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Interview
10/12/2021

Stefan Ruzowitzky: "Kriegsjahre sind ‚gut‘ für Frauen"

Der österreichische Oscarpreisträger erzählt in "Hinterland" eine Wiener Kriegsheimkehrergeschichte als blutigen Thriller mit Serienmörder.

von Alexandra Seibel

Der österreichische Oscarpreisträger Stefan Ruzowitzky verwandelt das kriegserschütterte Schatten-Wien von 1920 in den Schauplatz einer grausigen Mordserie. In „Hinterland“ (jetzt im Kino) erzählt der Regisseur die Geschichte eines Kriegsheimkehrers – ausdrucksstark gespielt von Murathan Muslu – mit den Mitteln des expressionistischen Kinos. Wien erscheint als dunkler Albtraum, in dessen Straßen der schiefen Winkel, die Arbeitslosigkeit und Chaos herrschen und ein Mörder sein Unwesen treibt.

KURIER: Herr Ruzowitzky, derzeit lässt sich ein verstärktes Interesse an der Zwischenkriegszeit beobachten – von „Babylon Berlin“ bis hin zur Verfilmung von Kästners „Fabian“. Auch Ihr neuer Film spielt 1920. Warum diese Hinwendung?

Stefan Ruzowitzky: Ich glaube, das hängt ein bisschen damit zusammen, dass zu meiner Studienzeit das Augenmerk auf Nationalsozialismus und Holocaust fokussiert war. Diese Themen mussten dringend abgearbeitet werden, denn die Täter saßen damals noch an den Schaltstellen der Macht. Dieser Prozess hat alles andere in den Hintergrund gedrängt. Aber gerade die Zwischenkriegszeit ist in jeder Beziehung hoch interessant, weil sie so krisenhaft war. Die Menschen haben sich neuen, extremistischen politischen Strömungen zugewandt. Es gab auch neue Formen in der Kunst. Man kann also von einem starken historischen Einschnitt sprechen. Die Zeit, von der wir berichten, also unmittelbar nach dem Krieg, wo es Hungersnöte gab und große Teile des Wienerwalds abgeholzt wurden, weil die Leute nichts mehr zu heizen hatten – diese Zeit ist eine ganz andere als die „Goldenen Zwanzigerjahre“, in denen „Babylon Berlin“ zu Hause ist. In den Dreißigerjahren wurde dann der Nationalsozialismus immer stärker. Diese Periode von 15 Jahren war in sich sehr spannend und sehr unterschiedlich.

In Österreich kam ja noch dazu, dass das Habsburgerreich zerfiel und als kleiner Staat übrig blieb.

Ja, das ist sicherlich ein Umstand, von dem viele unserer mentalitätsbezogenen, österreichischen Minderwertigkeitskomplexe herrühren: Das Gefühl, dass wir eigentlich eine Weltmacht sind und uns ein grausames Geschick diese Vormachtstellung weggenommen hat. In „Hinterland“ kehrt die Hauptfigur, Peter Perg, aus dem Ersten Weltkrieg zurück und empfindet diese Veränderungen als große Demütigung. Perg hat nicht nur, wie die Deutschen, den Krieg verloren, sondern, wie er selbst sagt: Gott, Kaiser und Vaterland. Alles, wofür er gekämpft hat, gibt es nicht mehr.

Die Rückkehrer in „Hinterland“ empfinden die neue Republik auch als Angriff auf ihre Männlichkeit. Sehen Sie das auch so?

Ja. Krieg ist natürlich der Ort, wo toxische Männlichkeit sich ausleben kann wie nirgendwo sonst. Wenn der Krieg dann nicht gewonnen wird, ist das natürlich für diese Form von Männlichkeit die schrecklichste Demütigung. Es geht in dem Film auch darum, dass Männer in solchen Krisensituationen meistens mit Aggression reagieren – Aggression gegen sich selbst und Aggression gegen andere.

War Murathan Muslu die erste Wahl für die zerquälte Hauptfigur Peter Perg?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe von Anfang an gesagt, ich brauche ein typisches Alphamännchen, das diese subjektiv wahrgenommenen Demütigungen stärker spürt als ein Intellektueller, der dieses Gefühl vielleicht besser relativieren kann. In der Kategorie Alphamann und Held gibt es im deutschen Sprachraum kaum jemand anderen und sicher keinen Besseren als Murathan Muslu, der auch große Sensibilität und Zartheit ausstrahlen kann.

