Trump-Oper "Monster's Paradise" von Jelinek: Präsidenten-Dämmerung als großes Opernkino

"Monster's Paradise" in Hamburg.
„Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. So war die Uraufführung an der Hamburgischen Staatsoper.

In der Großen Theaterstraße in Hamburg patrouillieren Dinosaurier, wiegen sich im Tanzschritt zu den Geigenklängen eines Straßenmusikanten. Bereitwillig posieren sie für Selfies mit Passanten. Wer diese Drachen für die Vorboten einer neuen Folge von „Jurassic Parc“ hält, wird die Filmprogramme vergeblich danach durchforsten. Denn in Hamburg findet großes Kino derzeit in der Oper statt. 

Tobias Kratzer hat für seine erste Produktion als Intendant und Regisseur bei Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth eine Oper in Auftrag gegeben. Über 20 Jahre sind seit deren letzten gemeinsamen Arbeit „Lost Highway“(nach einem Film von David Lynch) vergangen. Seither sind beide mit den höchsten Preisen gewürdigt worden, Jelinek mit dem Literaturnobelpreis und Neuwirth mit dem Pendant in ihrer Sparte, dem Ernst von Siemens Musikpreis. 

Im Zentrum steht ein monströses Drachenwesen namens Gorgonzilla, das seinem bösen Vorgänger aus dem japanischen Kino der 1950er Jahre nachgebildet ist. Das soll einen König-Präsidenten, der nicht zufällig an Donald Trump erinnert, aus der Welt schaffen und diese damit retten. Doch das Geschöpf, das durch einen Atomunfall entstanden ist, den dieser verschuldet hat, weiß, „Der Weltuntergang ist unvermeidbar“. 

Für Jelinek sei es undenkbar gewesen, dass ein Mann wie Trump gewählt, überhaupt als Kandidat aufgestellt werden konnte, resümiert sie im Interview im Programmheft. Sie hatte den amerikanischen Präsidenten bereits in ihrem Stück „Am Königsweg“, das in St. Pölten uraufgeführt wurde, zur Literatur werden lassen. Neuwirth lässt Jelineks Sprache zur Musik werden. 

Das funktioniert so gut, weil Text, Musik und Regie präzise ineinandergefügt sind. Man könnte das mit drei Stimmen in einem Terzett vergleichen. Jelinek treibt ihr Spiel mit Sprache an die Spitze und lässt keines der großen Themen unserer Zeit aus wie Naturkatastrophen, Klima-Kleber, Kapitalismus-Kritik. Wer genau hinhört, kann auch Kritik an häuslicher Gewalt entdecken, wenn ein Chor folgendes anstimmt. „Geht niemals nach Hause, wo es gefährlich ist!“ und erst nach einer minimalen Pause erklärt, dass dort Dürre und Überflutungen lauern

"Monster's Paradise" in Hamburg.

"Monster's Paradise" in Hamburg.

Wesentlich zum Gelingen trägt Georg Nigl als König-Präsident bei. In seinem Fat-Suit sieht er wie Donald Trump aus, der in eine Deix-Figur verwandelt worden ist. Furios zieht alle Register seines Baritons. In absoluter Selbstentäußerung spielt er, als müsste er mit seinem Können die Welt retten. Neuwirth schrieb diese Rolle für ihn. Er hebt sie auf eine Meta-Ebene und lässt diese Trump-Kopie zum Menschen an sich werden, der die Welt zerstört.

Neuwirth spielt mit Versatzstücken aus verschiedenen Musik-Genres. Ein Chor tiefer Männerstimmen kündigt Gorgonzilla an. Fanfaren, ein Klirren und Flirren, Pauken, Trommelschläge, Läuten, E-Gitarre, Schlagzeug halten die Spannung. Jazz, Dixie, Volkslieder, Walzer changieren mit mysteriösen Geräuschen. Action-Film-Musik, Zitate aus Klassik und populären Genres verschmilzt diese Komponisten zu einem Amalgam, von dem man sofort erkennt, dass es von ihr ist. Auch eine Moritat à la Brecht/Weill wird angestimmt. Jedes musikalische Zitat hat hier eine besondere Bedeutung. Die Staccato-Rhythmen aus dem Scherzo von Anton Bruckners „Neunter“ etwa leuchten wie durch einen Grauschimmer-Gaze-Vorhang.

"Monster's Paradise" in Hamburg.

"Monster's Paradise" in Hamburg.

Dirigent Titus Engel organsiert am Pult des Philharmonischen Orchesters Hamburg das musikalische Geschehen ganz genau. Kratzer bewegt das Szenische ganz im Einklang mit Neuwirths Partitur, auch die animierten Videos beeindrucken. Ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken wird von einem Tornado, der ein Haus über die Hügel weht, abgelöst.

Wie zwei Leitfiguren flattern die Vampiretten Vampi (Sylvie Rohrer und die Sängerin Sarah Defrise) ein Look-a-Like von Elfriede Jelinek, und Bampi (Ruth Rosenfeld und Mezzosopran Kristina Stanek), eine Kopie von Olga Neuwirth, durch die fünf Bilder der Oper. Kratzer vervielfacht diese beiden Figuren. Auch das ikonische Foto der beiden ist nachgestellt. In einer langen Filmsequenz, die auch für sich gesehen werden könnte, schippern die beiden auf einem Floß zu Schuberts Fantasie in f-Moll (gespielt von Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina) auf dem offenen Meer. Auch wenn man keine Sequenz dieser Oper missen möchte, wäre eine geringe Kürzung vor der Pause kein Schaden.

Die Szenen mit des König-Präsidenten werden von einer Kopie Oval Office im Weißen Haus (Bühne: Rainer Sellmaier), einer blaue Insel wie aus einem Science-Fiction-Film und Miniatur-Wolkenkratzern illustriert. Im Showdown zwischen König-Präsident Gorgonzilla spielt Kratzer mit der Kunst der Überblendung. Der Kampf der Giganten findet hinter einem Gaze-Vorhang statt. Wie in einem Horror-Film frisst das Monster seinen Widersacher. Da geht großes Action-Kino in japanisches Nō-Theater über. Das Monster ist besonders gut geführt. Etwa, wenn es auf einem Inselfelsen wie Loreley thront und kokett seine Schwanz schwingt. Anna Clementi leiht ihm ihre eindrucksvoll verfremdete Stimme. Countertenor Andrew Watts besticht als Mickey. Auch die kleineren Rollen sind achtbar besetzt. Viel Applaus für diese denkwürdige Produktion.

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