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Kultur Medien
08/05/2019

Handmaid's Tale: "Jeder würde sich freuen, wenn unsere Serie irrelevant wäre"

In New York sprachen die Stars und Schöpfer über die traurige Aktualität der preisgekrönten Produktion.

In Gilead, einem totalitären Staat, den sich die kanadische Autorin Margaret Atwood für ihren bahnbrechenden Roman „Handmaid’s Tale“ (auf Deutsch: „Der Report der Magd“) ausgedacht hat, werden Frauen ihrer Rechte beraubt, unterworfen, vergewaltigt und nach ihrer Fruchtbarkeit eingestuft.

Atwood hat oft betont, dass in ihrem Buch nichts vorkomme, was bis 1985 noch nicht geschehen sei. Der Roman fand seine Motive in der Doppelmoral des amerikanischen Puritanismus, in der Lebensborn-Ideologie des Dritten Reichs, in der amerikanischen Sklaverei und dem ostdeutschen Überwachungsstaat. Dennoch wirkt die Geschichte für viele Amerikaner aktueller denn je während der amtierende Präsident gegen Frauen, Minderheiten und Einwanderer hetzt.

„Jeder würde sich freuen, wenn unsere Serie irrelevant wäre“, sagt Showrunner Bruce Miller im Beekman Hotel in New York City über die Adaption des Romans, angesichts der Tatsache, dass sich seine Dramaserie, über die ICE-Razzien und die Migrantenkrise hinaus, direkt mit Zwangsmutterschaft und der Verweigerung von Autonomierechten befasst. Gilead, erklärt er, ist „ein Pariastaat“, aber einer mit „allen amerikanischen Atomwaffen“.

Rote Roben als Symbol für Widerstand

Die erste Staffel startete einige Monate nach dem Amtsantritt von Donald Trump, wobei die Themen reproduktive Gesundheitsversorgung und Einwanderung bereits im Fadenkreuz standen. Die roten Roben der versklavten Mägde sind längst zum Symbol für den Widerstand geworden, etwa zuletzt im Mai, als Frauen in Alabama für das Recht auf Abtreibung eintraten. Die zweite Staffel landete mitten in der #MeToo-Ära, zum Teil als Reaktion auf einen Präsidenten, der sich öffentlich sexueller Übergriffe rühmte.

Während Atwood im September ihre eigene Fortsetzung mit dem Titel „The Testaments“ („Die Zeuginnen“) herausbringt, steht die dritte Staffel der Serie, die im Juni in den USA auf Hulu angelaufen ist, ganz im Zeichen der Rebellion. So dystopisch die Handlung auch sein mag, so erschreckend gegenwärtig ist sie plötzlich doch, wenn Alabama und andere US-Bundesstaaten Gesetze verabschieden, die es den meisten Frauen extrem schwer, wenn nicht unmöglich machen, eine legale Abtreibung zu erhalten – auch bei Vergewaltigung und Inzest.

Nahe an der Realität

„Man würde hoffen, dass diese Serie eine echte Übertreibung ist“, sagt Bradley Whitford, der den geheimnisvollen Commander Lawrence spielt, „aber sie kommt der Realität ein wenig zu nahe, wenn Sie in einem Land leben, in dem Sie in manchen Orten härter bestraft werden, wenn Sie von einem Vergewaltiger geschwängert werden und eine Abtreibung haben, als wenn Sie jemanden vergewaltigen.“

Lawrence spielt in Staffel 3 eine Schlüsselrolle als Architekt von Gilead. „Ich dachte immer wieder an Robert McNamara, den Architekten des Vietnamkrieges, der ein großer Wirtschaftswissenschaftler war“, sagt Whitford, „und dann seine genialen wirtschaftlichen Ideen nahm und ein paar Millionen Asiaten ausrottete“.

Samira Wiley spielt Moira, eine ehemalige Magd, die jetzt in Kanada den Alltag eines Flüchtlings versucht zu bewältigen. Auf der Straße wird sie immer wieder auf ihre Rolle angesprochen, sagt die Schauspielerin. "Menschen wollen mir von ihren Traumata erzählen", erzählt sie, und das erinnere sie daran, dass sie etwas tut, das "größer ist als sie selbst". 

In Zusammenarbeit mit der Frauengesundheitsorganisation Planned Parenthood hat sich die US-Schauspielerin im Juni mit anderen Stars der Serie zusammengetan, um eine Werbung zu drehen, in der sie sich gegen die Welle der im ganzen Land vorgeschlagenen oder verabschiedeten Gesetze zur Abtreibungsbekämpfung aussprechen. In einem kurzen Video erklären sie, warum der Zugang zu legalen Abtreibungen ein Grundrecht für Frauen ist und warum der Versuch, ihnen den Zugang zu verweigern, eine nationale Gesundheitskrise ausgelöst hat.

Analogien von konservativen Frauen wie Ivanka Trump

„Dies ist nicht Gilead. Dies ist nicht ,Handmaid’s Tale‘. Dies ist kein Buch. Dies ist keine TV-Serie. Dies ist Amerika. Dies ist unsere Realität“, sagt die Besetzung. „Wenn wir anfangen, den Zugang zur Abtreibung einzuschränken, kommt unser Land Gilead einen Schritt näher. Und das dürfen wir nicht zulassen.“

Die Komplizenschaft vieler Frauen in der Diktatur ist ein anderer Aspekt der Serie, der ihre Relevanz verschärft, vor allem nach einer US-Wahl, in der eine Mehrheit von weißen Frauen für einen frauenfeindlichen Präsidenten stimmte. Diese Despoten sind zugespitzte Analogien von konservativen Frauen wie Ivanka Trump, Kellyanne Conway, oder der republikanischen Gouverneurin von Alabama, Kay Ivey, die im Mai das strengste Abtreibungsgesetz der USA unterzeichnet hat."Amerika ist reich an Serena Joys", schrieb die Journalistin Sarah Jones in dem US-Politmagazin New Republic über die Figur von Yvonne Strahovski, die Gilead mitaufgebaut hat.

Hauptdarstellerin und Produzentin Elisabeth Moss sagt, sie habe seit Beginn der Serie ein dramatisches Erwachen verspürt. „Es geht unter die Haut und Sie beginnen, sich mit der Realität der Welt zu verbinden“, betont sie, aber sie hofft, dass es nicht nur ein „Klickköder“ bleibt. „Ich hoffe, die Menschen nehmen dieses Gefühl der Angst – dieses ,Oh, es ist so relevant‘ und ,Oh, es ist so beängstigend‘ – und nutzen es, um etwas zu tun.“

Von Marietta Steinhart

Info: Die ersten zwei Staffeln von "Handmaid's Tale" kann man bei Amazon Prime Video kaufen bzw. über den Prime-Channel MGM streamen.