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Kultur
06/19/2021

Mit Lovis Corinth im Swingerclub der Jahrhundertwende

Lovis Corinth (1858–1925) stand an der Kippe zur Moderne. Die Kraft seiner Malerei aber betört über Epochen hinweg

von Michael Huber

Er hatte einen üppigen Schnauzer und einen wuchtigen Bauch, er trank gern und viel und freute sich am Essen: Die Marzipantorte, die ihm ein Freund jedes Jahr aus seiner Heimatstadt Königsberg (heute Kaliningrad) mitbrachte, verewigte er sogar in einem Gemälde. In diesem rührte er ebenso lustvoll mit dem Pinsel in der Farbpaste herum wie vermutlich mit der Gabel in der Torte.

In Österreich sozialisierte Menschen werden beim Gang durch die Ausstellung „Lovis Corinth – das Leben, ein Fest!“ nicht nur einmal an Hermann Nitsch denken müssen: Der Erfinder des „Orgien-Mysterien-Theaters“ erscheint mit seinem auf Rausch und Seinslust aufbauenden Werk oft wie ein Wiedergänger des 1925 verstorbenen deutschen Malers. Beide treffen sich in der Betonung dessen, was bei Nietzsche das dionysische Prinzip heißt – und als Gott des Weines und des Festes stellte sich der Künstler Corinth auch mehrfach selbst dar.

Tierkadaver, ein häufiges Motiv bei Nitsch, gibt es bei Corinth auch, wobei sich der 1858 geborene Sohn eines Gerbers darauf beschränkte, aufgeschnittene Rinder und Schweine direkt im Schlachthof zu malen, statt sie theatral zu inszenieren.

Sinnesrausch

Doch die Einheit von Körper, Blut und Farbe, von Ding und Symbol, der fließende Übergang vom händischen Tun zum künstlerischen Schaffen an der Leinwand – all dies begegnet schon im Werk Corinths, von dem zahlreiche Verbindungspfeile in die Vergangenheit und die Gegenwart führen. Corinth sah sich selbst als Geistesverwandter von Meistern wie Frans Hals, Rembrandt oder Diego Velázquez; in der Nachwelt berief sich etwa der Maler Georg Baselitz auf ihn. Im Werk von Lucian Freud, Willem de Kooning, den „Neuen Wilden“ der 1980er oder der Malerin Jenny Saville ist vielleicht nicht in jedem Fall ein expliziter Inspirationszusammenhang nachzuweisen, doch durchweht die Bilder derselbe ästhetische Geist.

Der Anti-Klimt

Von seinen Zeitgenossen wurde Corinth zwischen allen Stühlen platziert, doch weder das Kleidchen des Impressionismus, noch jenes des Symbolismus oder Expressionismus wollte ihm recht passen.

Sehr wohl aber gehört der Künstler zu jenen Kräften, die den Karren der Kunstgeschichte aus dem 19. Jahrhundert in die Moderne schoben: Die schwülstige Historien- und Salonmalerei, die Corinth in Königsberg, in München und schließlich in Paris bei dem für seine „Marzipankörper“ bekannten William-Adolphe Bouguereau studiert hatte, lehnte er ab. Als Mitglied der Münchner, später der Berliner Secession war er auch in einschlägigen fortschrittlichen Organisationen dabei. In Wien, wo seine Bilder ab 1897 immer wieder ausgestellt wurden, nahm man Corinth oft als Gegenpol zu Gustav Klimt wahr.

Corinths (Frauen-)Körper sind nicht Marzipan, sondern aus Fleisch und Blut. Sehr oft ist es der Körper seiner Frau Charlotte, der in den Bildern zu sehen ist – gleich am Eingang der Schau etwa präsentiert sie sich teilentblößt, das Gesicht hinter einer Maske verborgen: Man denkt an die Swingerparty in „Eyes Wide Shut“, Stanley Kubricks Bearbeitung von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ (1999).

Freizügiges Leben

Wenngleich der Wandtext von einem „provozierenden und voyeuristischen Blick“ Corinths auf seine weiblichen Modelle spricht, dürften der Maler und seine Frau, ebenfalls Künstlerin, wohl „Partners in Crime“ gewesen sein, wie Belvedere-Kurator Alexander Klee erklärt. Beide wandten sich gegen Sittlichkeitsgesetze der Zeit, malten explizite Szenen und ließen auch privat eher nichts anbrennen.

Corinths Leben als Partytiger diente zweifellos auch der Selbstvermarktung, wie Klee sagt. Lange Zeit bestritt der Maler sein Einkommen aber vor allem als Porträtist. Grobschlächtig und unvorteilhaft fanden manche die Bilder, die der Künstler selbst aber in eine Reihe mit niederländischen Vorbildern, zu stellen wusste: Bei aller Wildheit, so illustriert es vor allem der Katalog, war Corinth doch ein belesener und reflektierter Kopf, der sich selbst stets als Teil einer Tradition sah. In einer fast ganz in blauer Farbe aufgelösten „Geburt der Venus“ gelangte er 1923 schließlich ganz nah an die Abstraktion: „Ein Neues habe ich gefunden: Die wahre Kunst ist Unwirklichkeit üben“, schrieb er dazu.

Wenn an der Belvedere-Schau etwas auszusetzen ist, dann, dass sie ruhig dichter hätte ausfallen können – die zweite Hälfte des Parcours ist sehr locker gehängt. Und es ist schade, dass etwa die verblüffende Verwandtschaft von Corinths „Selbstporträt als lachender Bacchant“ (1905) mit Richard Gerstls „Lachendem Selbstporträt“ (1908) aus der Belvedere-Sammlung zwar im Katalog, aber nicht im direkten Vergleich bestaunt werden kann. Wer Malerei als Kunstform liebt und keine Scheuklappen trägt, wird an der Ausstellung aber nicht vorbeikommen.

Zur Person
Lovis Corinth (1858–1925) verbrachte seine Karriere vor allem in München und Berlin, war aber   auch in Wien präsent. Die Staatsgalerie (heute Belvedere) kaufte 1916 erstmals ein Bild von ihm. Heute besitzt das Museum neun seiner Gemälde   

Zur Ausstellung
„Lovis Corinth – das Leben, ein Fest!“ läuft bis 3. 10. im Oberen Belvedere. Der Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, 228 S.) kostet 29,80 Euro – die Qualität der Malerei erschließt sich aber doch nur vor den Originalen vollends

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