Ein heimatloser Rechter

Ein lächelnder Mann hält einen Hut vor einem Flugzeug.
Der Journalist Alexander Eiber hat eine Biografie des Intellektuellen und Publizisten Caspar von Schrenck-Notzing vorgelegt.

Der Kampf um die Vorherrschaft im rechten/konservativen Lager wird in Deutschland mit aller Härte zwischen CDU/CSU und AfD geführt. Im Unterschied zu anderen Ländern, wo sich Ähnliches beobachten lässt, ist die die traditionellen Christdemokraten herausfordernde rechtspopulistische Partei ursprünglich selbst aus jenen hervorgegangen.

Vor diesem Hintergrund ist das Buch von Alexander Eiber über „Konservatives Denken und Leben in Deutschland nach 1945“ von besonderem Interesse und mit Gewinn zu lesen. Hier wird die ganze Bandbreite dieses Lagers bis weit nach rechts ausgeleuchtet.

Titelgebender Protagonist Eibers ist Caspar von Schrenck-Notzing (1927 bis 2009), ein bayerischer Adeliger, Intellektueller und Publizist. Mit der von ihm 1970 gegründeten Zeitschrift Criticón (eingestellt 2007) wollte er, so Eiber, „die konservative Konterrevolution zur Kulturrevolution der Neuen Linken von 1968 organisieren“.

Kultur und Medien

Mit den Unionsparteien CDU und CSU fremdelte Schrenck-Notzing. Respekt rang ihm immerhin Konrad Adenauer ab, „dessen Leistungen auf dem Trümmerfeld deutscher Staatlichkeit“ Schrenck anerkannte. Aber auch Adenauer gegenüber blieb Schrenck kritisch. „Die Achillesferse Adenauers sah Schrenck im Vorhof der Politik: im Bereich von Kultur und Öffentlichkeit.“ Ein Befund, der sich auch über Deutschland hinaus und bis in die Gegenwart immer wieder bewahrheitet hat: Die Schwachstellen („Achillesferse“) konservativer Parteien liegen genau in jenen Bereichen (Kultur, Geschichte, Gedenken, Medien etc.), denen sie seit jeher zu wenig Augenmerk schenken, wohl weil sie deren Bedeutung (als bloße „Symbolpolitik“) habituell unterschätzen.

Gar nichts hielt Schrenck indes von einem, der bis heute als eine der Lichtgestalten der deutschen und europäischen Christdemokratie gilt: Helmut Kohl. Zwar hätte Schrenck die von Kohl versprochene „geistig-moralische Wende“ begrüßt, sah aber dieses Versprechen als keineswegs eingelöst an.

Demgegenüber schätzte der streitbare Konservative sehr wohl Franz Josef Strauß, den legendären bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden. Mit Enttäuschung musste Schrenck indes zur Kenntnis nehmen, dass auch Strauß nicht zur Leitfigur eines konservativen Lagers werden konnte.

Letztlich blieb Caspar von Schrenck-Notzing ein politisch heimatloser Rechter. Womit er sich wohl in Gesellschaft vieler Konservativer befindet, die tendenziell viel weniger durch eine leitende Idee, gemeinsame Zielvorstellungen, eine große Erzählung verbunden sind als die Linke. Das mag unter anderem mit einem stärker ausgeprägten Individualismus zu tun haben, der dazu führt, dass man sich vor allem darin einig ist, was man nicht will: Sozialismus in all seinen Spielarten.

Was man an der Person Schrenck-Notzing noch studieren kann: die fließende Grenze von Konservativ zu Rechts und auch Rechtsaußen. Freilich, ganz am rechten Rand zählt das, was den Konservativen ausmacht, auch nichts mehr.

46-221793453

Alexander Eiber: „Caspar von Schrenck-Notzing“, Karolinger, 440 Seiten, 38 Euro

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