Eine Menschheit ohne Gnade? "Dann lasst uns sterben", sagt der Mozartregisseur
Eine leere Bühne, sechs Sängerinnen und Sänger, fünf Tänzer: Die Neuinszenierung von Mozarts „Clemenza di Tito“ an der Wiener Staatsoper gibt Raum zu reflektieren, sagt Regisseur Jan Lauwers.
KURIER: Ist es nicht ein eigenartiger Moment, „La Clemenza di Tito“ zu inszenieren? Da draußen brennt die Welt, jetzt auch im Iran. Und heutige Machthaber zeigen alles, außer Gnade.
Jan Lauwers: Das ist natürlich genau die Frage. Wenn wir nicht mehr über Clemenza sprechen können, wenn wir entscheiden, dass es Milde nicht mehr gibt – dazu verleitet durch die Taten von Netanjahu, Putin, Trump, durch das, was im Sudan geschieht, was den Palästinensern widerfährt –, wenn wir also beschließen, dass Clemenza vorbei ist, dann entscheiden wir, dass die Menschlichkeit vorbei ist.
Die ist jedenfalls ziemlich in der Defensive.
„La Clemenza di Tito“ zu inszenieren ist ein guter Moment, um genau darüber nachzudenken. Wir arbeiten immer mehr mit künstlicher Intelligenz. Wir geben Macht ab. Es gibt acht Männer, acht Männer!, die mehr Macht und Geld haben als 3,8 Milliarden Menschen – und wir akzeptieren das. Trump ist ein Trojanisches Pferd, sie benutzen ihn, sie benutzten Putin genauso. Elon Musk könnte den Krieg in der Ukraine mit seinen Satelliten stoppen – das ist die Macht, die sie haben. Dieser Kreis von Menschen spricht offen über Post-Humanismus. Im Post-Humanismus ist Milde und Gnade nicht notwendig.
Die Neuinszenierung von Mozarts „La Clemenza di Tito“ hat am Montag Premiere. Pablo Heras-Casado steht am Pult, es singen Katleho Mokhoabane (Tito), Emily D’Angelo (Sesto), Florina Ilie (Servilia), Cecilia Molinari (Annio), Matheus França (Publio), Hanna-Elisabeth Müller (Vitellia).
Der Regisseur
Der international gefeierte Regisseur und Choreograf Jan Lauwers (bekannt für seine Arbeit mit der Needcompany) inszeniert zum dritten Mal im großen Haus am Ring– nach „L’incoronazione di Poppea“ (Koproduktion mit den Salzburger Festspielen) und Ligetis „Le Grand Macabre“ (Wiederaufnahme am 15. 3.).
Schade, eigentlich.
Deshalb finde ich es interessant, heute darüber nachzudenken: Wo stehen wir jetzt mit diesen alten Worten, die die Seele der Menschheit sind? Deshalb ist es gut, „La Clemenza“ gerade heute zu machen, um zu sagen: Leute, wartet einen Moment. Da geht es nicht um das Römische Reich. Das passiert heute! Können Sie sich vorstellen, dass ein Narzisst wie Trump jemandem Gnade gewährt? Nein. Aber wir können uns vorstellen, dass er sich selbst jeden Tag Clemenza gewährt.
Es schreiben ja meist jene die Weltgeschichte, die es nicht so mit der Gnade haben.
Wenn Sie mich fragen, wo man Clemenza in der Geschichte der Menschheit finden kann, muss man sehr, sehr tief nachdenken. Nelson Mandela hat das vielleicht getan, eventuell gibt es andere Momente. Aber was wir jetzt brauchen, ist Milde zwischen Palästinensern und Israelis. Wenn wir die Gnade vergessen und es sie nicht mehr gibt, dann sage ich als menschliches Wesen: Nun gut, dann lasst uns sterben, lasst uns die Menschheit beenden. Sie wird sowieso aufhören, das wissen wir. Die Menschheit ist ein kleiner Unfall in der Geschichte des Kosmos.
Gibt es keine Hoffnung?
Doch, es passiert auch etwas Schönes: Mit dem Wissen, das wir haben, mit der Wissenschaft, könnten wir weitermachen, könnten wir vielleicht länger weitermachen, als wir sollten, weil wir sehr kluge Menschen sind. Wenn wir dieses wissenschaftliche Wissen auf eine menschliche Art kontrollieren können und nicht auf eine post-humane Art, kann vielleicht etwas Hoffnung auftauchen.
Kann man da mit einer Mozartoper nachhelfen?
Es ist mir egal, ob „La Clemenza“ die beste Oper von Mozart ist oder nicht. Es ist ein sehr poetisches Werk, mit einem sehr menschlichen Ansatz: Nur sechs Sängerinnen und Sänger erzählen die Geschichte. Daher kann mit wirklich mit ihren Persönlichkeiten arbeiten. So funktioniert mein Theater: Ich will Porträts jener zeigen, die hier singen. Mozart selbst hat hier etwas geschaffen, bei dem man sich so viele Jahre später noch fragen kann: Ist dieser Titus ein guter Mensch? Diese Mehrdeutigkeit macht es interessant, bis heute.
Die fehlt dem Rest der Welt.
