Impfprogramm für die offene Gesellschaft: MAK zeigt Schlingensief
Es wäre so naheliegend wie verkehrt, bei einer Ausstellung zu Christoph Schlingensief in die Nostalgiefalle zu tappen. Auffallend viele Menschen, die heute im Kulturbetrieb aktiv sind, haben prägende Erinnerungen an den deutschen Tausendsassa, den man gern als „Enfant terrible“ titulierte. Ihr Rezensent zählt sich nicht dazu: Er war gerade auf Auslandssemester, als Schlingensief bei den Wiener Festwochen 2000 einen Container vor der Staatsoper aufstellte und allabendlich einen Asylwerber per Publikumsvoting „abschieben“ ließ.
Was die Dabeigewesenen verklärt oder kopfschüttelnd im Gedächtnis behalten, war wohl die Intensität der Situationen, die der Filmer, Theatermacher und auch bildende Künstler kreierte. Sie lässt sich nicht musealisieren oder wiederherstellen. Die Dokumentation des Gewesenen macht aber ohnehin nur einen Teil der Ausstellung „Christoph Schlingensief – es ist nicht mehr mein Problem!“ aus, die das MAK in Kooperation mit den Wiener Festwochen bis 13. 9. zeigt.
Fremdkörper
Der in zwei atmosphärisch sehr unterschiedliche Teile gespaltenen Schau gelingt es dafür, etwas wie eine „Methode“ zu veranschaulichen, die Schlingensiefs Werk ausmacht und die immer „auf den Moment hin arbeitet“, wie es Festwochen-Intendant Milo Rau formuliert.
Indem der Provokateur „Fremdkörper“ in etablierte Systeme einschleuste – in TV-Shows und Kirchen, Opern und Theater und in die politische Arena – , aktivierte er die Systeme und legte ihre Funktionsweise bloß. Bei manchen wirkte das wie eine Impfung gegen Rassismus und antidemokratische Tendenzen. Bei anderen rief es überschießende Abwehrreaktionen hervor.
Nicht nur Asylwerber begegnen als „Fremdkörper“ in jenem Strang der Schau, der sich zentralen öffentlichen Aktionen Schlingensiefs widmet: In der Frühzeit der Castingshows holte er Menschen mit Beeinträchtigungen in seine Parodieversion „Freakstars 3000“, in seiner „Hamlet“-Inszenierung am Schauspielhaus Zürich integrierte er 2001 aussteigewillige Neonazis und richtete u. a. eine „Nazi Line“ ein, bei der sich Menschen, die die Szene verlassen wollten, meldeten.
Impfgegner
Die Frage „Fühlst du dich benutzt oder ziehst du selbst einen Nutzen daraus?“ wurde den Mitwirkenden schon damals gestellt, wie sich in einem der vielen Videos in der Schau erfahren lässt.
Es lässt sich in der Schau trefflich spekulieren, wie die „Versuchsanordnungen“, als die Schlingensief seine Arbeiten laut Kurator Raphael Gygax bezeichnete, heute funktionieren würden.
Auffallend ist jedenfalls, dass Schlingensiefs Unterstützer und Gegner einander viel direkter in einem öffentlichen Raum begegneten – auf der Straße, aber auch in TV-Runden oder in Zeitungen. Heute kocht Zustimmung und Ablehnung bekanntlich in Blasen hoch, die sich kaum jemals überschneiden – aktuell etwa bei den Reaktionen auf Österreichs Beitrag zur Venedig-Biennale.
Auf jener Großausstellung fand Schlingensief ebenfalls Zugang zur Welt der bildenden Kunst: Nachdem er 1998 eine „Partei der letzten Chance“ gegründet und eine Art Wahlkampf geführt hatte, trat er unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September und der aggressiven Antwort der USA in Venedig 2003 mit seiner „Kirche der Angst“ auf.
Laborsituation
Die damals aufgebaute Holzkapelle ist eines der wenigen greifbaren „Originale“ in der Schau. Allerdings wollte Schlingensief durchaus bewusst den musealen Raum erobern – und sich als Person zurücknehmen, wie Aino Laberenz, langjährige Partnerin und nun Nachlassverwalterin, im Gespräch erläutert.
Der zweite Strang der Schau zeigt exemplarisch dafür drei Filminstallationen – darunter das auf 18 Schirmen laufende Szenen-Tableau „African Twin Towers“ (2005) und eine Montage von Schwarz-Weiß-Filmen, die u. a. Schlingensiefs „Parsifal“-Adaption (2007) entsprangen: Es sind starke Bewegtbilder, die ein Feuerwerk von Referenzen (Beuys, Wagner, Fassbinder ... ) in sich tragen und jenseits von Zeitgeist und Aktivismus bestehen.
2010 starb Schlingensief an Lungenkrebs. „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, sein posthum umgesetzter Beitrag zur Venedig Biennale, legte nochmal zentrale Motive offen: Fremdheit, Angst, Akzeptanz, Abwehr, das Heilige im Banalen und mehr. Nach dieser Ausstellung versteht man viele der Zusammenhänge besser.
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