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Interview
11/20/2019

Rammstein-Sänger Lindemann: Böse Fantasien zu "Hänsel & Gretel"

Till Lindemann und Peter Tägtgren vom Duo Lindemann sprechen im KURIER-Interview über lyrische Geheimnisse und Schmarotzer.

von Brigitte Schokarth

Schlicht Lindemann hat Rammstein-Sänger Till Lindemann sein 2015 mit dem schwedischen Metal-Produzenten Peter Tägtgren gegründetes Duo genannt. Nach dem Debüt-Album "Skills in Pills" erscheint am Freitag "F & M". Der Album-Titel steht für "Frau und Mann". Musikalisch sind die Zwei damit breiter geworden. Textautor Till Lindemann singt jetzt auch mit seinem Zweitprojekt auf Deutsch.

KURIER: Beim Debüt haben Sie alle Texte auf Englisch verfasst, weil das für Sie ein neuer Zugang war. Warum sind Sie für "F & M" zu Deutsch übergegangen?

Till Lindemann: Ich war einfach ziemlich erschöpft davon, auf Deutsch zu schreiben. Es fiel mir zu diesem Zeitpunkt leichter, ins Englische zu wechseln. Es hätte damals zu sehr nach Rammstein geklungen, was wir vermeiden wollten. Bei diesem Album war es anders: Wir wurden 2018 von den Regisseuren der Inszenierung von "Hänsel & Gretel" am Thalia-Theater in Hamburg gefragt, ob wir ein paar Songs dafür schreiben könnten. Die mussten natürlich auf Deutsch sein.

Und nach Rammstein klingt es jetzt nicht mehr so sehr, weil Sie musikalisch viel breiter geworden sind . . .

Peter Tägtgren: Wir haben Lagerfeuer-Gitarren, einen Tango und natürlich die üblichen Industrial-Riffs. Till wollte einen Rap-Song, also haben wir den Song "Mathematik" mit dem Rapper Haftbefehl aufgenommen. Wir haben im Moment das Gefühl, alles machen zu können. Wenn wir etwas mögen, nehmen wir das auf das Album, egal ob Pop, Country oder Disco.

Geht es wegen "Hänsel & Gretel" bei "F & M" viel um Kinder?

Till Lindemann: Viele Lieder basieren auf Wünschen der Regisseure. Die Grenzen zwischen diesen Kindern und Eltern sind das große Thema des Stücks, weil die Kinder in den Wald geschickt werden. Also haben die Regisseure nach Songs gefragt, die die Story des Märchens verfolgen, wo Hänsel und Gretel in den Wald gehen, es dunkel wird und sie sich zu fürchten beginnen, weil Gevatter Schlaf als großer Schatten aus den Bäumen kommt. Auch der Song "Allesfresser" kommt von da. Es gab eine Szene, in der sie – weil Hänsel von der Hexe fettgefüttert wird – eine Fressorgie inszenierten. Damit haben sie extrem übertrieben, um die Aussage rüberzubringen. Es sollte ein Synonym für die heutige Gesellschaft sein.

Kommen Sie zusammen, um die Songs zu schreiben, oder schicken Sie Files zwischen Berlin und Stockholm hin und her?

Peter Tägtgren: Wir machen beides. Ich schicke Till Files mit Ideen, und er schreibt die Texte dazu. Dann treffen wir uns in meinem Studio und nehmen die Lieder auf.

Till Lindemann: Peters Studio ist fünf Minuten von einem See entfernt. Ich fliege ein paar Tage hin, gehe angeln, wandern oder bin mit dem Mountain-Bike unterwegs. Dazwischen nehmen wir einen neuen Song auf. Es ist sehr cool, so zu arbeiten.

"Steh auf" war die erste Single. Basiert dieser Song auch auf "Hänsel & Gretel"?

Till Lindemann: Ich glaube, es war die Tochter von Bob Geldofs Frau, ich weiß es nicht mehr genau, ich müsste die wahre Story noch einmal recherchieren. Jedenfalls starb ihre Mutter an einer Überdosis, und die kleine Tochter wartete etliche Stunden neben dem Leichnam, bevor man sie gefunden hat. In dem Song bettelt das Kind: "Steh auf." Für mich war das eine starke Hookline. Und jetzt haben alle all diese Fantasien davon, was das bedeuten könnte.

