Ein Bilderskeptiker in der Bilderflut: Foto Arsenal zeigt Daido Moriyama

Eine ansprechende Schau folgt dem wichtigen japanischen Fotografen durch Jahrzehnte.
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Für den innenstadtverwöhnten Wiener ist es noch immer nicht ganz einfach, die Urbanität im Gelände hinter dem Heeresgeschichtlichen Museum zu finden. Das hier angesiedelte Foto-Arsenal, im März des Vorjahres eröffnet, ist aber eine durch und durch großstädtische Institution: Die erstklassigen Schauräume, aber auch Cafeteria, Bibliothek und Shop lassen die doch recht entlegene Location schnell vergessen.

Die aktuelle Ausstellung katapultiert das Publikum zudem in eine dichte, pulsierende Großstadtatmosphäre: Zu sehen ist ein umfassender Werküberblick des japanischen Fotografen Daido Moriyama (*1938), dessen Name abseits von Kennerkreisen hierzulande nicht universell geläufig ist. Sein fotografischer Kosmos allerdings erfasst die Beschleunigung der Bilderwelt seit den 1960er Jahren in einer überwältigenden Art und Weise, dockt an amerikanische Pop-Art eines Andy Warhol ebenso an wie an die japanische Popkultur von Manga und Anime.

Im Kreislauf

Die Besonderheit am Werk Moriyamas, der nach Anfängen als Grafikdesigner eine radikale künstlerische Vision zu verfolgen begann, liegt darin, dass seinen Bildern die Vervielfältigung und Mehrfachverwendung stets eingeschrieben ist. Hier gibt es keinen „entscheidenden Augenblick“, keine minutiösen Bildkompositionen, keine wertvollen Original-Abzüge. Dafür: Bilder, Bilder, Bilder.

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Die zuvor u. a. in São Paulo und Berlin gezeigte Schau trägt diesem Bildverständnis Rechnung: In dem Parcours hängen Bilder nicht im säuberlichen Arrangements, sondern sind zu schwarzweißen Wolken verdichtet. Wie in einem Musikstück kehren gewisse Motive immer wieder: Ein Straßenhund etwa, oder ein Mann mit der Sonnenbrille, der verschwommen und angeschnitten wiedergegeben ist, als hätte ihn die Kamera nur im Vorbeigehen erwischt.

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Auf der Suche

Moriyama erfasste ab den 1960ern Japan auf Selbst- und Sinnsuche. Der Einfluss US-amerikanischer Konsumkultur rieb sich an traditionellen Lebens- und Wertvorstellungen. In manchen Bildern, die Moriyama dafür fand, hallt die Doppelbödigkeit von Faszination und Kritik der zeitgleich entstandenen Pop Art wider – Fotos von Autounfällen oder Regalen voller Suppendosen erscheinen gar als direkte Hommage an Andy Warhol, der mit ebenjenen Motiven bekannt wurde.

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Einen Höhepunkt fand die neue Bildsprache in dem Magazin „Provoke“. 1968/„69 erschienen nur drei Ausgaben dieses Titels – Moriyama war ab Ausgabe 2 dabei. In der Fotografieszene war das Heft enorm einflussreich (die Albertina widmete ihm bereits 2016 eine Schau): Es eröffnete eine Ästhetik, die in einem tiefen Zweifel am Wahrheitsgehalt und der Objektivität des Mediums gründete.

Bei Moriyama gipfelte die Medienkritik 1972 in dem Buch „Farewell Photography“, das die Schau auszugsweise in eine collageartige Wand überlagerter Bilder übersetzt. Hier gibt es keinen Fokus mehr, die schrille Vielstimmigkeit ist teils augenbetäubend. Dennoch sollte das Werk eine Zäsur, aber keinen Endpunkt markieren.

Bilder über Bilder

Im Foto Arsenal tritt man an diesem Punkt von einem Raum mit niedrigem Plafond in einen mit hoher Decke ein – und die Formate wachsen, entlang einer Wand, die mit Detailfotos von Netzstrümpfen tapeziert ist (das erinnert wieder an Andy Warhol, aber auch an den österreichischen Künstler Peter Kogler).

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Fotografie erscheint ab diesem Punkt zunehmend als Ritual und als Werkzeug, um der Welt zu begegnen. Moriyama remixte Kontaktabzüge seiner früheren Arbeiten, probierte digitale Farbkameras („Pretty Woman“, 2017) ; bis heute erscheint regelmäßig ein Magazin, in dem sein Bildervorrat zirkuliert. Es heißt „Record“, was „Aufzeichnung“ bedeutet, aber auch mit „Schallplatte“ übersetzt werden kann. Am Ende des Rundgang laufen die Bilder als Diashow und man ist fast geneigt, die zweite Übersetzung vorzuziehen: Es ist in eine rhythmisch-musikalische Ausstellung, mit Bildern als Soundtrack zum Leben.

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