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Kultur
08/23/2019

Rammstein in Wien: Brandheiße Show zu maschinellem Heavy-Sound

DieBrachial-Rocker zogen wie gewohnt alle Register der Pyrokunst, konnten musikalisch aber nicht restlos überzeugen.

von Brigitte Schokarth

Es ist so heiß, dass der Schweiß blitzartig aus den Poren tritt. Und das überall im Ernst-Happel-Stadion. Denn Rammstein stehen auf der Bühne, sind bei der ersten von zwei ausverkauften Shows bei „Du hast“ angekommen. Dabei schießen immer wieder monströse Stichflammen nicht nur vor und hinter der Bühne zehn Meter hoch in die Luft, sondern auch von vier im Zuschauerraum verteilten Türmen über die Köpfe des Publikums.

Klar, das ist, was man als erstes von einer Rammstein-Show erwartet: Eine Leistungsschau der Pyrotechnik. Die bekamen die 50.000 Fans in Wien auch prompt geliefert.

 

Es gab Explosionen gleich nach dem Intro mit der „Feuerwerksmusik“ von Georg Friedrich Händel. Danach glitzernde Funken-Vorhänge, Flammenwerfer auf den Armen der beiden Gitarristen Richard Kruspe und Paul Landers, eine Flammen-Kanone, mit der Sänger Till Lindemann bei dem Kannibalen-Song „Mein Teil“ Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz in einem Hexenkessel grillte. Einen überdimensionalen Kinderwagen steckte der Frontmann bei „Puppe“ aus dem im Frühjahr erschienenen Album „Rammstein“ in Brand.

Es gab aber auch einige spannende Effekte, die ganz ohne Feuer und Flammen auskamen. Etwa in der Hälfte der Show bestieg Kruspe einen Aufzug, der an einem das Stadiondach überragenden Turm am hinteren Bühnenrand angebracht war, ließ sich damit bis ganz hinaufheben, während er vom dortigen DJ-Pult aus eine Remix-Version von „Deutschland“ steuerte.

Natürlich gab es diesen Song gleich danach auch noch in der gewohnten Heavy-Version mit dröhnenden Gitarren. Schließlich war das die erste Single aus „Rammstein“, dem ersten Album der Band seit zehn Jahren.

„Damit wollen wir zeigen, dass wir auch musikalisch in der ersten Reihe stehen“, hatte Richard Kruspe, Gründer von Rammstein im KURIER-Interview erzählt. Denn das sei in den letzten Jahren wegen der Zündler-Exzesse in der öffentlichen Wahrnehmung der Band in den Hintergrund getreten.

Live allerdings erwiesen sich die neuen Songs, von denen es acht auf die Setlist geschafft hatten, nicht durchwegs als Bereicherung. Denn Rammstein sind dabei zwar in den Arrangements einen Schritt weiter gegangen, haben ein paar neue Elemente in den brachial dahinstampfenden Rock eingebracht. In den harmonischen Strukturen treten sie damit aber auf der Stelle und weiter das breit, was man von ihnen schon seit jeher kennt. Im Ernst-Happel-Stadionwaren vom neuen Album deshalb nur „Zeig dich“ und die Ballade „Diamant“, die halb akustisch dargeboten wurde, Highlights.

Die paar Längen, die der erste Teil hatte, lagen aber auch daran, dass das Sextett nicht so inspiriert und ambitioniert wirkte, wie man es in Wien zum Beispiel 2016 beim „Rock In Vienna“ auf der Donauinsel gehört hat. 

Und auch jetzt, wo es ins Finale geht, klingen die Berliner wie eine höchst professionelle Maschine, die mechanisch ihr Ding abspult, nicht aber wie Musiker, die jeden Ton, den sie produzieren, lieben. Sänger Till Lindemann ist gut bei Stimme, drischt sich halb gebückt auf den Oberschenkel, wenn die Gitarren brutal loshacken, und dirigiert die Massen, wenn es bei den Hits Passagen zum Mitsingen gibt.

Dann kommt der absolute Höhepunkt: Auf einer Satellitenbühne inmitten des Publikums singen die Sechs ihren Klassiker „Engel“ - in einer sakralen Chor-Version, begleitet von den beiden Pianistinnen des Duos Jatekok, das das Vorprogramm bestritten hatte.

Danach wird nochmal ordentlich gezündelt. Und natürlich darf bei „Pussy“ nicht der schon traditionelle Ritt von Till Lindemann auf der „Penis“-Kanone fehlen, aus der weißes Konfetti spritzt. 

„Let’s do it“, sagt er, bevor er aufsteigt, deutet damit an, dass er die Show auch ein bisschen selbstironisch sieht. Auch zuvor schon, als Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz in einer clownesken Einlage Lindemann von der Bühne stieß, nachdem der ihn im Kochtopf gegrillt hatte, blitzte etwas Humor auf, kamen ein paar Funken Menschlichkeit in das strenge Konzept von düsterer Härte und höllischer Abgründigkeit.

Doch auch das konnte den Eindruck nicht verwischen, dass Rammstein dieses Wien-Konzert routiniert und perfekt, aber nicht engagiert gespielt haben. So standen sie am Ende doch wieder eher mit der Show, als mit der musikalischen Leistung in der ersten Reihe.