Louise Glueck

© epa/Shawn Thew

Kultur
10/08/2020

"Brauche einen Kaffee": Literatur-Nobelpreis 2020 an Louise Glück

Auf den Österreicher Peter Handke folgt eine US-amerikanische Poetin. Sie beschäftigt sich u.a. mit schmerzhaften Beziehungen in der Familie. Zwei Bände erschienen auf Deutsch.

von Georg Leyrer, Peter Temel

Es hätte schon ein kleiner Hinweis auf das sein können, was nun die Literaturwelt überraschte: Louise Glück wurde heuer bereits mit dem "Tomas Tranströmerpriset" der schwedischen Stadt Västeras - benannt nach jenem Lyriker, dem zur allgemeinen Überraschung 2011 der Literaturnobelpreis verliehen worden war. Nun ist ihm die 77-jährige US-Kollegin nachgefolgt: Das Nobelpreiskomitee kürte die gebürtige New Yorkerin zur Literaturnobelpreisträgerin 2020.

Glück (geboren 1943) beschäftigt sich mit den Unwägbarkeiten der menschlichen Existenz. Sie wurde von der Schwedischen Akademie für ihre "unverkennbare poetische Stimme, mit der sie mit strenger Schönheit  die individuelle Existenz universell macht" ausgezeichnet.

"Das ist zu neu"

Die Poetin ist von der Nachricht über die Auszeichnung völlig überrumpelt worden. Sie brauche dringend Kaffee und könne noch nicht sagen, was der Nobelpreis für sie bedeute, sagte die Poetin am Donnerstag in einem kurzen Telefonat, das auf dem offiziellen Twitter-Account der Nobelpreise veröffentlicht wurde.   

"Das ist zu neu, wissen Sie, ich weiß nicht, was es wirklich bedeutet." In den USA war es zu dem Zeitpunkt wegen der Zeitverschiebung erst früh am Morgen. "Es ist zu früh hier, es ist kaum 7.00 Uhr", entschuldigte sich Glück.

Praktisch betrachtet müsse sie daran denken, dass sie ein Haus in Vermont kaufen wolle, sagte Glück. Derzeit habe sie eine Eigentumswohnung in Cambridge. "Deshalb habe ich gedacht: Nun, jetzt kann ich ein Haus kaufen." Zugleich habe sie aber auch Sorgen, dass sich ihr Alltag durch den Preis verändern werde. Schon jetzt klingele das Telefon ununterbrochen.

Die Nobelpreise sind diesmal mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 950.000 Euro) pro Kategorie und damit einer Million Kronen mehr als im Vorjahr dotiert.

Glück strebe nach Klarheit, suche das Universelle und Inspiration in klassischen Motiven. Sie spüre dem nach, was von Träumen übrig bleibt, und konfrontiert die Illusionen des Selbst mit der Realität. Ihre literarische Stimme sei ernsthaft, aber auch voller Humor. Für den Band "The Wild Iris" (1993) hat Glück den Pulitzer Preis bekommen. Darin beschreibt sie u.a. das Wiedererwachen nach dem Winter, eine Rückkehr zum Leben. In "October" (2004) setzt sie sich mit den Anschlägen vom 11. September und deren Auswirkungen auf die Psyche auseinander.

Glück ist eine New Yorkerin, die am 22. April 1943 im Big Apple als Enkelin ungarischer Juden geboren wurde, die einst in die USA emigriert waren. Glücks Vater Daniel war das erste Familienmitglied, das in den USA das Licht der Welt erblickte. Seine Tochter wuchs auf Long Island auf. Auch zum Studium zog es die angehendes Lyrikerin dann nicht weit weg von New York, absolvierte sie ihre Ausbildung doch im Sarah Lawrence College im Bundesstaat New York und an der Columbia University in Manhattan - allerdings ohne Abschluss.

Mehrjährige Schreibblockade

Der Anfang der eigenen künstlerischen Laufbahn war dann auch gleich das Ende - für längere Zeit. 1968 veröffentlichte Glück mit "Firstborn" ihren ersten Gedichtband, in dem sie ihre wütenden und unzufriedenen Protagonisten meist aus der ersten Person heraus sprechen lässt. Diesem Erstling folgte jedoch sogleich eine mehrjährige Schreibblockade. Ihr Wechsel in die Lehre am Goddard College von Vermont 1971 half der Autorin aber, dann auch wieder zu ihrer eigenen Sprache zurückzufinden. Zugleich war der Schritt ein erster in Richtung einer langen Karriere als Dozentin, hatte Glück doch von 1984 an für 20 Jahre eine Professur am Williams College inne und war von 1999 an für vier Jahre Kanzlerin der Academy of American Poets. Seither ist Glück Professorin an der Yale University und lebt in Cambridge (Massachusetts).

Ihren Nobelpreis wird sie nicht wie üblich in Stockholm erhalten, sondern aus den USA bei einer virtuellen Verleihung zugeschaltet werden. 2015 erhielt sie auß den Händen von US-Präsident Barack Obama die National Humanities Medal der USA.

Die Arbeit als Lehrende hielt Glück jedoch nicht von ihrem poetischen Weg ab. 1975 folgte mit "The House on Marshland" ihr zweiter Gedichtband, in dem sie teils historische Figuren als Ausgangspunkt nahm und mit dem sie ihren echten Durchbruch zur eigenen Sprache feierte. In "The Triumph of Achilles" (1985) zerlegt sie in den Folgejahren die Archetypen im griechischen Mythos, der Bibel oder dem Märchen, in "A Village Life" (2009) subsumiert sie die Lebenswelten in einem mediterranen Dorf.
 

