Kultur
04.12.2018

Nigerias Filmbranche: "Nollywood" tritt ins Netflix-Zeitalter ein

In Lagos und Kano gibt es eine der größten und spannendsten Filmbranchen der Welt - die sich derzeit stark verändert.

Rund 30 Kinofilme werden Jahr für Jahr in Österreich produziert.

In Nigeria werden 50 Filme produziert – pro Woche.

Die Filmindustrie des 190-Millionen-Einwohner-Landes ist eine spannende Erfolgsgeschichte, die aber immer noch unter dem Radar läuft. Das könnte sich demnächst ändern.

 

Nollywood, wie die Branche (nicht zur Freude aller) genannt wird, ist nach Holly- und Bollywood die drittgrößte Filmindustrie der Welt. Wenn man pro Kopf oder in der absoluten Zahl der produzierten Filme rechnet, sogar die zweitgrößte.

Die Branche – heute zweitgrößter Arbeitgeber des Landes nach der Landwirtschaft – sieht auf eine reiche Geschichte zurück: Spätestens mit der Unabhängigkeit Nigerias in den 1960ern boomte das Filmgeschäft.

Doch im vergangenen Vierteljahrhundert gab es einen unerhörten popkulturellen Aufschwung – und es entstand die erste sich selbst erhaltende Filmindustrie Afrikas. Die Nollywood-Filme sind in weiten Teilen des Kontinents beliebt, beliebter sogar als die Produkte der Traumfabrik in Kalifornien.

International haben sie aber noch nicht so recht eingeschlagen: Der Löwenanteil der Produktionen ist hastig und billig gedreht; Filmemachen ist hier ein Hochgeschwindigkeitsbusiness mit minimaler Halbwertszeit. Die Durchschnittsbudgets bewegen sich zwischen 25.000 und 70.000 Dollar. Nicht selten werden gleich die Fortsetzungen mit dem Originalfilm mitgedreht.

Hollywood-Stoffe werden als „Inspiration“ genommen. Und nicht unähnlich den bekannten Bollywood-Filmen spielt Heile-Welt- und Luxus-Wunscherfüllung eine große inhaltliche Rolle.

Es gab aber auch immer wagemutiges Kino, das das echte Leben in Nigeria zeigt.

Netflix ante portas

Groß geworden ist die Branche dank Videokassetten: „Living in Bondage“ (1992/’93) etwa wurde direkt auf Video gedreht und veröffentlicht – und wurde eine Art Initialzündung für die Branche.

 

Und jetzt, mit dem 25-Jahr-Jubiläum des „neuen“ Nollywood, wird die Aufmerksamkeit zunehmend größer. Auch wiederum unterstützt durch eine Technologie: Die bei Weitem günstigere digitale Filmproduktion eröffnet neue Professionalisierungsmöglichkeiten und einen Schub weg von Quantität zu Qualität. Man streckt bereits Fühler zu den renommierten Filmfestivals aus.

Für einzelne Filme – wie „Half of a Yellow Sun“ – konnten Budgets auf internationalem Level lukriert werden. Die wieder einzuspielen ist angesichts weit verbreiteter Piraterie schwierig – Raubkopien werden im Budget bereits mitgeplant, sagt Charles Igwe, Chef der Nollywood Global Media Group.

Zuletzt sperrten zahlreiche Kinos in Nigeria auf, was die Einnahmensituation verbessert. Und ein neuer Weg zum Geld eröffnet sich derzeit: Wenn der Streaminggigant Netflix ankündigt, 2019 Produktionen in Afrika in Auftrag geben zu wollen, dann wird Nigeria eine große Rolle spielen. Erst im September kaufte Netflix die weltweiten Rechte an der Nollywood-Komödie „Lionheart“ von Genevieve Nnaj, der Erwerb richtet sich auch an die nigerianische Diaspora.

Und es gibt bereits ein auf 5000 Nollywood-Filmen basierendes Streaming-Service, iROKOtv.

Exportwert

Der Boom in Nollywood hat längst auch Auswirkungen außerhalb des Kulturellen: So befördern die Filme den innerafrikanischen Tourismus. Und bis 2020 soll der Exportwert der Filme eine Milliarde Dollar erreichen. Eine bemerkenswerte Zahl – ist doch „The Wedding Party“ 2016 der erste Nollywood-Film gewesen, der mehr als 1,6 Millionen Dollar an der Kinokassa eingenommen hat. Angesichts der neuen Aufmerksamkeit für das Filmschaffen ist natürlich auch die Politik dahinter – die, wie in vielen anderen ölreichen Gegenden, emsig Zukunftsbranchen abseits des Rohstoffs sucht.

Good old Nollywood ist jedenfalls nicht „dying“.