© Johannes Stoll/Belvedere Wien

Kultur
07/09/2021

Lois Weinberger: Der Nichtgestalter als Lichtgestalt

Der Künstler arbeitete bis zu seinem Tod an der Ausstellung im Belvedere 21 mit. Sie verdichtet seine Ideen, natürliche Prozesse ins Kunstschaffen einzubeziehen

Klaus Albrecht Schröder hatte recht, als er 2020 bei einer Eröffnungsrede meinte, dass die Leistungen österreichischer Kunstschaffender oft durch eine falsche Vertrautheit geschmälert werden: Franz Ringel oder Franz West, „dem Attersee“ oder „dem Nitsch“ sind viele Menschen auf Vernissagen oder im Wirtshaus begegnet – und doch wäre es ein Irrtum, daraus ein besonderes Verständnis ihres Werks abzuleiten.

Obwohl Ihr Autor dem 2020 verstorbenen Künstler Lois Weinberger nie persönlich begegnet ist, erschien auch dieser stets als nahbar: Weinberger, das war doch der mit dem Unkraut! Der Tiroler, der wilde Pflanzen züchtete und über aufgelassene Bahngleise oder auf abgezirkelten Wegen wuchern ließ.

Postmodern modernd

Er war der Landschaftsgärtner, der mit seiner Frau Franziska Hochhäuser für Vögel baute und bei der Venedig-Biennale 2008 einen Container aufstellte, in dem ein Ballen Laub langsam vermoderte. Das Werk, „Laubreise“ genannt, erfuhr später weitere Variationen – eine steht am „Erste Campus“, unweit des Belvedere 21, wo nun eine Einzelausstellung zu Weinberger zu sehen ist. Es ist die letzte, an der der Künstler noch selbst mitarbeitete.

Ein musealer Kontext ist für ein Werk, das der Idee nach wuchert und lebt, nie ganz ideal – dennoch ist er notwendig, um Weinberger ein Stück weit aus der heimelig-schrulligen Ecke zu holen, in der gelernte Österreicher ihre Kunstgrößen gern platzieren.

Das internationale Publikum – bei zwei documenta-Teilnahmen, bei Biennalen von São Paulo bis Liverpool – hatte es wohl leichter, Weinbergers Werk als Ausdruck eines Denkens zu sehen, das die künstlerische Autorschaft bei der Formgebung radikal infrage stellte.

Indem der Künstler Pflanzen wachsen oder Heu modern ließ, gab er Kontrolle über den Schaffensprozess ab. Weinbergers Tun war dabei theoretisch fundiert – wichtig war etwa der von Gilles Deleuze und Félix Guattari von der Botanik in die Philosophie übertragene Begriff des „Rhizoms“, der den (Denk-)Hierarchien von Wurzel, Stamm und Krone ein weites Netz mit gleichberechtigten Knoten entgegenstellte.

Das Belvedere 21 versucht Weinbergers Kunst nun mit Objekten, Modellen, Bildern einzufangen. Zwei Ausstellungsboxen sind mit Fotos tapeziert: Auf einem durchwandert der Künstler mit Gießkanne eine Gstätt’n vor dem Brandenburger Tor in Berlin – 1994, kurz bevor der Bauboom die Lücke zwischen Ost und West schloss.

Als „Grüner Mann“ inszenierte sich Lois Weinberger selbst, auch in Zeichnungen und Aquarellen verarbeitete er das archaische Motiv. Die Figur, die schon mittelalterliche Architektur ziert, ist ein Zwischenwesen, die Trennung von Natur und Mensch ist an ihm nicht vollzogen.

Zum „Schamanen“ Joseph Beuys, dem die vorangegangene Schau im Belvedere 21 gewidmet war, hatte Weinberger ein gespanntes Verhältnis, wie seine Witwe Franziska erklärt. Beuys’ Aktion, in Kassel 7.000 Eichen zu pflanzen, war ihm zu „hierarchisch“, sagt sie – der Anbau von „Spontanpflanzen“ auf Bahngleisen bei der documenta 1997 war da eine Art Gegenstatement. Dabei gelang Weinberger auch ein starkes Sinnbild für Migrationsbewegungen.

Die Auseinandersetzung mit Weinbergers Denken ist enorm inspirierend. Die Frage, wie sehr sie gerahmte Bilder oder in Vitrinen gefasste Objekte braucht, findet aber, genauso wie bei Beuys, keine klare Antwort. Erscheint manches Materielle bloß als Relikt, so hat anderes enorme Kraft – allen voran Werk „Debris Field“, für das Weinberger den Dachboden seines Tiroler Elternhauses ausräumte und die Fundstücke – darunter Schuhe oder teils mehr als 300 Jahre alte Schriftstücke – ausbreitete. Hier zeigt sich, wie auch die Zeit ein Gestalter ist, meist mächtiger als ein noch so großer Künstler.

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