Portugiesischer Autor António Lobo Antunes 83-jährig gestorben
António Lobo Antunes war einer der ewigen Kandidaten auf den Literatur-Nobelpreis. Dass er ihn nie erhielt, mag auch daran liegen, dass der oft mürrisch auftretende Portugiese für Öffentlichkeitsarbeit wenig übrig hatte. „Ich scheiß' auf den Nobelpreis“, sagte Lobo Antunes einmal der spanischen Zeitung El Mundo. „Auszeichnungen machen Bücher nicht besser.“
Seine Bücher aber begeisterten mit unkonventioneller, energievoller und dichter Sprache, an Atmosphäre und Metaphern reich, seine Fans und Leser weltweit. Nun ist der Autor 83-jährig gestorben.
Der Vielschreiber hat an die 40 Bücher veröffentlicht. Eine erstaunliche Produktivität. Zumal Lobo Antunes weder Computer noch Schreibmaschine besaß und seine langen und poesievollen Werke mit Kuli und Stift oft auch auf kleine DIN-A-5-Zettel kritzelte. „Schreiben ohne Kondom“, nannte er das einmal. . Das Internationale Literaturfestival Berlin bescheinigte dem Autor „einen unverwechselbaren Stil“.
Lobo Antunes war kein Topseller, seine Werke gibt es aber in etwa 60 Sprachen. Der Dienst Anfang der 1970er als Arzt beim Kolonialkrieg in Angola spielt in seinen Büchern oft eine zentrale Rolle. Das Regime hatte den jungen Mann aus reichem Haus zwangsverpflichtet. „Das war schrecklich, bei einem Krieg gibt es nur Verlierer. Es war eine radikale Erfahrung, die mein Leben verändert hat.“
27 lange Monate dauerte der Einsatz. Danach arbeitete Lobo Antunes 1973 in Lissabon lange Zeit als Psychiater in einem Krankenhaus und schrieb nur in der knappen Freizeit. Bis dem Sohn eines angesehenen Arztes 1979 mit seinem zweiten Roman „Os cus de Judas“ (1987 unter dem deutschen Titel „Der Judaskuß“ erschienen) der internationale Durchbruch gelang. Im stark autobiografischen Text in Monologform offenbart ein Kriegsveteran seine Schmerzen und Bitterkeiten.
Lobo Antunes hatte kein leichtes Leben. Als Dreijähriger fesselte ihn eine Tuberkulose für ein Jahr ans Bett, 2007 überlebte er ein Krebsleiden, danach zwei weitere. Angst, Tod, Krankheit und Gewalt, aber auch die kleinen Dinge des Lebens sowie ein düsterer, melancholischer Gegenwartsblick spielen in den Werken des Vaters dreier Töchter immer die Hauptrollen.
„Mein Vater war Brasilianer, seine Mutter Deutsche, in meiner Familie gibt es Portugiesen, Italiener. Eines habe ich schon früh gelernt: Es gibt blonde, schwarz- und braunhaarige Menschen, aber ihre grundlegenden Probleme sind immer dieselben“, so der Literat. Es gibt aber Probleme, die positive Seiten haben: „Meine zunehmende Taubheit war ein literarischer Segen, weil ich die inneren Stimmen besser höre und meine Arbeit dadurch besser wurde“, versicherte er.
Als Vorbilder nennt er unter anderem Sartre, Hemingway, Malraux, Camus, Faulkner und Tolstoi. Den 2015 gestorbenen Günter Grass bewundert er „als Schriftsteller, aber auch als Menschen“. Und wie sah er sich selbst? „Das, was ich schreibe, kann man nicht Romane nennen. Ich erzähle keine Geschichten, will kein Entertainer sein, will nicht lustig oder interessant rüberkommen“, schrieb er in einer Chronik. Ihn interessiere nur der Versuch, „das ganze Leben zwischen die zwei Deckel eines Buches zu stecken“, sagte er einmal.
Kritiker feiern das Lissabonner Original als einzigartiges literarisches Genie. Er sei ein „Meister der portugiesischen Sprache“, hieß es etwa 2007, als er im brasilianischen Rio de Janeiro mit dem bedeutendsten Literaturpreis der portugiesisch-sprachigen Welt, dem Prémio Camões, ausgezeichnet wurde.
Viele kritisieren ihn aber auch als arrogant und stur. Lobo Antunes widersprach nicht: „Ich bin introvertiert, verschlossen. Voller Selbstzweifel. Es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Es ist so, als ob ich ständig im Bürgerkrieg wäre."
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