Musikvereinschef Pauly: "Das Klassikleben funktioniert“ trotz Krisen
Bereits beim Durchblättern des Programmbuchs der kommenden Spielzeit im Musikverein stellt sich eine Art Füllhorn-Effekt ein. Die Elite der Klassik ist ebenso zu finden wie junge, gerade international aufsteigende Künstlerpersönlichkeiten.
„Es wäre seltsam, die tollen jungen Künstler nicht so zu berücksichtigen wie jene, die hier seit Jahrzehnten zu Hause sind. Sie sind auf ihre Weise faszinierend. Deswegen sollen sie bei uns auch einen zentralen Platz haben“, konstatiert Stephan Pauly, Intendant des Musikvereins, im KURIER-Gespräch. „Die besten Künstler der Welt bleiben das pulsierende Herz unseres Hauses. Darum herum lagern sich die neuen Dinge“, erklärt er.
Lebendige Tradition
Auch in der kommenden Saison werden drei Ziele verfolgt: „die große Tradition dieses Hauses mit Top-Künstlern und den großen Meisterwerken lebendig in die Zukunft zu tragen, kreative Programme zu gestalten und neues Publikum zu erreichen.“
Das manifestiert sich auch in der Schiene „Künstler:innen im Fokus“. Franz Welser-Möst ist einer dieses Vierer-Gestirns. Er beendet 2027 nach 25 Jahren sein Chefdirigat beim Cleveland Orchestra und gastiert damit im Oktober. Maxime Pascal, einer der spannendsten der jüngeren Generation, spannt den Bogen von Mozart bis Alois Zimmermann. Anne-Sophie Mutter verbucht heuer 50 Jahre auf der Bühne. Ihr Engagement für Frauen im Iran führte sie mit der Komponistin Aftab Darvishi zusammen, der sie den Auftrag für ein Stück für Solo-Violine gab.
Buchbinder & Jelinek
Die Pianistin Yuja Wang ist 4. Fokus-Künstlerin. Rudolf Buchbinders 80. Geburtstag im Dezember sei ein Grund mehr, diesen Pianisten mit Konzerten im Goldenen Saal hochleben zu lassen, sagt Pauly. Eine weitere Jubilarin ist Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek.
Dass sie die „Musikverein Perspektiven“ bestreitet, habe aber nichts mit ihrem 80er zu tun, stellt der Intendant klar. „Keimzelle“ für das Programm sei Jelineks eigenes, verstimmtes Klavier. Als die Pianistin Marianne Schroeder das seit Jahrzehnten ruhende und jetzt verstimmte Instrument in Betrieb nahm, entdeckte sie mit der Autorin einen Klangzauber, der Jelinek zu einem Text inspirierte.
Beethovens 200. Todestag im März ist für den Pianisten Igor Levit Anlass, dessen sämtliche Klaviersonaten aufzuführen.
Mangel an Diversität kann man dem Musikverein nicht vorwerfen. Dirigentinnen sind in diesem Haus eine Selbstverständlichkeit. Explizit gibt es „Komponistinnen im Fokus“, aktuell die Richard-Wagner-Zeitgenossin Emilia Mayer und die 1979 geborene Klangmalerin Francesca Verunelli. Markus Poschner, der im Herbst sein Amt als Chef des RSO antritt, wird in einem eigenen Format Meisterwerke erklären.
Ein Räderwerk
Wie kann man vermeiden, dass sich Musikverein und Konzerthaus einander an einem Abend mit Spitzenprogrammen konkurrenzieren? „Man kann sich nicht abstimmen, die Planung ist wie ein sehr großes Räderwerk. Da muss so viel ineinandergreifen, das würde niemand bewältigen. Ich würde diese Ballungen als Ausdruck der Fülle einer Musikstadt sehen“, tröstet Pauly. Und wie ist es mit der Planung in schwierigen Zeiten, wo amerikanische Orchester um ihre Budgets bangen? „Wir planen jetzt schon für die Spielzeit 2028/’29. Das Klassikleben funktioniert ungebrochen.“
Was kann man Menschen in bedrängenden Zeiten mitgeben? Pauly: „Wenn ich in der Pause mit Besuchern spreche, höre ich immer wieder, ein Konzertbesuch kann eine starke Kraft- und Energiequelle sein. Viele Künstler empfinden das ebenso und ich selbst auch.“
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