Frances McDormand spielt mit Laiendarstellern und erhielt dafür einen Oscar als beste Hauptdarstellerin: „Nomadland“

© Disney

Filmstarts
05/27/2021

Kritik zu "Nomadland“: Frances McDormand als Witwe im Wohnwagen

Das hinreißende Roadmovie von Chloé Zhao mit einer grandiosen Frances McDormand als Arbeitsnomadin gewann drei Oscars

von Alexandra Seibel

Es war im September letzten Jahres, als auf dem Filmfestival in Venedig die unaufhaltsame Karriere von „Nomadland“ begann. Souverän gewann Chloé Zhaos tief empfundenes, sensationell schönes Roadmovie den Goldenen Löwen, räumte zahllose weitere Preise ab und triumphierte schließlich bei den Academy Awards mit drei Oscar-Gewinnen.

Vielleicht ist es gerade die sensible Sicht der Außenseiterin, die der in China geborenen und in Amerika lebenden Chloé Zhao den zärtlichen Blick auf die verarmten Ränder der US-Gesellschaft schärfte; sie sehen lässt, was gerne übersehen wird. Denn wie oft trifft man schon ältere und alte Menschen im Kino? Solche, denen die Erfahrung eines schweren Lebens gut lesbar ins Gesicht geschrieben steht – jenseits der schrulligen Oma- und Opa-Rolle?

Frances McDormand zählt zu den herausragenden Schauspielerinnen, die vor dem Älterwerden keine Angst haben, ihr Gesicht ungeschminkt in die Kamera hält und anstandslos im Freien pinkelt. Sie spielt Fren, eine Witwe Anfang 60, die nach dem Tod ihres Mannes finanziell vor dem Ruin steht und ihn ihren alten Lieferwagen übersiedelt. „Ich bin nicht obdachlos, nur hauslos“, erklärt sie einer Schülerin im Supermarkt.

Arbeiten bei Amazon

Fren beginnt im vereisten Nevada und durchquert South Dakota, Nebraska, Arizona, Kalifornien – also den amerikanischen Westen. Sie übernimmt Putzarbeiten in Campinganlagen, schuftet in Küchen und friert im Auto.

Unterwegs trifft sie auf zahlreiche andere ausgemusterte Pensionistinnen und Pensionisten. Auch sie reisen als Arbeitsnomaden im Camper durch die Bundesstaaten, helfen zu Weihnachten bei Amazon als Paketpacker aus und sitzen ums Lagerfeuer, ehe sie weiter ziehen.

Zhao basierte ihren Film auf den Recherchen der Journalistin Jessica Bruder, die in einem Buch ihre Erfahrungen mit „modernen Nomaden“ auf Arbeitssuche niederschrieb. Einige ihrer Protagonisten und Protagonistinnen spielen sich in „Nomadland“ selbst: Sie heißen Linda May, Swankie oder Bob Wells, sind weißhaarige alte Damen und Herren mit herzzerreißenden Lebensgeschichten und wurden von Zhao nahtlos ins Schauspielensemble eingefügt.

Der amerikanische Westen, seine weiten Landschaften, Wüsten und Gebirgszüge zählen zu den fotogensten Ansichten, die das Kino zu bieten hat. Sie atmen den Geist der US-Pioniere und spielen in „Nomadland“ eine umwerfende Hauptrolle. Man spürt die Faszination, die Chloé Zhao für die atemberaubenden Landschaften empfindet und die sie in klaren, aufgeräumten Bildern zu allen Jahreszeiten – bei starrer Kälte und im goldenen Sommerlicht – hingebungsvoll, aber jenseits falscher Romantik, fotografiert.

Die Menschen in „Nomadland“ sind keine Touristen, für die ein Schnappschuss von einem Kaktus in der Wüste den gelungenen Urlaub dokumentiert. Für Fren und die anderen ist die Schönheit und Freiheit der Natur, aber auch ihre Einsamkeit, alles, was sie haben.

Sollten Sie am Wochenende einen Trip ins Kino planen – das ist Ihr Film!

INFO: USA 2019. 108 Min. Von Chloé Zhao. Mit Frances McDormand, David Strathairn, Linda May

Filmkritik und Interview zu "Miss Mark“: Karls jüngste Tochter

Eleanor Marx, die jüngste Tochter von Karl Marx, erklärt ihrem Neffen, warum es keinen Gott geben darf: „Wenn es stimmt, was die Leute sagen, dann brennt mein Vater jetzt in der Hölle.“

Eleanor trug zwar den  Kinderspitznamen Tussy, doch sie  selbst war alles anderes als das:  Couragiert, wortgewandt und entschlossen, trat sie selbstbewusst in die Fußstapfen ihres berühmten    Vaters. Eleanor Marx  (1855–1898) war politisch sehr aktiv, engagierte sich leidenschaftlich  für Arbeits- und Frauenrecht, trat gegen Kinderarbeit auf und verfasste eloquente   Schriften und hielt öffentliche Reden.

Auf den ersten Blick erscheint Eleanor Marx als die typisch „starke“ und emanzipierte Frau, wie sie im Buche steht. Doch gleichzeitig – man könnte fast sagen: leidet – Eleanor Marx an ihrer romantischen Ader.

