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Kultur Medien
01/01/2022

Neuer Aufbruch unter neuer Führung im ORF. Wohin die Reise geht

Roland Weißmann ist mit dem heutigen Tag Generaldirektor – ein Job, der vor allem eines bietet: Begehrlichkeiten und Druck von allen Seiten

Die Last ist gebührend: Mit dem heutigen Tag trägt Roland Weißmann die Gesamtverantwortung für Österreichs größtes Medienunternehmen. Als Alleingeschäftsführer des ORF erstreckt sich das Reich des Generaldirektors vom Landesstudio Vorarlberg bis zum Jugendsender FM4. Von ORF2 bis ORF Sport+. Eine gewaltige Aufgabe, die viel Manövrierkunst erfordert, denn der Job des ORF-Chefs ist vor allem eines: Hochpolitisch. Die Landeshauptleute (die auch in der Tagespolitik erstarkt sind) pochen auf ihre Wünsche, die ÖVP-Regierungsmehrheit im obersten ORF-Gremium, dem Stiftungsrat, macht ihren Einfluss ebenfalls geltend und daneben gilt es in die Zukunft zu denken und die anderen Parteien ebenfalls mit einzubinden. So schnell wie heutzutage die Bundeskanzler wechseln, sind auch neue Farbkombinationen in der Regierung denkbar.

Direkte Konkurrenz

Und dann sind da noch die Verlage. Ein direkteres Konkurrenzverhältnis zwischen ehemaligen Zeitungsherausgebern und der ehemaligen Rundfunkanstalt gab es noch nie: Der ORF macht Onlinejournalismus, die Zeitungen drehen Videos. Dass der öffentlich-rechtliche Riese trotz Gebührenfinanzierung hier mitspielt, sorgt zunehmend für Unmut. Weißmann will auch hier verbinden, das signalisiert er zumindest. Die Gegenseite formuliert harte Wünsche: So soll er die blaue Seite von ORF.at auf ein Minimalmaß reduzieren. Die Zukunft der Verlage liegt in digitalen Abos – wenn der Gebührenfunk die Inhalte herschenkt – wo sollen dann die Verlage ihr Geld verdienen?

Kommt die Novelle?

Entsprechend kritisch wird die angekündigte ORF-Digitalnovelle beäugt, die eigentlich schon längst unter Dach und Fach hätte sein sollen, nicht zuletzt wegen innenpolitischer Turbulenzen im alten Jahr jedoch unerledigt blieb. Medienpolitische Vorhaben zu verschieben, hat in Österreich unrühmliche Tradition. Für den ORF geht es um die Zeit nach der TVthek, die derzeit neben technischer Veraltung auch mit den Auflagen der Vergangenheit kämpft: Sendungen dürfen nur sieben Tage nach Erstausstrahlung im linearen Fernsehen abrufbar sein, eigene Bewegtbildinhalte nur für die eigene Mediathek verbietet der Gesetzgeber. Der ORF will jedoch den „ORF Player“ als neue Plattform etablieren, auf der unter anderem eigene Inhalte gezeigt werden dürfen. An dem Projekt wird bereits seit Jahren gearbeitet – seit Sommer 2020 unter der Führung von Roland Weißmann. Das politische Lobbying für die gesetzlichen Erleichterungen liegt nun ebenfalls in seinem Verantwortungsbereich.

Kooperation wird nicht reichen

Im Gegenzug betont der ORF seinen Willen zur Kooperation mit heimischen Privaten, denn der wahre „Gegner“ seien doch internationale Plattformen. Ob dies als Argument reicht, darf bezweifelt werden. Verantwortlich zeichnet die neue Medienministerin Susanne Raab (ÖVP), die sich noch keine Inhalte entlocken ließ.

Weißmann trat seit seiner Wahl im August betont im Hintergrund von Amtsvorgänger Alexander Wrabetz auf. Auch mit seinem offiziellen Amtsantritt war keine Medienoffensive geplant – Interviewanfragen ließ Weißmann verstreichen.

Quo vadis, ORF? Man wird es demnächst erfahren.

Geschäftsverteilung. Wenn mit heutigem Tag die Büros des Führungspersonals im ORF bezogen sind, muss jedes Türschild getauscht werden: Mit dem neuen Generaldirektor Roland Weißmann kommt auch ein komplett erneuertes Direktorium zum Zug.  Die prominenteste Personalie in dem Zusammenhang ist die Journalistin Ingrid Thurnher, die nach Stationen in „ZiB2“ und Diskussionsformaten zuletzt als Chefredakteurin von ORFIII ein neues Profil entwickelt hat. Sie ist für den Hörfunk verantwortlich, wird aber auch eine wichtige inhaltliche Ansprechpartnerin in journalistischen Belangen sein, wie am Küniglberg zu hören war. Ebenfalls von ORFIII stammt die  neue kaufmännische Direktorin, Eva Schindlauer:  Beim Spartensender war sie kaufmännische Verantwortliche, nun überwacht sie das Mega-Budget des gesamten Milliardenunternehmens. 

Für das Programm ist die bisherige Puls4-Chefin Stefanie Groiss-Horowitz zuständig. Sie ist ein ORF-Urgestein und war bereits in zahlreichen inhaltlichen Funktionen tätig – unter anderem war sie „Head of Delegation“ für den Eurovision Song Contest. 2017 wechselte sie zu Puls4. Ihr Job dort wurde nicht nachbesetzt.

Für den immer wieder mit Sparwünschen bedachten Bereich Technik ist Harald Kräuter  verantwortlich. Er ist einer breiten Öffentlichkeit nicht bekannt, wiewohl ein großer Teil der Bevölkerung mit seinem bisherigen Job zu tun gehabt hat: Kräuter leitete die Gebühren Infoservice seit 2013. Er ist seit 30 Jahren im ORF tätig.

Mit drei Direktorinnen beträgt der Frauenanteil in der zentralen Führung nun 75 Prozent. Bisher war es 50:50. In den Landesdirektorien sieht dies anders aus: Nur drei von neun werden von Frauen geleitet.

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