© Fiona Tan/Frith Street Gallery

Ausstellung
02/25/2021

Künstlerin Fiona Tan und ihr Streben nach dem Überblick

Kunsthalle Krems und Museum der Moderne Salzburg zeigen das Werk der in Amsterdam lebenden Künstlerin

„Immer wieder werde ich daran erinnert, dass alle meine Versuche einer systematischen Ordnung beliebig und schlicht zum Scheitern verurteilt sein müssen.“

Diese Einschätzung empfängt Besucherinnen und Besucher am Beginn der langen Raumflucht in der Kunsthalle Krems. Zu sehen ist dort jene Arbeit, mit der die Künstlerin Fiona Tan 2002 auf der documenta in Kassel von sich reden machte: Für „Countenance“ mussten verschiedene Menschen – im Bild vorgestellt als „Bankkauffrau“, „Medienfachkraft“ oder „Galerist“– eine Weile vor Tans Kamera stillhalten.

Doch was sagt so ein Bild? Und was sagt eine Filmaufnahme, was eine Fotoaufnahme nicht sagen kann?

Stille, bewegte Bilder

Die Werkschau Tans ist nach lockdownbedingt langen Schließzeiten in Krems nur noch bis 7. 3. zu sehen – ein zweiter Teil im Museum der Moderne Salzburg läuft bis 2. 5. Die Schau regt auf ästhetisch hinreißende Art zum tiefen Nachdenken an: Über die Möglichkeiten, sich ein Bild zu machen. Über die Stärken und Limits von Film, Fotografie und Computergrafik. Und über die Effekte, die das Abbilden auf die Welt hat.

Das Streben nach Ordnung ist ein durchgehender Faden in Tans Videoarbeiten: Die „Countenance“-Serie etwa nimmt Bezug auf die Versuche des Fotografen August Sander in den 1920ern, ein nach Berufsgruppen geordnetes Panorama der Deutschen Gesellschaft zu schaffen (Auszüge des Werks sind derzeit in der Schau „Faces“ in der Albertina zu sehen).

Indem Tan ihre Sujets nicht fotografiert, sondern filmt, zieht sie aber eine neue Ebene ein: Die Bilder fesseln den Blick länger, vertiefen den Eindruck, säen zugleich auch Verunsicherung. Der ästhetische Sog dieser stillen und doch bewegten Bilder führt nicht nur zu Menschen, sondern auch zu Orten und Dingen: In „Inventory“ (2012) fahren Tans Kameras etwa durch die Sammlung von Sir John Soane (1753 – 1837), der sich die Welt mit Skulpturen, Bildern und Architekturfragmenten ins Haus holen wollte, aber ebenso an einer allumfassenden Ordnung scheiterte.

Sammeln und ordnen

Im Video „Archive“ von 2019 gibt es dann kein reales Motiv mehr: Die Fahrten durch endlose Gänge von Zettelkästen sind am Computer generiert. Als Anknüpfungspunkt diente das „Mundaneum“, in dem der belgische Wissenschafter Paul Otlet (1868 – 1944) das Weltwissen zugänglich machen wollte.

In der Kunsthalle Krems, die ja direkt an die Justizanstalt Stein angrenzt, kommt auf pointierte Weise zum Ausdruck, dass der Weg zwischen „Sammeln und Ordnen“ und „Überwachen und Strafen“ bei Tan nie besonders weit ist. Deutlich wird das durch die Arbeit „Correction“ (2004), die vom Publikum verlangt, sich in die Mitte eines Kreises aus Videoscreens zu begeben: Von jedem Schirm blickt eine Person – mal Häftling, mal Wachpersonal – nach innen. Die Betrachtenden sind auf einmal Betrachtete.

Gefangen im Bild

„Ich wurde zweimal gefangen – einmal außerhalb der Halle und einmal von der Kamera (...) Mein Bild wird unser Treffpunkt sein“ , heißt es dann in der Arbeit „Pickpockets“, die extra für die Kremser Ausstellung entstand. Tan hinterlegte dazu historische Polizeifotos von Taschendieben und -diebinnen, die auf der Weltausstellung 1889 inhaftiert wurden, mit fiktionalen Geschichten, die die Personen scheinbar über sich selbst erzählen.

Die junge Marie Thiriot – sie ziert auch das Plakat der Schau, die Tonspur wird von Tan selbst gesprochen – wirkt darin wie ein Selbstporträt: Sie ist eine trickreiche Fallenstellerin, die ihr Tun geistreich reflektiert.

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