„Ich finde Eleanors Lebensschicksal  sehr ironisch“, erzählt die italienische Regisseurin Susanna Nichiarelli im KURIER-Gespräch über die Hauptfigur ihres intimen Bio-Pics: „Auf der einen Seite ist sie sehr intellektuell und rational, gleichzeitig aber emotional höchst zerbrechlich. Und schließlich  endet sie wie die berühmte ,Madame Bovary ’ – als tragische Heroine.“

So souverän Eleanor Marx auch in der Öffentlichkeit auftritt, so verletzlich macht sie sich gegenüber ihrem Liebhaber, Edward Aveling. Aveling, ein charmanter, aber unsteter Lebemann, ist Eleanors große Liebe und  zugleich ständiger Quell ihres Leids.

Punkrock

Nicchiarelli inszeniert die letzten 15 Jahre von Eleanors Leben als schlichtes, aber überaus innig inszeniertes, liebevoll ausgestattetes  Frauenporträt. In kleinen Vignetten inszeniert sie häusliche Zusammenkünfte im familiären Kreis,  öffentliche Auftritte und private Dramen.

Praktisch alle Sätze, die im Film gesprochen werden, stammen aus Originalbriefen, die Eleanor und Karl Marx, aber auch Freunde und Bekannte geschrieben haben: „Das ist das Tolle am 19. Jahrhundert“, meint die Regisseurin: „Wir haben sehr viele Briefe aus dieser Zeit und daher großartiges Material.“

Als Tonspur  knallte Nichiarelli  provokante Punkrock-Songs unter die marxistischen Manifeste ihrer streitbaren Heldin, um deren anarchische Energien zu untermauern: „Es war mir klar, dass es ein Risiko ist, Punkmusik für meinen Film zu verwenden“, so Nichiarelli: „Punk ist manchmal schwierig anzuhören und könnte das Publikum im Kino irritieren. Aber dieses Risiko nehme ich auf mich: Eleanors Geschichte ist ja in gewisserweise auch irritierend, insofern ist die Musik sehr passend.“

Auf keinen Fall wollte  Nichiarelli  Songs aus den 70er und 80er Jahren verwenden und dadurch Gefahr laufen, nostalgische Untertöne zu provozieren.  Sie griff auf die Musik der zeitgenössischen Punkrockband  „Downtown Boys“ und deren wütende Songs  zurück. Doch auch Chopin und Liszt finden Eingang auf der Tonspur: „Es gibt auch sehr romantische Musik in meinem Film. Ich habe noch nie eine Liebesgeschichte im Kino erzählt, insofern war es eine tolle Herausforderung – obwohl es  eine so schreckliche Liebesgeschichte ist.“ 

INFO: I/BEL 2020. 107 Min. Von Susanna Nichiarelli. Mit Romola Garai, Patrick Kennedy, Philip Gröning

 

Filmkritik zu "Woman": Alles, was Frauen sagen wollen

„Film ist sehr einfach: Man braucht nur eine hübsche Frau hübsche Sachen machen zu lassen“ — diese ironische Bemerkung des Regisseurs Max Ophüls (1902—1957) umschrieb treffend das simple Rezept für viele Erfolgsfilme seiner Zeit. Seiner Zeit?

Bis heute sind Frauen im Film oft nur schmückendes Beiwerk. 50 Prozent der Weltbevölkerung sind Frauen. Zu sagen hätten sie viel. Dass sie auch gehört werden – dieses Ziel hat sich diese Doku gesetzt. Obwohl man sieht, dass sich die Frauen auch für diesen Film extra schick gemacht haben. Afrikanerinnen mit bunten Wickeltüchern um den Kopf, Inderinnen im Festtags-Sari. Die einen tragen Nasenringe, andere haben die konservative Perlenkette angelegt.

Es ist ein Film wie ein Fotoalbum. In Groß- oder Nahaufnahmen, statisch oder bewegt, sprechend oder stumm, in natürlicher Umgebung oder im Studio. Sie alle erzählen aus ihrem Frauenleben: Angefangen beim ersten Date, über die erste Menstruation, die Hochzeit, das Leben mit dem Partner, auch dessen Untreue oder Gewalttätigkeit. Alles, worüber sie nicht mehr schweigen wollen.
 „Das Mutigste, das ich je getan habe, war, mich vor ein Publikum zu stellen und zu sagen: Ich bin eine Überlebende von sexueller Gewalt und Menschenhandel“, lautet eine der vielen und vielsagenden Aussagen aus diesem Film. Frauen erzählen darin über Schicksale, die einfach nur zum Weinen sind – und trotzdem auch Mut machen. Sie reden offen über Genitalverstümmelung, Zwangsverheiratung, Vergewaltigung. Aber auch über das Glück, das sie als Frauen empfinden. Wie Liebe, erfüllte Sexualität, Mutterschaft.

Ein wichtiges Thema sind auch die Möglichkeiten und Freiheiten, die eine (Schul-) Bildung vermitteln kann: „Als ich lernte, meinen Namen zu schreiben, habe ich vor Freude getanzt und gelacht“, erzählt eine der Frauen.

Vier Jahre Arbeit haben Yann Arthus-Bertrand und seine Co-Regisseurin Anastasia Mikova in ihr gemeinsames Projekt investiert. In 50 Ländern auf allen Kontinenten stellten sie ihre dunkle Leinwand auf, um die Frauen davor ins rechte Licht zu setzen. 2000 Frauen aus 50 Ländern haben sie in mehr als 30 Sprachen eine Stimme verschafft. Ein Porträt globaler Weiblichkeit, das auch die – für einige vielleicht neue - Erkenntnis bietet: (Auch) Frauen reden gerne über Sex.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: Frankreich 2020.104 Min. Von Yann Arthus-Bertrand und Anastasia Mikova.

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