Nestroy im Burgtheater: Zweieinhalb Stunden Reizüberflutung

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"Zu ebener Erde und erster Stock" als bonbonbunte Show: Bastian Kraft und sein Team haben sich enorm viel einfallen lassen.
Thomas Trenkler

Thomas Trenkler

Brüderl, es hätt‘ schlimmer kommen können. Viel schlimmer. Aber die „Piefkes“ haben den Nestroy nicht verhunzt, sie haben sich sogar an den Text gehalten, also zumeist. Und sie haben sich enorm viel einfallen lassen, um die „Lokalposse“ mit dem Titel „Zu ebener Erde und erster Stock“ am Burgtheater ziemlich zeitgenössisch mit Musical-Einsprengsel, Pop-Zitaten und Cross-Gender-Besetzung rüberkommen zu lassen. Eigentlich haben sie zu viel reingepackt, und der deutsche Brachialhumor ist manchmal schon ein Hammer. Da ächzt dann die Wiener Seele. Aber eben: Es hätte schlimmer kommen können.

Denn Bastian Kraft, der bereits in Hamburg den „Talisman“ inszeniert hat, und sein Dramaturg Jeroen Versteele nutzen einen österreichischen Minderwertigkeitskomplex ziemlich gut für ihre Zwecke: Oben, in der Beletage, verstehen die saturierten Deutschen fein zu dinieren und das Geld rauszuhauen. Und unten müssen sich die armen Schlucker, die Österreicher, einen Laib Brot teilen. 

Zudem hält sich Peter Baur an die Vorgabe von Johann Nestroy mit den zwei übereinanderliegenden Bühnenbild-„Abteilungen“: Das Mauerwerk zu ebener Erde ist arg geflickt; jenes oben besticht flächendeckend mit einem spätbarockem Akanthus-Relief. Es lässt sich nebenbei ganz wunderbar als Kletterwand für artistische Himmelsstürmereien der Dienerschaft nutzen. Doch diese beiden Flächen, getrennt durch eine markante Zwischendecke, dienen vornehmlich für formatfüllende, perfekt eingepasste Projektionen.

Grellbunte Visuals

Da darf sich Jasmin Kruezi geradezu austoben. Ihre grellbunten Visuals stehen einer Broadway-Show in nichts nach. Man staunt geradezu über ihren Einfallsreichtum beim Bebildern der Szenen. Und so passiert, wie Nestroy es wollte, tatsächlich vieles parallel.

Dass Bastian Kraft ein Meister im Einsatz von Video ist, weiß man – zuletzt aus seiner Dramatisierung von Thomas Manns „Zauberberg“ (2023 am Burgtheater). Auch dieses Mal integriert er das Ensemble geschickt in die Einspielungen, er lässt es mit der digitalen Bildwelt interagieren. Und wieder steht Markus Meyer, mit dem er 2010 „Dorian Gray“ dramatisierte (weiterhin auf dem Spielplan!), im Zentrum – als ziemlich mephistophelischer Johann und alles andere denn ein guter Gesell. Der Diener, bei der Uraufführung 1835 von Nestroy verkörpert, wirtschaftet schließlich gerne in die eigene Tasche: Die projizierten Goldmünzen regnen nur so in seine Livree.

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Markus Meyer gibt wieder alles ...

Der Herr von Goldfuchs, ein Spekulant der großkotzigen Sorte, ist ja auch ein rechter Trottel. Und Jörg Ratjen verleiht diesem Glücksritter hinreißend Kontur: immer irrlichternd, den Tick zu langsam sprechend. Er bildet einen fahrigen Gegenpol zu all den anderen, auch zu Meyer, der zwischen virtuellen Gegenständen herumbalanciert, sich an diese lehnt – und fast hinfällt, wenn sie plötzlich von der Bildfläche verschwinden. 

Ja, diese Spielereien bereiten ein großes Vergnügen. Sie helfen auch bei der Vorstellung der Figuren (es gibt viele!) und machen mittels eingeblendeter Blasen deren Gedanken lesbar. Das ist schon sehr nah an einem Comic. Und tatsächlich ist „Zu ebener Erde und erster Stock“ in erster Linie eine grelle Unterhaltungsshow mit schreiend sprechenden Kostümen (von Inga Timm) und Musical-Elementen. Da wird getanzt, da wird gesungen, und die dreiköpfige Band treibt mit einem peitschenden Schlagzeug vorwärts.

Reichtum kann auch öd sein

Die Botschaft ist und bleibt banal: Wenn die Reichen nicht die Reichen zum Essen einladen würden, sondern die Armen, hätten alle genug. Wenn aber die Reichen lieber unter sich bleiben, muss Nestroy seine Glücksfee ins Spiel bringen: Der Herr von Goldfuchs verliert alles, die armen Schlucker hingegen erraten Lotto-Zahlen oder werden Universalerben. 

Dass Reichtum auch öd sein kann, demonstriert Bastian Kraft an der aufgewerteten Figur von Goldfuchs‘ Tochter: Das Schlimmste am ihm sei, stellt Emilie fest, dass er nichts zum Träumen übrig lässt. Maresi Riegner darf sogleich mit heller Stimme einen Song darüber anstimmen, dass es eine reiche Tochter „nit leicht“ hätte. So hat es das Kammermädchen Fanny (Jonas Hackmann), das lernen möchte, noch nie gesehen. Doch Bastian Kraft tut der Emilie, die er motivationsschwach zeichnen lässt, unrecht: Sie ist integer, liebt den armen Schlucker Adolf (Justus Balamohan Maier) und wehrt sich entschieden, mit dem Monsieur Bonbon verkuppelt zu werden. 

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Jonas Hackmann als Fanny und Maresi Riegner als Emilie

Dietmar König schlüpft nicht nur in die Rolle des eitlen Parvenüs, er gibt auch den Miete eintreibenden Hausbesitzer Zins, und weil er zwischendurch Johanns Outfit tragen muss, gerät er in eine wunderbare Slapstick-Konfusion. Zu ebener Erde unterhalten Andrea Wenzl als schlauer Damian mit derbem Idiom und Stefanie Dvorak als erstaunlich emanzipierte Salerl. Der Tandler Schlucker des Gunther Eckes bleibt ziemlich farblos. Den Vogel schießt Paul Basonga als supervoluminöse Ehefrau und Mama ab, die nach der Pause, als sich das Blatt gewendet hat, in einem großartigen Song zur bitteren Erkenntnis kommt: „Teilen is‘ leichter, solang ma nix hat.“

Spätestens mit dieser Darbietung war bei der Premiere am Donnerstag das Eis gebrochen (bei bewusst gesetzten Applauspausen zu Beginn hatte niemand geklatscht), und zum Schluss, nach zweieinhalb Stunden Reizüberflutung, bejubelte man das Ensemble. Die paar Bast-Ausbuher wurden lässig übertönt.

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