Nachruf auf Dieter Giesing: Der Regisseur, den alle Direktoren schätzten
Dieter Giesing war der einzige Regisseur, der von 1980 bis 2016 durchgehend am Burgtheater inszenierte – ganz egal, wer gerade Direktor war. Er hatte keine ausgeprägte Regiehandschrift, wurde aber für seine genauen, gedankenklaren Inszenierungen geschätzt.
Der 1934 in Memel (heute Litauen, damals Ostpreußen) geborene Giesing debütierte 1964 mit Harold Pinters Stück „Kollektion“ an den Münchner Kammerspielen. Klassiker haben ihn nie sonderlich interessiert, sein Metier waren moderne Klassiker (Gorki, Schnitzler) und Gegenwartsdramatik. Unter anderem brachte er 1977 „Trilogie des Wiedersehens“ von Botho Strauß zur Uraufführung.
Drei Giesing-Inszenierungen wurden mit einer Einladung zum Berliner Theatertreffen geadelt, darunter Isaak Babels „Sonnenuntergang“ – ein selten gespieltes Stück, das Giesing 1993 am Akademietheater zum Leuchten brachte. Seine letzte Inszenierung realisierte Giesing 2019 in Klagenfurt, wo er mit „Eugen Onegin“ sein spätes Debüt als Opernregisseur gab.
Giesing war eng mit dem Maler Gerhard Richter befreundet. Der teuerste Künstler der Gegenwart machte sich gelegentlich den Spaß, dem Freund ein Original als Postkarte zu schicken. Angekommen ist die wertvolle Post zuletzt in Wien, wo Giesing in den vergangenen 20 Jahren, in Naschmarktnähe, wohnte. Feinen Speisen und Getränken war er nicht abgeneigt.
Am Samstag ist Dieter Giesing 91-jährig in Wien gestorben.
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