischen Analphabetismus, den Unterschied zwischen Bayern und Österreich sowie eine zeitgemäße Form der Oper.

von Gert Korentschnig

Nikolaus Bachler leitete die Volksoper und zehn Jahre lang das Burgtheater – von jenem Tag an, als es 1999 ausgegliedert wurde. Von den Plänen, die Bundestheater-Holding zu stärken, hält er nichts. Seit 2008 führt er die Bayerische Staatsoper. Das große Interview über die Situation in Wien und den Vergleich mit München.

KURIER: Als Ihr Theater zuletzt zum Opernhaus des Jahres gewählt wurde, meinte der Wiener Staatsoperndirektor Dominique Meyer: "Ich verkaufe nicht die Oper, um Opernhaus des Jahres zu werden." Wie sehr verkaufen Sie Ihr Haus?

Nikolaus Bachler: Wenn jemand so überfordert ist und mit dem Rücken zur Wand steht wie der Kollege aus Wien, dann sagt man so dumme Sätze. Man verkauft ein Haus nur dann, wenn man keinen künstlerischen Gestaltungswillen hat und die Konvention repetiert. Dann stirbt es. Theater des Jahres ist eine kurzfristig schöne Ermutigung. Aber das Wesentliche ist die Lebendigkeit, die es allabendlich gibt. Ein Opernhaus braucht auch als Lebensnerv eine musikalische Seele. Und die Bayerische Staatsoper hat im Moment mit Kirill Petrenko wahrscheinlich die schönste und fundierteste musikalische Seele, die es überhaupt gibt.

Petrenko feierte soeben einen großen Erfolg mit Donizettis "Lucia di Lammermoor". Am heutigen Sonntag kann man das auch in einem Gratis-Livestream erleben. Regisseurin ist Barbara Wysocka. Sie zeigt "Lucia" in einem völlig neuen Kleid. Braucht man immer solche neuen szenischen Ansätze?

Ich glaube nicht, dass das ein völlig neues Kleid ist. Die Regisseurin hat versucht, im 20. Jahrhundert eine Entsprechung zu finden, das waren die 50er- und 60er-Jahre, die Familie Kennedy. Aber sie erzählt klar die Geschichte. Ich finde es wunderbar, wenn Inszenierungen Diskussionen auslösen. Es ist ja längst bewiesen: Es führt kein Weg daran vorbei, dass man alte Werke aus der Gegenwart heraus neu befragt.

Die New York City Opera sperrt de facto zu, die MET hatte zuletzt Schwierigkeiten, von der Situation in Rom oder Neapel ganz zu schweigen. Stirbt die Oper als Repräsentationstheater, als museale Darbietungsform Ihrer Meinung nach aus?

Jede Kunstform, die sich nur mit der Vergangenheit beschäftigt, stirbt. Und da wir es in der Oper hauptsächlich mit alten Werken zu tun haben, gibt es keine Alternative: Wir müssen uns in der Gegenwart damit auseinandersetzen. Man braucht sich ja nur die Länder anzuschauen, wo Oper lebendig ist: Belgien, Dänemark, Niederlande, Deutschland. Da gab es in den letzten zwanzig Jahren, mit viel Engagement, viel Mut und Mühen, aber auch so manchen Irrtümern, einen lebendigen Prozess. Den hat man in anderen Ländern versäumt. Damit stirbt nicht nur die Form, damit stirbt auch das Publikum. Ich glaube, dass man gar nicht mehr die Wahl hat zwischen traditionell und nicht traditionell. Reaktionär zu sein ist der Tod.

In Wien soll die Bundestheater-Holding aufgewertet werden und mehr Macht bekommen. Wie beurteilen Sie das?

Ich empfinde das, so weit ich die Aussagen kenne, als falschen Weg. Meiner Kenntnis nach hatten die Bundestheater zwei Probleme: Die Häuser hatten nicht zu viel, sondern zu wenig Selbstständigkeit. Das macht die Verantwortung unklar. Zweitens: Man hat bei der Ausgliederung mit gezinkten Karten gespielt. Man hat unter dem Vorwand, die Theater selbstständig zu machen, diese weggelegt. Wenn Sie aber ein Non-Profit-Unternehmen über Jahre hinweg alleine lassen mit der Inflation und den gesetzlichen Tariferhöhungen, dann können Sie die Uhr danach stellen, wann es pleitegeht.

Sie meinen, dass die Lohnerhöhungen vom Subventionsgeber abgedeckt werden müssten.

Natürlich, aber dies wird bis heute nicht wirklich als eines der zentralen Probleme erkannt. Wenn ich höre, dass die Holding aufgewertet werden soll, würde ich zunächst bezweifeln, ob eine Holding das richtige Gefäß für ein Kunstinstitut ist. Nehmen wir an, das wäre sie. Wenn man dann sagt: Man braucht künftig einen künstlerischen und einen kaufmännischen Geschäftsführer, dann muss man ehrlich sein und sagen: Man will eine Generalintendanz über alle Häuser.

Ihr Lösungsvorschlag?

Man müsste endlich einmal begreifen, dass am Theater Geld und Kunst in eine Hand gehören, das bedingt einander. Jede künstlerische Entscheidung hat ökonomische Konsequenzen und umgekehrt. Aber die Verantwortung wird hin- und hergeschoben: Wer hätte was wissen müssen? Wenn Sie eine GesmbH nehmen, werden Sie sagen: Wo ist der Geschäftsführer? Bitteschön, dankeschön, auf Wiedersehen! Dass man nun die Struktur nicht klarer machen will, sondern noch unklarer, finde ich sehr österreichisch.

