"Medea" in der Kammeroper: Am Ende kommen die Forensiker

Corinna von Rad ergründet den „Medea“-Mythos in der Kammeroper.
46-223586774

Der Mythos von Medea ist seit der Antike Inspirationsquelle für Künstler aller Genres. Regisseurin Corinna von Rad fügt den Deutungen in der Kammeroper eine weitere hinzu. „Medea“ nennt sie ihr Mixtum compositum, in dem sie literarische und musikalische Bearbeitungen des Stoffes ineinander verschmilzt.

Das wirkt wie ein Versuch, diese Figur zu rehabilitieren. In der Mythologie wird die Zauberin aus Kolchis als Mörderin ihrer beiden Kinder dargestellt. Von Rad erzählt die Geschichte einer Königstochter, die aus Liebe zu einem Mann ihre Familie und ihr Volk verraten hat und am Ende selbst betrogen wird. Das Kollektiv ist das Sänger-Ensemble.

46-223586748

Fremdsein

Medea wird von der Schauspielerin Lisa-Katrina Mayer verkörpert. Das Fremdsein der Figur wird so deutlich betont. Wenn sie Opern-Arien anstimmt, klingt das wie ein aussichtsloser Versuch, sich verständlich zu machen.

Zu Beginn steckt Medea in ein Fell, also in das Goldene Vlies, gehüllt auf der Seitenbühne in einem Glasverschlag. Der wirkt wie eine transparente Gefängniszelle. Barockmusik ertönt aus dem Off, die Bühne wird eingerichtet. Marc-Antoine Charpentiers „Medée“, Auszüge aus Händels „Semele“ („Happy We“ zur Hochzeit von Jason und Kreusa) und „Teseo“, sowie Musik von Rameau und Bach wechseln sich mit Texten von Euripedes, Grillparzer und Christa Wolf ab.

46-223586776

Das Geschehen lässt stark an deren Roman „Medea. Stimmen“ denken. Denn die Regisseurin klammert wie Wolf den Kindsmord aus. In der Kammeroper wird am Ende von Forensikern ermittelt. Aber was das ist, bleibt unklar.

Bedauerlich, dass die Spannung des Gerichtsdramas zu Beginn nicht durchgehalten wird. Die Geschichte zerfleddert, wird von den Genres zerrissen. Ein Clou ist der Einsatz des Percussionisten Hannes Schöggl, der mit einer Schreibmaschine und anderen Gegenständen einen packenden Zusatz-Sound erzeugt. Die Sänger spielen sehr engagiert. 

46-223586749

Johannes Bamberger zeigt Jason als unentschlossenen Feigling mit vokaler Zurückhaltung. Johanna Rosa Falkinger ist eine ausdrucksstarke Kreusa. Countertenor Alois Mühlbacher verkörpert und intoniert subtil die Amme. Felix Pacher ergänzt sehr gut als Kreon. Benjamin Bayl führt das Bach Consort Wien mit Bedacht.

Kommentare