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Kultur
02/11/2021

Nick Cave blickt zurück, um seine Gegenwart greifbarer zu machen

In dem Bildband „Stranger Than Kindness“ zeigt der Musiker Nick Cave das, was ihn prägte.

von Marco Weise

Fragt man Musiker nach ihrem Lieblingssong, bekommt man entweder eine ausweichende Antwort à la: „Alle Songs sind meine Lieblinge“. Oder die Frage wird mit einem Schulterzucken lächelnd weggenickt.

Bei Nick Cave ist das anders. Denn der gebürtige Australier hat einen Lieblingssong – er heißt „Stranger Than Kindness“. Das Lied hat er mit seiner Stammband The Bad Seeds auf seinem Album „Your Funeral ... My Trial“ 1986 veröffentlicht. Den Text dazu schrieb er mit seiner damaligen Freundin Anita Lane. „Wir haben uns gegenseitig in die Welt der Kreativität begleitet. Sie hatte die Ideen. Ich war gut in der Ausführung“, sagt Cave über die Beziehung zu Lane. Nachzulesen ist das in dem soeben veröffentlichten Buch „Stranger Than Kindness“ (KiWi).

Dieser Bildband wurde von Nick Cave persönlich zusammengestellt und dokumentiert wichtige Einflüsse und Stationen seines bisherigen Lebens – von den Post-Punk-Anfängen bei The Birthday Party bis hin zu seinen kreativen Eskapaden mit den Bad Seeds. Ausgespart wird dabei nur die jüngste Vergangenheit: Die Aufzeichnungen enden kurz vor dem Tod seines 15-jährigen Sohnes Arthur (2015).

Ausführlich dokumentiert ist hingegen seine Beziehung zu Gott, deren Ursprung – wie so vieles andere auch – in seiner Kindheit zu finden ist: Nick Cave war drei Jahre lang zwei oder drei Mal die Woche im Wangaratta Cathedral Choir. Dort lernte er die Geschichten der Bibel kennen. Sie hinterließen einen tiefen Eindruck und wurden bis heute zur Grundlage für viele seiner Songs. „Ich habe mich eigentlich nie als Christ im engeren Sinne gesehen, aber die Bibel hat mich immer auf eine Weise erreicht, wie es andere religiöse Texte nicht konnten“, wird Cave zitiert.

Gift

„Stranger Than Kindness“ stellt die Frage: Was macht uns zu dem Menschen, der wir sind? Nick Cave versucht, darauf Antworten zu geben. Dafür zeichnet er seinen bisherigen Lebensweg mit unzähligen Abbildungen nach. Er legt seine Gedanken, seine Inspirationsquellen offen und beleuchtet damit seine Karriere aus einer neuen Perspektive: Es war eine mit Höhen und Tiefen, Verlusten, kreativen Verirrungen und seelischen Kahlschlägen. Der 63-Jährige war als Teenager ein Rebell, diente unfreiwillig der Goth-Szene als Poster-Boy; er war ein Drogenabhängiger, der nach seinem Umzug nach West-Berlin mit Blues und Bibelzitaten, dunkler Poetik und zu viel Heroin durchdrungen wurde. Aber kaum etwas hat Nick Cave mehr geprägt als diese Zeit. In Berlin wurde er zum Workaholic, schrieb Texte für drei Studioalben, machte wichtige Bekanntschaften (u. a. Blixa Bargeld), drehte einen Film und nahm ein Album mit Coverversionen alter Songs auf.

„Stranger Than Kindness“ dokumentiert das alles. Es zeigt, was Nick Cave zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist: ein sich immer wieder selbst hinterfragender, gebrochener, mit großem Herz und Talent ausgestatteter Grenzgänger, einer der wichtigsten Songschreiber seiner Generation.

INFO: Nick Cave: „Stranger Than Kindness“. Übersetzt von Christian Lux. Mit zahlreichen Abbildungen und Faksimiles von Kunstwerken, handschriftlichen Songtexten, Fotos und Artefakten aus Caves Privatbesitz sowie einordnenden Kommentaren und Reflexionen von Nick Cave, Janine Barrand und Darcey Steinke. Kiepenheuer & Witsch. 276 Seiten. 29,90 Euro.

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