Portugiesischer Autor António Lobo Antunes 83-jährig gestorben
Schon Mitte der 1980er schrieb António Lobo Antunes über portugiesische Kolonialverbrechen in Afrika. Und schon damals wurde er als Anwärter für den Nobelpreis gehandelt. Er hat ihn nie bekommen. 2019 gab er bekannt, dass er darauf „scheißt“ – schließlich würden Preise Bücher „auch nicht besser machen“, wie er in einem Interview mit der spanischen Zeitung El Mundo feststellte.
Er wurde anderwärtig ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Großen Romanpreis des portugiesischen Schriftstellerverbandes und dem Camoes-Preis, dem wichtigsten Literaturauszeichnung im portugiesischen Sprachraum. Den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur erhielt er im Jahr 2000.
António Lobo Antunes hat an die vierzig Bücher veröffentlicht, darunter „Der Judaskuss“, mit dem er international bekannt wurde. Auch darin geht es um den Angolakrieg: Ein betrunkener Kriegsveteran redet sich die Schrecken des Krieges von der Seele.
Ums reine Geschichtenerzählen ging es Antunes in seinen Büchern weniger als um das „Leben zwischen zwei Buchdeckeln“, wie er sagte. Seine Romane waren nicht immer einfach zu dechiffrieren, manchmal sperrig, zugleich aber von betörender sprachlicher Schönheit. 2024 erschien „Am anderen Ufer des Meeres“, das vor dem Hintergrund der Arbeiterproteste, die 1960 in den Baumwollplantagen in Baixa do Cassanje in Angola begannen und bald darauf vom portugiesischen Militär niedergeschlagen wurden, spielt. Der Aufstand gilt als Auslöser für den bis 1974 dauernden Krieg Portugals gegen die Befreiungsbewegungen der damals „Überseeprovinz“ genannten Kolonie Angola. Antunes, geboren 1942 in Lissabon, wurde 1970 zwangsverpflichtet. 27 Monate lang war er Militärarzt in Angola, später arbeitete er als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus.
Das letzte Buch
Vor wenige Tagen erschien im Verlag Luchterhand Antunes’ letztes Buch „Wörterbuch der Sprache der Blumen“, das Júlio de Melo Fogaça, einem Widerstandskämpfer gegen das Salazar-Regime, ein Denkmal setzt. In dreiundzwanzig Kapiteln erzählen darin dreiundzwanzig Menschen, die Fogaça gekannt haben, von ihrem Leben und von der Rolle, die er darin gespielt hat.
Der Vielschreiber hat an die 40 Bücher veröffentlicht. Eine erstaunliche Produktivität. Zumal Lobo Antunes weder Computer noch Schreibmaschine besaß und seine langen und poesievollen Werke mit Kuli und Stift oft auch auf kleine DIN-A-5-Zettel kritzelte. „Schreiben ohne Kondom“, nannte er das einmal. . Das Internationale Literaturfestival Berlin bescheinigte dem Autor „einen unverwechselbaren Stil“.
Lobo Antunes war kein Topseller, seine Werke gibt es aber in etwa 60 Sprachen.
Lobo Antunes hatte kein leichtes Leben. Als Dreijähriger fesselte ihn eine Tuberkulose für ein Jahr ans Bett, 2007 überlebte er ein Krebsleiden, danach zwei weitere. Angst, Tod, Krankheit und Gewalt, aber auch die kleinen Dinge des Lebens sowie ein düsterer, melancholischer Gegenwartsblick spielen in den Werken des Vaters dreier Töchter immer die Hauptrollen.
„Mein Vater war Brasilianer, seine Mutter Deutsche, in meiner Familie gibt es Portugiesen, Italiener. Eines habe ich schon früh gelernt: Es gibt blonde, schwarz- und braunhaarige Menschen, aber ihre grundlegenden Probleme sind immer dieselben“, so der Literat. Es gibt aber Probleme, die positive Seiten haben: „Meine zunehmende Taubheit war ein literarischer Segen, weil ich die inneren Stimmen besser höre und meine Arbeit dadurch besser wurde“, versicherte er.
Als Vorbilder nennt er unter anderem Sartre, Hemingway, Malraux, Camus, Faulkner und Tolstoi. Den 2015 gestorbenen Günter Grass bewundert er „als Schriftsteller, aber auch als Menschen“. Und wie sah er sich selbst? „Das, was ich schreibe, kann man nicht Romane nennen. Ich erzähle keine Geschichten, will kein Entertainer sein, will nicht lustig oder interessant rüberkommen“, schrieb er in einer Chronik. Ihn interessiere nur der Versuch, „das ganze Leben zwischen die zwei Deckel eines Buches zu stecken“, sagte er einmal.
Kritiker feiern das Lissabonner Original als einzigartiges literarisches Genie. Er sei ein „Meister der portugiesischen Sprache“, hieß es etwa 2007, als er im brasilianischen Rio de Janeiro mit dem bedeutendsten Literaturpreis der portugiesisch-sprachigen Welt, dem Prémio Camões, ausgezeichnet wurde.
Viele kritisieren ihn aber auch als arrogant und stur. Lobo Antunes widersprach nicht: „Ich bin introvertiert, verschlossen. Voller Selbstzweifel. Es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Es ist so, als ob ich ständig im Bürgerkrieg wäre."