Peter Tägtgren: Das war beim ersten Album auch so. Bei Interviews haben alle gesagt, der Song handelt davon und davon. Dann haben wir gesagt, eigentlich nicht, aber das ist eine gute Idee.

Was war der am meisten missverstandene Song des ersten Albums?

Peter Tägtgren: Wahrscheinlich "Praise Abort" ("Preise die Abtreibung"). Das ist nämlich eine wahre Story von einem Freund von Till, der tausende Kinder und nie Geld hat, weil er alles seiner Frau geben muss, die das braucht, um die Kinder zu versorgen.

Till Lindemann: Seinen Frauen! Er hat sieben Kinder von vier Frauen, arbeitet wie verrückt, ist ein Schauspieler – und hat trotzdem nie Geld. Ich hatte schon so viele Diskussionen mit ihm, weil er ein Schmarotzer ist. Wenn wir zusammen in Restaurants gehen, sage ich immer, jetzt bist du aber mal mit dem Bezahlen dran. Dann sagt er, aber ich habe kein Geld, es tut mir leid, das nächste Mal gehe ich einfach nicht mehr mit. Dann sagen wir, nein, wir mögen dich ja, aber wir verstehen das nicht, du musst doch so viel verdienen? Aber er sagt, das geht alles für die Kinder und die Alimente drauf.

In den Texten des Debüts ging es um die abartigen Seiten der Liebe. Woher kommt der Hang, sich in Songs in bizarre und psychisch gestörte Charaktere zu versetzen?

Till Lindemann: Es ist einfach interessanter. Und Vieles davon ist auch die Fantasie der Leute. Deshalb spreche ich auch gar nicht so gerne über den Ursprung meiner Songs. Wenn ich alle meine Geheimnisse ausplaudere, sagen alle, ach so, nur darum geht es. Das Hirn springt nicht an, und die Fantasie wird nicht mehr angeregt. Oft gehe ich einfach von einer Hookline aus, die mir gefällt. Zum Beispiel, wenn jemand auf der Straße schreit: "Komm her!" Dann denke ich, das wäre ein Song für mich. Die Aufgabe ist dann, eine Story dazu zu finden: Warum muss der oder die herkommen? Dafür könnte es so viele Gründe geben.

Ist es Ihr Ziel, die bösen Fantasien der Leute anzuregen?

Till Lindemann: Es ist interessant, die Reaktionen und Interpretationen zu hören. Aber würde ich anfangen, mich damit zu beschäftigen, was die Leute darüber denken, was ich denke, dann wäre ich verloren. Wenn ich Gedichte schreibe, ist das etwas anders. Dann sehe ich zum Beispiel eine Taube, denke, aha, die geht zum Nachbarn. Dann kommt ein Auto und sie ist tot. Darüber könnte ich ein Gedicht schreiben. Bei Songs muss ich wirklich in die Musik reinkriechen. Wenn Peter mir seine Ideen schickt, spiele ich es vier oder fünf Mal sehr laut ab. Und im besten Fall entsteht irgendetwas. So wie das "Steh auf" bei diesem Refrain kam. Dann schreibe ich die Story drumherum.

Sie sind in der DDR aufgewachsen und haben den Gemeinschaftsgeist gelobt, der dort geherrscht hat, der aber verloren gegangen ist. Was müsste denn passieren, dass der wieder entstehen kann?

Till Lindemann: Oh, dazu ist es viel zu spät. Da ist so viel schiefgegangen, da müsste sich so viel ändern. Ich könnte eine Stunde lang darüber reden, was sich alles ändern müsste. Aber das wäre sinnlos, weil es wirklich zu spät ist.

INFO:

Lindemann treten am 8. Februar 2020 im Wiener Gasometer auf.

Mit Rammstein kommt Till Lindemann am 25. 5. 2020 ins Wörtherseestadion in Klagenfurt