Lotte de Beers "Faust"-Inszenierung in München: Ein düsteres Nachtstück

Lotte de Beers "Faust"-Inszenierung in München: Ein düsteres Nachtstück
Volksopern-Chefin Lotte de Beer inszeniert Gounods „Faust“ “ an der Bayrischen Staatsoper.

„Rien“ („Nichts“): Es ist das erste Wort, das über seine Lippen kommt. Für Faust ist das Leben eben ein „Nichts“. Zerlumpt und zitternd sitzt der Titelheld im Rollstuhl und philosophiert über den Sinn des Lebens, den allgegenwärtigen Tod und die Religion, über existenzielle Fragen also, die auch als wesentliche Bestandteile der Inszenierung von Lotte de Beer in der Oper „Faust“ von Charles Gounod an der Bayrischen Staatsoper zu finden sind.

"Faust" in München.

Angedeutet

Gezeigt wird das Werk auf einer meist dunklen, leergeräumten, aber oft drehenden, Aktion vortäuschenden Bühne (Christof Hetzer) mit fahlem Licht, gewölbten Steinplatten am Boden und einer glänzenden, kalten Metallwand. Die einzelnen Orte sind nur angedeutet und in seltsamen Miniaturformaten ausgestattet: So wohnt Maguerite in einem winzigen Gartenhäuschen, wo der Teufel beobachtend am Dach liegt, wo auch Marthe schläft, die dann gerade bei der Liebesszene stirbt, was viel von der Stimmung nimmt.

"Faust" in München.

Die Kirche schaut wie ein klitzekleines Wartehäuschen aus. Dieser Szene fehlt es überhaupt an Imposanz.

Mephisto wird als omnipräsenter Strippenzieher und Einflüsterer gezeigt, der die Menschen beim Saufen, Tanzen und in den Krieg führt. Sehr lebendig mit vielen Toten wirken die Massenszenen. Jorine van Beek hat dafür einen Stilmix an Kostümen, teils sogar sandfarbene Lumpen kreiert. Leider gerät dabei der an sich klangschön singende Chor des Hauses (Einstudierung: Christoph Heil) fallweise außer Tritt. Auch bei Marguerite finaler Rettung passiert optisch nichts.

Natürlichkeit

Bei seinem Rollendebüt verkörpert Jonathan Tetelmann den Titelhelden mit weichen Lyrismen, berührender Eleganz, feiner Phrasierungskunst sowie Höhensicherheit, besonders bei seiner Arie „Salut! Demeure chaste et pure“ und spielt ihn mit jugendlicher und großer Natürlichkeit. Die Marguerite der Olga Kulchynska erlebt man mädchenhaft, gefühlvoll mit vielen Zwischentönen und flexiblen Koloraturen besonders bei der makellos gesungenen Juwelenarie, insgesamt mit fragiler Innigkeit und beeindruckendem Spiel. Marguerites versehentliche Tötung ihres Säuglings im Weihwasser geht besonders unter die Haut. Auch Faust fischt das Baby später nochmal aus einem Leichenhaufen.

Kyle Ketelsen ist ein zynischer, schwarzgekleideter Méphistophélés. Er singt den Satan mit stimmgewaltiger Noblesse und zurückhaltender Dämonie. 

"Faust" in München.

Florian Sempey ist ein eher grober, sehr viriler Valentin, Emily Sierra ein sympathischer, feiner Siébel, Dshamilja Kaiser eine ideale Marthe. Thomas Mole ein achtbarer Wagner.

Anfänglich mit recht breiten Tempi und etwas fehlenden drängenderen und packenderen Impulsen, aber bald delikat, mit vielen Zwischentönen, reich an Farben und feiner Pianokultur, aber auch der notwendigen Dosis an Leidenschaften und Emotionen hört man das Bayrische Staatsorchester unter der hier erstmalig am Pult stehenden Natalie Strutzmann. Es fehlt auch nicht an raffiniertem, französischen Parfum.

Großer Jubel und einige Buhs für das szenische Team.

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