Ambiguität ist in der Kunst notwendig. Wir reden heute ein bisschen zu viel über sogenannte politische Kunst. Politische Kunst ist meistens schlechte Kunst – und schlechte Politik. Ich kann ein Aktivist sein, und ich bin ein Aktivist außerhalb der Bühne. Ich kann als menschliches Wesen auf die Barrikaden gehen, kämpfen, ein Terrorist werden oder was auch immer. Aber als Künstler will ich die Poesie verteidigen. Denn dort berührt man die Seele der Menschlichkeit, und wenn wir das zerstören, wird die Gesellschaft kalt.
Aber ist das Poetische nicht gerade heute umso politischer? In einer Welt der KI und Drohnenkriege wird die menschliche Seele an den Rand gedrängt. Wenn Sie sie wieder ins Zentrum rücken, ist das doch an sich politisch?
Ich habe gerade in Brüssel eine Show namens „Bridge Stories“ mit meiner Kompanie Needcompany und der Flüchtlingsplattform Cinemaximiliaan gemacht. Wir begannen mit Menschen zu sprechen, die unter einer Brücke beim Petit Château schlafen – über Kunst. Wir sprachen über Marcel Duchamp, über Mozart.
Und dann?
Dann er arbeiteten wir mit ihnen eine Show im Königlichen Theater in Brüssel. Das politische Statement war die Tatsache, dass wir mit ihnen sprachen. Das politische Statement war, dass wir sagten: Lasst uns nicht darüber reden, wie ihr überlebt habt, warum ihr Einwanderer seid. Lasst uns über die Tiere in eurem Leben sprechen. Und sie sprachen über Kaninchen, über Hühner auf dem Bauernhof. Diese Menschen machten sich nicht zu Opfern. Sie hatten eine Party auf der Bühne und sprachen über Kaninchen. Das hat eine Aktivistengruppe enttäuscht, die sich das ansah. Ich denke, mein aktivistischer Ansatz war es, mit diesen Menschen auf der Brücke zu sprechen. Und dann übernimmt der Poet. Und das ist ein Kampf, und ich liebe diesen Kampf.
Was haben Sie denn bei der „Clemenza“ entdeckt?
Die Rezitative sind die geheimen Momente in der gesamten Oper. Ich würde es anders machen als Pablo Heras-Casado, aber das ist Pablos Domäne. Ich sage immer: Da sind zu viele Noten. Es muss trocken sein, trocken, benutze eine Orgel, kein Klavier. Wir könnten einen Schritt weitergehen, um die Spannung in den Stimmen noch mehr zu respektieren. Wir haben dazu eine lebhafte Diskussion, und wir können uns das erlauben, weil wir uns seit ein paar Jahren kennen. Mein Geschmack wäre etwas radikaler. Ich will, ohne ikonoklastisch zu sein, die Tradition hinterfragen
Würde das Publikum das goutieren? Mancher sagt, das sei sehr konservativ.
Es ist ein sehr konservatives Haus, ein großes, berühmtes Haus. Aber dann bei „Le Grand Macabre“ (Wiederaufnahme am 15. 3., Anm.) fühlte ich die Verbindung zum Publikum. Jetzt sagte ich zu Bogdan Roščić: Die Bühnenbildgestaltung ist sehr minimalistisch, und es ist das Gegenteil von dem, was die Leute hier sonst sehen. Wenn ich zu weit gehe, sag es mir. Und Bogdan sagte nach einer Durchlaufprobe: ,Du gehst nicht weit genug. Ich glaube, mein Publikum ist bereit.’ Ich bin glücklich, dass er das sagt. Es gibt viel Neugierde in diesem Publikum, und das Repertoire braucht Veränderungen. Deshalb versuchen wir das zu tun.
Sie haben viel im Tanz gearbeitet. Vieles dort ist mit großer Selbstverständlichkeit wagemutiger als in der Oper. Schwappt das über?
Ein Tänzer, ein Sänger, Musik – das sind für mich alles verschiedene Energiequellen zur gleichen Zeit. Meine Aufgabe ist es, die Balance zwischen all diesen zu finden. Der Raum außerhalb des Zentrums ist genauso wichtig wie das Zentrum. Das ist meine Aufgabe, weil wir in einer Zeit leben, in der die Leute auf ihren Telefonen scrollen, während sie gleichzeitig eine Netflix-Serie schauen. Und die Netflix-Serien passen sich dem an! Sie wiederholen den Inhalt immer und immer wieder, weil sie wissen, dass sie die Aufmerksamkeit einfangen müssen, und nur eine Minute später sieht man dasselbe. Das ist, wo wir jetzt sind: konsumieren, konsumieren, konsumieren und nicht reflektieren.
Und in der Oper?
In einem Opernhaus wie diesem muss man reflektieren, und deshalb habe ich es ausgeräumt, es ist sehr minimal. Sechs Sänger, fünf Tänzer für zwei Stunden auf einer leeren Bühne. Das ist sehr menschlich, und deshalb ist Live-Kunst so schön. Ich glaube, das fühle ich jetzt, älter werdend: die Live-Kunst zu verteidigen, zu sagen, dort gibt es eine Seele, die künstliche Intelligenz niemals, niemals nehmen kann. Künstliche Intelligenz erfindet nichts, es ist nur ein mathematischer Algorithmus. Das Scheitern einer Stimme, das Scheitern einer Bewegung – diese Fehler sind interessant. Probleme sind interessant in der Kunst, Lösungen sind nicht interessant. Deshalb verteidige ich die Poesie der Kunst. Weil wir von Politik verschmutzt sind.
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