Diskussion bei der ROMY: Auswege aus einer dunklen Bedrohung
Von links: Roland Weißmann, Alexander Pröll , Sandra Maischberger und Richard Grasl.
Der Himmel über den klassischen Medien verfinstert sich derart rasch, wie es vor wenigen Jahren noch kaum zu vermuten war.
Der deutsche Medienforscher Martin Andree wählt für die Bedrohung auch eine düstere Metapher: „Dark Tech“ nennt er US-Internetriesen, die er als Monopolisten bezeichnet. Anlässlich der ROMY-Woche in Kitzbühel war Andree am Freitag, gemeinsam mit Medienprofis und einem Vertreter der Politik, zur KURIER-Paneldiskussion „Medien und Demokratie“ geladen.
KURIER-Geschäftsführer Richard Grasl führte durch die Diskussion und leitete sie mit Thesen aus Andrees neuem Buch „Krieg der Medien“ ein. Die EU werde von vier Seiten in die Zange genommen: von den Tech-Plattformen, der US-Regierung, den europäischen populistischen Bewegungen und durch die militärische Bedrohung aus dem Osten. Andree sieht die US-Tech-Konzerne und die Trump-Regierung dabei als Verbündete.
Die wahren Leitmedien
Wissenschaftlich gestützt erklärt Andree, „dass mittlerweile 60 Prozent der massenmedialen Aufmerksamkeit in digitale Medien geht und 40 Prozent in alle anderen, also Fernsehen, Radio, Zeitung zusammen. Das heißt, die digitalen Medien sind sozusagen schon die Leitmedien.“
Andree forderte: „Wir dürfen niemals große, monopolistische Konzerne haben, die in diesem Fall über die Algorithmen quasi den Maschinenraum bestimmen.“ Klassische Medien würden sich immer mehr daran ausrichten.
Von ARD-Moderatorin Sandra Maischberger wollte Richard Grasl wissen, ob Politiker in Deutschland überhaupt noch klassische Medien brauchen, um ihre Botschaften ans Wahlvolk zu bringen.
Im „großen Segment“ würde sie das bejahen, sagte Maischberger, „hier sind wir nach wie vor der Goldstandard. Das heißt, wenn Sie in den großen Sendern und Zeitungen nicht auftreten, dann ist es schon so, dass Sie bei einer bestimmten Wählerschaft eine Aufmerksamkeitsschwelle unterschreiten.“ Man sehe aber, dass das Modell Trump, sich direkt und ungefiltert an die Unterstützer zu wenden, sich längst etabliert habe. „Insofern müssen wir dafür sorgen, dass unsere Relevanz erhalten bleibt. Dieses Geschäftsmodell endet aber dann, wenn es auf der anderen Seite nicht mehr mitgemacht wird.“
Digitalstaatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) kann das von Andree geschilderte dystopische Weltbild nachvollziehen: „Wir entwickeln uns genau dort hin.“ Er plädiert dafür, statt Social Media den Begriff „Social Entertainment“ zu verwenden, um diese Plattformen nicht selbst als Medien zu framen.
Richard Grasl, Martin Andree und Martin Gebhart
Herr über die Daten
Ein große Bedrohung sieht Pröll im Abfluss von Daten, hierbei sei Europa „zur Kolonie der USA geworden. Daten sind im 21. Jahrhundert die wichtigste Ressource.“ Zuletzt habe man das Thema „massiv vorangetrieben“ und eine Digital-Charta aufgesetzt, der alle EU-Staaten beigetreten seien. „Es geht darum, wieder Herr über die eigenen Daten zu werden“, sagt Pröll. Man arbeite an konkreten Lösungen.
Diskussionen
Der KURIER lud Freitagmittag zum zentralen Panel „Medien und Demokratie“. Zu Gast war u.a. der deutsche Medienforscher Martin Andree, der eine Bedrohung durch „Dark Tech“ konstatiert, „also die großen monopolistischen US-Tech-Konzerne, die früher einmal als Idealisten in ihren Garagen begonnen haben“.
