"Der irrende Planet" im Akademietheater: Ode an die zu früh gegessene Wurst

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Ein feiner, ein famoser, luxuriös besetzter Sprachabend, aus Texten von Robert Walser (1878 - 1956).
Georg Leyrer

Georg Leyrer

Robert Walser, erfolgloser Dichter, ist aufgestanden, hinausgegangen und nicht wieder gekommen. 1956 war das, da war er schon ein Vierteljahrhundert lang vergessen. 

Im Akademietheater kann man nun mit ihm wieder spazieren gehen. Nicht in den Tod, in die Wörter: "Der irrende Planet" ist ein leiser, kleiner, aus dieser Ruhe zuweilen hinterrücks famosen Witz herausschälender Abend der Sprache, der Miniaturreden, die die Welt einzuhegen versuchen, luxuriös besetzt und mit der schönsten Ode an eine Wurst, die man je gesehen hat.

Quer zur Welt

Walser, 1878 in Biel geboren, gelang ein hypnotisierender Tonfall: Er stellt die Wörter auf bemerkenswerte Art quer zur Welt, irgendwo zwischen fragiler Poesie und jener Art von Amtssprache, die mit Größe und Kleinheit von Wortbedeutungen nicht so recht umzugehen weiß und genau dadurch eine ganz eigene Faszination kreiert. 

In einer fein verknüpften Szenenfolge geht der von Barbara Frey inszenierte Abend anhand dieser kleinen Riesensätze durchs Leben, mit dem richtigen Maß an Zögerlichkeit, die das eben braucht, mit Körperwitz und einem Blick für die Absurdität des Heutigen, des komischen Lebens mit sich und den Mitmenschen.

Wer ist hier die Operndiva?

Max Simonischek wird da vom dankbaren Fan zum lauten Fanatiker, der, zunehmend wahllos, ein Objekt für das höchste Gut des Bürgerlichen sucht, für sein herausgerufenes Auskennertum im Opernfach nämlich. Sie werden zweifellos eine hervorragende Opernsängerin, trägt er seinen Gesprächspartnerinnen (darunter Elisa Plüss) mit viel Auschmückung vor, eine nach der anderen steht auf und läuft weg, bis Simonischek dieses Urteil einfach ins Leere hinein ruft. 

Irgendwer wird schon Oper singen, verdammt!

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Essen, was auf den Tisch kommt

Maria Happel wiederum visiert in kurzen Auftritten immer enger jenen Moment an, an dem sie zu einem Essensbesuch eintreffen muss, wo sie sich, auf die unbequemste Art, zu Tisch zwängen muss. Der Besuch bekommt dann etwas von Stephen Kings "Misery": Nein, sie habe noch nicht satt zu sein, sagt ihr die Gastgeberin, sie muss all das Fleisch essen, das ihr auf den Teller geschnitten wird. Man kennt dieses per Höflichkeit erzwungene Unwohlsein nur zu gut. Mahlzeit, und am Ende war es eh nur ein Witz. Welch Schrecken!

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Es wird der eineinhalbstündige Abend nach und nach ein Panoptikum eines Danebenstehenden, der, immer mit einem Fuß bei der Tür draußen in Richtung seines letzten Spaziergangs, die Menschen mit zurückgewandtem Kopf noch einmal belustigt und betrübt anschaut. Walser legt die Nahtstellen dessen, was wir als normal betrachten, offen: Dorothee Hartinger als Nobelschneiderin befördert den sich über einen Anzug beschwerenden Simonischek nach einem beschwingten Dialog einfach mit einem Arschtritt von der Bühne.

Nicht Wurst

Mancher Theaterbesuch endet, wider besseres Vorhaben, mit einem Spätabend-Snack. Man wird bei dem inneren Monolog, den man während der Aufnahme dieser leeren Kalorien führt (soll ich jetzt wirklich noch was in mich hineinstopfen?) dank dieses Abends künftig an Sabine Haupt denken.

Man kennt das. Ach hätte man doch nicht. Aber man hat. Die Wurst gegessen, nämlich. Jetzt ist sie weg - und genau darüber spricht Haupt, im klassischen Kostüm (Esther Geremus kleidete das Ensemble hochpassend ein), und es ist ein zum Schreien komischer Einblick in unser Dasein als gierige Esswesen. So saftig war die Wurst! 

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In einer Szene spürt man den Autor vielleicht am deutlichsten: Nein, schmeichelt Katharina Lorenz Martin Schwab an, sie könne leider nur den ganz geringsten Betrag an Steuern zahlen, weil ihre Bücher nicht so recht beim Publikum ankommen. Aber sie sei doch immer nur spazieren? Ja, denn das sei ihr eigentlicher Beruf, so Lorenz.

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Das Bild des Denken und Dichten im Gehen, man kennt es von Arthur Schopenhauer bis Thomas Bernhard. Die beiden dringen dabei immer mehr in die Welt ein, bei Walser löst sie sich hingegen zunehmend auf: Im Hintergrund (Bühne von Martin Zehetgruber) schweben Felsen, eine Statue ist derart konsequent auf den Kopf gestellt, dass man nur noch die Füße sieht (Lueger-Denkmal-Kippung, schau oba).

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Am Schluss geht es dann doch ums Sterben. Schwab singt, zur melancholischen Begleitung durch Josh Sneesby, ein Lied: Ein Berg nur noch, ein Fluss, dahinter dann werden wir sehen. Man geht weiter. Man muss.

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