Vor dem Nobelpreis konnte sich Glück bereits 2014 über den renommierten National Book Award in ihrer Trophäensammlung freuen, den sie für "Faithful and Virtuous Night" erhielt, eine höchst persönliche Reflexion und Fortentwicklung ihres eigenen Stiles und eine vermeintlich leichtfüßige Beschäftigung mit dem Tod. Insgesamt hat Glück bisher zwölf Gedichtsammlungen sowie einige Essaybände veröffentlicht.

Streben nach Klarheit und Minimalismus

Charakteristisch für Glücks Stil war dabei lange Zeit ein unbeirrtes Streben nach Klarheit und Minimalismus - eine Maxime, die sich zuletzt etwas aufweichte. In "Ararat" (1990) gelang ihr nach eigenen Angaben erstmals, Alltagssprache in ihr Werk zu integrieren. "Niemand kann härter als sie darin sein, die Illusionen des eigenen Selbst aufzudecken", würdigte das Nobelpreiskomitee die frischgekürte Preisträgerin. So sind Kindheit und Familienleben thematische Dominanten im Oeuvre der zweifach geschiedenen Mutter eines Sohnes. Man dürfe Glück aber nicht mit einer rein autobiografisch agierenden Autorin verwechseln: "Glück sucht das Universelle, und dabei bekommt sie Inspiration aus dem Mythos, den klassischen Motiven."

Übersetzungen vergriffen

In deutscher Übersetzung sind allerdings nur wenige Werke von ihr bis dato erschienen - ein Umstand, der sich nach der Kür von Stockholm nun aber ändern dürfte. Ulrike Draesner hatte die Arbeiten "Averno" (2007) über den Persephone-Mythos und "Wilde Iris" (2008) ins Deutsche übertragen, beide erschienen im Münchener Luchterhand Literaturverlag. Für "Wilde Iris" hatte Glück bereits 1993 den Pulitzer-Preis für Dichtung erhalten.

Laut dem Luchterhand Literaturverlag sind die beiden Bücher derzeit vergriffen. "Wir sind gerade dabei, die ausgelaufenen Rechte an den beiden Büchern wieder zu bekommen", sagte Sprecher Karsten Rösel am Donnerstag zum KURIERDie Wahl Glücks habe den Verlag "überrascht", man habe eher mit Maryse Condé gerechnet, ebenfalls eine Autorin des Verlags, die bei den Buchmachern im Vorfeld vorn lag.

Detail am Rande: Die österreichische Lyrikerin Friederike Mayröcker lag bei den vorab veröffentlichten Wettquoten fast gleichauf mit der späteren Gewinnerin Glück.

"Essenz des menschlichen Seins"

Zu den 56 Gedichten in "Wilde Iris" heißt es laut der Angaben auf der Website der Übersetzeri Ulrike Draesner, diese "besingen den unüberwindlichen Gegensatz zwischen dem ewigen Kreislauf der Natur und dem individuellen menschlichen Leben, die Diskrepanz zwischen dem Garten Eden und der Conditio humana." Louise Glück interessiere dabei nicht der Sündenfall. "Mit ihrer klaren, scheinbar schlichten Sprache versetzt sie sich mal in eine Pflanze, mal in einen Gärtner, mal in Gott – und erkundet so die Essenz des menschlichen Seins."

Zum Band "Averno" heißt es, der Titel sei der Name eines vulkanischen Kratersees in der Nähe von Neapel. "Für die alten Römer war hier der Eingang zur Unterwelt." Die Mythologie, die Natur, der Mensch zwischen Liebe, Leben und Tod – das seien die Themen der mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Dichterin Glück.

Werke auf Deutsch

  • Averno : Gedichte / übersetzt von Ulrike Draesner. – München : Luchterhand, 2007. – Originaltitel: Averno
  • Wilde Iris : Gedichte / übersetzt von Ulrike Draesner. – München : Luchterhand, 2008. – Originaltitel: The Wild Iris

Die Siegerin von heute folgt auf den Österreicher Peter Handke, dessen Auszeichnung im Vorjahr auch viel Kritik nach sich gezogen hatte. Die Quoten standen zuletzt für Autorinnen besonders gut.

Die Preisträger der vergangenen Jahre

2020: Louise Glück (USA)

2019: Peter Handke (Österreich)

2018: Olga Tokarczuk (Polen; der Preis wurde 2019 nachgeholt)

2017: Kazuo Ishiguro (Großbritannien, in Japan geboren)

2016: Bob Dylan (USA),

2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)

2014: Patrick Modiano (Frankreich)

2013: Alice Munro (Kanada)

2012: Mo Yan (China)

2011: Tomas Tranströmer (Schweden)

2010: Mario Vargas Llosa (Peru)

2009: Herta Müller (Deutschland)

2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich)

2007: Doris Lessing (Großbritannien)

2006: Orhan Pamuk (Türkei)

2005: Harold Pinter (Großbritannien)

2004: Elfriede Jelinek (Österreich)

2003: John M. Coetzee (Südafrika)

2002: Imre Kertész (Ungarn)

2001: V.S. Naipaul (Großbritannien)

2000: Gao Xingjian (Frankreich)

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