Filmfestival
Auch das Filmfestival Kitzbühel lädt zu filmpolitischen Diskussionen. Das finale Panel findet am Samstag um 12 Uhr im Starthaus des Hahnenkammrennens statt: „Zeitwende auf Bildschirm und Leinwand.“
Das Filmfestival lieferte auch neuen ORF-Krimi-Stoff. Der Landkrimi „Tod in Tirol“, der Donnerstagabend Premiere feierte, soll Anfang 2026 ausgestrahlt werden. Patricia Aulitzky und Dominik Raneburger sind dabei einem Drogenring auf der Spur. In Saal 2 präsentierten der Wiener Regisseur Marvin Kren und Netflix-Serienchef DACH, Jan Bennemann, erste Szenen aus Staffel 2 der Actionserie „Crooks“. Dem Vernehmen nach soll sie im Sommer starten. Dafür wurden rasante Szenen in Bangkok gedreht – auch Wien ist wieder prominent im Bild.
Unter welchen Umständen weiterhin solche Projekte finanziert werden können, stand am Freitag im K3-Center zur Debatte. Constantin-Chef Oliver Berben lobte die Möglichkeiten in Österreich, konstatierte aber: „In fünf Jahren ist alles ganz anders“, ein Produzentensterben sei möglich. Lisa Giehl von Leonine sieht Österreich nicht mehr als „Wonderland“, aber noch als „Superland“. Deutschland müsse bei der Investitionsverpflichtung für Streamer in die Gänge kommen: „Die Argumente sind vielfach ausgetauscht, jetzt muss einfach was passieren.“tem
Andree replizierte darauf, dass er viel größere Probleme sehe. „nämlich die des grundsätzlichen Freiheitsentzugs, der totalen Abhängigkeit, der totalen Erpressbarkeit, die wir jetzt auf politischer Ebene sehen.“ Man habe den Tech-Monopolisten in Europa viel zu viele Rechtsprivilegien zugestanden. Würde man ihnen diese nehmen, „dann würde Tiktok ohnehin von selbst zusammenfallen“.
Richard Grasl leitete zu den heimischen Leitmedien über und problematisierte, dass „auch wir die sozialen Medien mit unseren Inhalten füttern“. Es bestehe zudem eine gewisse Abhängigkeit, dort präsent zu sein, „weil wir damit Zielgruppen erreichen, die wir mit unseren Print- oder Digitalplattformen, mit Fernsehen und Radio nicht mehr erreichen“.
ORF-Generaldirektor Roland Weißmann erinnerte daran, dass der Werbemarkt in Österreich ein Volumen von rund vier Milliarden Euro habe, rund 2,7 Mrd. würden heute schon zu Google und Facebook wandern. „Gewisse Dinge können wir nicht mehr ändern“, sagte Weißmann, „aber gewisse Dinge können wir regeln, in Österreich und auf EU-Ebene.“ Über Youtube, Instagram und Tiktok erreiche der ORF auch Junge, wobei man dieses Engagement nicht kommerzialisieren könne. Das sei für den ORF aufgrund der Gebührenleistungen ein geringeres Problem als für andere Medien.
Als mögliche Lösung regte Weißmann einen staatlichen „Schutzmechanismus“ für die „demokratiepolitische Versorgung mit Nachrichten“ an. Hier hakte Sandra Maischberger ein: Eine staatliche Regulierung könnte zwar „jetzt vielleicht richtig sein – aber in ein paar Jahren vielleicht ganz falsch, weil Sie gar nicht wissen, wer dann diese Staaten regiert“.
Relevanz und Vertrauen
Auch KURIER-Chefredakteur Martin Gebhart fand, dass der Staat nicht die Verantwortung dafür haben könne, dass Medien funktionieren. „Aber es geht um die Spielregeln, und die sind momentan nicht fair“, sagte Gebhart.
„Es geht um Relevanz. Glaubwürdigkeit und Vertrauen“, erklärte er. „Wenn wir das nicht jeden Tag beweisen können, dann verlieren wir sowieso irgendwann die Menschen. Sie landen dann in anderen Blasen, in einer anderen Wirklichkeit. Da sind wir gefordert, noch mehr die Lebensrealitäten der Menschen abzubilden“.
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