Der Auslöser für die Debatte war ja der Burgtheaterskandal ...

Klar ist es ein Unding, dass sich ein Direktor für immer mehr Produktionen feiern lässt, immer mehr Zuschauer, und die Ausgaben völlig außer acht lässt. Das würde ich ökonomischen Analphabetismus nennen. Das gehört abgestellt. Andererseits muss man die Kirche im Dorf lassen. Das Gesamtvolumen des sogenannten Skandals.

Sie halten eine Strukturänderung bei den Bundestheatern also für Anlassgesetzgebung?

Absolut. Was soll das anderes sein? Das Unwürdigste rund um die Burgtheaterdebatte war ja das Hin- und Herschieben von Verantwortung. Dann hatte man endlich eine Frau gefunden, die treibt man dann wie den Sündenbock durch die Stadt, und jeder sticht noch sein Messer rein. Ich finde, der Direktor hat die klare Verantwortung für alles, was an einem Haus passiert.

Und wer kontrolliert dann die Intendanten?

Wie in jeder guten GmbH ein Aufsichtsrat. Der hat zuletzt versagt. Man hat ja auch versucht, die Probleme in die Vergangenheit zu schieben. Dabei waren bis zum letzten Tag Bachler/Drozda (Thomas Drozda war unter Bachler kaufmännischer Burg-Geschäftsführer) die Aktiva und Passiva in Ordnung. Wir haben auch noch viele Liegenschaften gehabt, die nach uns zu Geld gemacht wurden. Ich bin aber auch der Meinung, dass Hartmann letztlich nicht an einem Fehlbetrag gescheitert ist, sondern am inneren Zustand des Theaters. Die Solidarität eines Hauses braucht man, wenn schwierige Zeiten kommen. Die entscheidende Frage ist nun: Welche soliden Zukunftsfundamente kriegen diese Theater? Die waren vom ersten Tag an nicht solide. Auch heute heißt es noch: Mehr Geld gibt es nicht. Ich finde das eine Unverschämtheit. Trauen Sie sich mal, so etwas einem Beamten zu sagen? So eine Haltung ist ja auch eine Positionierung zur Kunst. Mich wundert es jedenfalls, dass ein neuer Kulturminister, der mir mit seinen ersten Entscheidungen viel Respekt abgerungen hat, jetzt den Zentralismus stärken will.

In Österreich wird auch über eine Anhebung der Mehrwertsteuer auf Theater- und Kinokarten von zehn auf 20 Prozent diskutiert. Wie sehen Sie das?

Gegen Debatten habe ich gar nichts. Aber so etwas müsste man wohl auf europäischer Ebene diskutieren. Was in Österreich schon zu beobachten ist: Dass sich die kulturelle Identität immer mehr auf Opernball und Neujahrskonzert zu beschränken scheint. Es tut sich ja sonst nicht allzu viel. Wenn ich nicht jeden Morgen online die österreichischen Zeitungen läse, ich wüsste gar nichts. Es gibt nichts, was künstlerisch ausstrahlt aus Österreich.

Von österreichischer Politik kriegt man dort mehr mit?

Wenig Konkretes. Aber ich krieg viel mit von dem Problem des Stillstandes. Als ich ins Gymnasium ging, hat man schon von der Notwendigkeit einer Verwaltungsreform geredet. Österreich ist nach wie vor hochbegabt und zu so vielem fähig. Aber es ist schon sehr stark ein Beamten- und Pensionistenstaat geworden. In Bayern hat man das Gefühl, da schaut man wirklich nach vorne. Wenn ich hingegen in Österreich Herrn Neugebauer beobachte, habe ich das Gefühl, er verhält sich wie Erich Honecker in den letzten Tagen der DDR. Alles um ihn herum hat sich verändert, aber er betoniert. Das Land hätte mehr verdient. Auch mehr an Innovation. Was für die Oper gilt, gilt auch fürs ganze Land: Es muss leben. Und zwar im Heute und Morgen.

Der Intendant
Nikolaus Bachler, geboren 1951 in der Steiermark, studierte zunächst Schauspiel am Wiener Reinhardt-Seminar und spielte in Salzburg und an deutschen Bühnen. Ende der 1980er-Jahre war er künstlerischer Betriebsdirektor des Berliner Schiller-Theaters. 1992 wurde er zum Intendanten der Wiener Festwochen ernannt, 1996 zu jenem der Volksoper. 1999 übernahm er von Claus Peymann die Leitung des Burgtheaters, ehe er ab 2008 Staatsintendant der Münchner Oper wurde. Ab 2009 folgte ihm Matthias Hartmann an die Burg, dieser wurde 2014 entlassen. Seither leitet Karin Bergmann das größte deutschsprachige Theater.

Die Oper im Netz
Die Bayerische Staatsoper feierte zuletzt einen großen Erfolg mit Gaetano Donizettis "Lucia di Lammermoor". Kirill Petrenko dirigiert, Diana Damrau, Pavol Breslik u. a. singen. Die Aufführung am heutigen Sonntag ist ab 18 Uhr live und gratis im Internet zu sehen (www.staatsoper.de/tv).

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