Rufus Wainwright im Burgtheater: Ein Melancholiker im Schnitzelland

Burg in Concert. Rufus Wainwright, der Prinz des Barock-Pop, war solo im Burgtheater.
59th San Sebastian Jazz Festival

Weg ist der Bombast – abgespeckt das früher oft opulent Überladene. Rufus Wainwright, der „Queer Art-pop provocateur“, reduzierte nach einer Frankreich-Tournee am Ostersonntag „zwischen Frühflug und Wiener Schnitzel“ auf Kurzbesuch im ausverkauften Burgtheater seine Songs solo an Konzertflügel und überschaubar talentiert an der akustischen Gitarre aufs Quintessenzielle.

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Früher exzentrisch

Da ist schon zu Beginn beim sehnsüchtigen „Grey Gardens“ mit charmant überspielten Textlücken offensichtlich: Hier wird Bühnenpräsenz nicht durch Spektakel und plumpe Publikumsanimation definiert. Auch ohne große Arrangements entfaltet der kanadisch-amerikanische Sänger und Songwriter dabei eine unmittelbar emotionale Wirkung. Mit Folkmusik-Hintergrund und einer Karriere von zehn Studioalben, zwei Opern, mehreren Filmsoundtrack-Credits und Kollaborationen mit Elton John bis Miley Cyrus ist der 52-Jährige nach vielen Ausflügen in die Klassikwelt wieder, wie er selbst sagt, als Popsänger „zu seinem Brotberuf zurückgekehrt“. Bei dem stehen Folk, Pop, Country, französisches Chanson, Musical und sogar Oper und Operette nebeneinander.

Sein in der Mittellage warm und dunkel klingender Tenor mit Bariton-Färbung in der Tiefe und leicht brüchig suggeriert zugleich Eleganz und Verletzlichkeit.

Im dramaturgisch aufgebauten Liederreigen – weniger Playlist als biografischer Parcours – handelt die getragene und emotional aufgeladene Ballade „Dinner at Eight“ vom Album „Want One“ (2003) vom angespannten Verhältnis Wainwrights zu seinem Vater.

Das Protestlied „Going to a Town“ (2007) bezieht sich als Ausdruck von tiefer Ernüchterung, Erschöpfung und Herzschmerz auf die US-Politik und Außenpolitik.

Heute künstlerische Reife

Und das autobiografische „Cigarettes and Chocolate Milk“ aus dem Album „Poses“ (2001) verbindet in leicht ironischem Kontrast nostalgische Melodien mit melancholischen Texten über Versuchungen, Laster und Selbstreflexion, klingt allerdings, weil langsamer und klarer phrasiert, heute weniger verspielt und deutlich reflektierter als seinerzeit.

Ein Höhepunkt des Abends: „Early Morning Madness“ als intimer Blick ins mental Fragile thematisiert direkt und schonungslos den Absturz nach einer durchzechten Nacht, wenn der Rausch nachlässt, die Klarheit zurückkommt, aber auch das unangenehme Gefühl, sich selbst nicht entkommen zu können.

„Old Song“ und „Look Down At The Stars“ sind neues unveröffentlichtes Material und hörbar wohl noch eher „Work in Progress“ für ein neues Album im Sommer.

Eine von drei Zugaben ist der Cohen-Cover „Hallelujah“: ein weiterer großer emotionaler „Punch“-Song, der im Solo-Setting an Klarheit und Tiefe gewinnt. Und (fast) alle gehen mit „Nachhall“ statt Spektakel beseelt nach Hause.

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