Drehbuchautor Uli Brée: „Was muten wir dem Publikum zu?“
Auch wenn sich die TV-Sender, wie jeden Jänner, für ausgewählte Quotenerfolge des Vorjahres selbst auf die Schultern klopfen: 2025 war kein gutes Jahr für das Fernsehen. Die Werbekrise hat nun auch das Privatfernsehen erfasst, große Tanker wie RTL müssen Hunderte Stellen abbauen. Rechtspopulistische Parteien wie die FPÖ und die AfD hämmern unter Zustimmung von Teilen der Bevölkerung weiter auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. YouTube und Co. gewinnen den Kampf um die Aufmerksamkeit der jungen Seherinnen und Seher.
Aber nicht nur die äußeren Umstände sind schwierig: Abseits der Nachrichten ist das Fernsehen fast völlig aus der kulturellen Debatte gefallen (selbst das Streaming hat nur noch selten den Moment für sich). Es gibt den x-ten Krimi, die x-te Staffel von Erfolgsserien, die x-te Neuauflage von Einschlafmassagereihen im Hauptabend. Es gibt kaum etwas, über das man am Tag danach redet.
Und jetzt?
Jetzt, sagt Drehbuchautor Uli Brée, braucht es mutiges Fernsehen. Fernsehmacher analysieren ihre Ergebnisse oftmals nur an Zahlen, sagt Brée im KURIER-Gespräch. Aber „man sieht ja nicht fern, weil man die werberelevante Zielgruppe ist“, so der Autor von Erfolgsformaten wie „Vorstadtweiber“ und „Biester“. „Wir analysieren seit Jahren akribisch den Zuseher-Schwund – aber über eines reden wir kaum: über Inhalte. Wir sprechen selten darüber, was wir dem Publikum eigentlich zumuten. Oder eben nicht zumuten.“
Nur nicht anecken
Es ist „wahnsinnig leicht, unmutiges Fernsehen herzustellen. Nach dem Motto: Wir ecken nirgendwo an, wir tun keinem weh“. Im linearen TV werde das „Eierlegendewollmilchsau-Fernsehen“ gesucht, „das für alle passen soll – und dadurch niemanden mehr wirklich erreicht.“
Aber man müsse sich viel öfter fragen: Was ist denn der Impuls der Zuseher, „dass du noch linear fernschaust?“ Bei den Menschen entstehe Erfolg, sagt Brée, „wenn eine Geschichte überrascht, verstört, berührt, wütend macht oder tröstet.“ Und wenn das Gebotene die Themen abbilde, „die explizit unsere Gesellschaft betreffen.“
Aber ist das nicht ein Problem im Hauptabend? Suchen die Menschen dort nicht eher Bestätigung ihrer Lebensumstände und inhaltliche Sicherheit? Brée differenziert: Man müsse sich fragen, wem man eigentlich etwas erzählen will, sagt er mit Blick nicht zuletzt auf die deutschen Sender. „Man will die Jungen – und produziert nach den Sehgewohnheiten der 90er. Man will Relevanz – und hat Angst vor jeder Zuspitzung. Man will Innovation – und wünscht sich gleichzeitig den Mainstream von ,früher’“, so Brée. Aber waren die Sender früher nicht auch im Mainstream mutiger – Stichwort „Piefke-Saga“, „Kottan“, und, ja, auch „Vorstadtweiber“? Brée ist skeptisch: „Vieles davon ist ihnen passiert. ,Ein echter Wiener’ ist ihnen passiert!“
Bezahlbar?
Mut im Fernsehen beginnt, das scheint klar, mit dem Drehbuch. Hat man hier nicht auch Nachholbedarf? Brée widerspricht, aber sagt: „Man sollte mittlerweile BWL studiert haben, wenn man ein Drehbuch schreibt. Ich muss nicht nur schauen, dass ich meine Geschichte inhaltlich spannend erzähle. Ich muss auch schauen, ist es bezahlbar? Wie viele Motive kann ich reinschreiben, wie viele Autofahrten, wie viele Nachtdrehs? Ich hab teilweise Buchsitzungen, bei denen es überhaupt nicht mehr um Inhalte geht. Da geht’s nur darum, wie können wir das Ding bezahlen?“ Hemmt das die Kreativität? „Nein“, sagt Brée, „ich finde das eigentlich spannend. Wenn ich kostengünstig schreibe, kommt das dem Produkt zu Gute.“ Inhaltlicher Mut sei auch etwas anderes, als teuer zu produzieren, betont Brée.
Er plädiert für österreichische Inhalte und Humor: Die „Vorstadtweiber“ waren auch im Streaming, wo die heiß umkämpften jungen Zuseher sind, in Deutschland und in Österreich in den Top 10, betont Brée. „Junge wollen kein ,junges’ Fernsehen. Sie wollen gutes Fernsehen.“
Solange aber „die Frage nach der Zukunft des Fernsehens ohne eine ehrliche Diskussion über Inhalte geführt wird, bleibt sie eine Marketing-Übung.“
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