Manche Ihrer Darsteller, etwa Liv Lisa Fries aus „Babylon Berlin“, haben ein richtiges Stummfilmgesicht. War das eine Überlegung?

Auf jeden Fall. Es gibt „period faces“. Auch Max von der Groeben, der den Kommissar spielt, hat so ein Aussehen. Das ist lustig, weil von der Groeben aus einem Adelsgeschlecht stammt, aber ein 20er-Jahre-Proletariergesicht hat. Da wusste ich auch von Anfang an, dass er perfekt in meinen Film hineinpasst.

Liv Lisa Fries spielt eine Gerichtsmedizinerin, die sich als „Kriegsprofiteurin“ bezeichnet, weil die Republik den Frauen einen Emanzipationsschub verpasst hat.

Kriegsjahre sind immer „gut“ für Frauen. Die Männer sind alle weg – und dadurch tun sich neue Möglichkeiten auf. Das sagt die weibliche Hauptfigur ja auch selbst: Unter „normalen“ Umständen hätte man sie verschimmeln lassen und ihr nie den Job als Gerichtsmedizinerin gegeben. Nach den Kriegen kommt allerdings dann die Reaktion und man versucht, die Frauen mit aller Macht zurück an den Herd zu treiben.

Man hätte die Geschichte auch als Ehedrama erzählen können, Sie aber entscheiden sich für einen Thriller mit Serienmörder. Woher kommt Ihre Lust auf Horror?

Man hätte sich natürlich auf das Psychogramm beschränken können. Ich finde es aber interessanter und spannender, wenn es zusätzlich noch eine starke Handlung gibt. Außerdem finde ich es immer schön – und das ist mein Konzept von Kino –, wenn ich einem Publikum eine klare, spannende Handlung mit Emotionen anbieten kann – und darüber hinaus, als Bonus, das Psychogramm einer Gesellschaft. Wen das nicht so interessiert, der bekommt einfach einen guten Krimi.

Aber Sie haben eine Liebe für bizarre Leichen – kann das sein?

Ja, darüber gab es auch Diskussionen (lacht). Wir haben uns für die bizarren, stark stilisierten Tableaus des Todes entschieden, damit es nicht zu blutrünstig wird.

Sie haben sich vom Stil des expressionistischen Kinos der Zwischenkriegszeit, seinen schiefen Winkeln und schaurigen Motiven inspirieren lassen. Warum?

Einerseits war es die Lust, einmal etwas ganz anderes zu machen. Andererseits hatte ich Sorge, dass ein historischer, herkömmlicher Film schnell etwas Biederes bekommt. Aber der extreme, visuelle Stil erklärt sich auch aus der Geschichte heraus. Wir zeigen, wie unser Held die Welt empfindet – als etwas, das aus dem Lot geraten und ganz verzerrt und verquer ist.

Hatten Sie konkrete Vorbilder im Hinterkopf?

Wenn ich mich vorbereite, schaue ich nichts an, was mich zum Kopieren verführen könnte. Natürlich hatte ich Filme wie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ oder „Nosferatu“ im Hinterkopf . Aber es sollte keine Zitatensammlung aus Fritz-Lang-Klassikern werden.

Haben Sie alte Postkarten und dergleichen verwendet, um historische Stadtansichten von Wien zu rekonstruieren?

Ja. Wir hatten beispielsweise ein Foto vom Schwedenplatz, der damals noch ganz anders ausgesehen hat. In diese historische Ansicht haben wir dann echte Menschen und eine Straßenbahn hineingestellt.

Apropos: Sie haben mit der Blue-Screen-Technik gedreht und die Darsteller vor nacktem Hintergrund inszeniert. Das Szenenbild entstand im Computer. Für wen ist das die größte Herausforderung?

Für mich (lacht). Ich behaupte, das ist die Essenz von Schauspiel: Sich in einem Raum vorzustellen, man sei Prinz Hamlet in Schloss Helsingör. Das ist Schauspielhandwerk. Aber der Kameramann und ich mussten immer ganz konkret in das Blau hineindenken, was dann dort sein wird. Das erfordert schon viel, viel mehr an „Rechenleistung“ im Kopf und Konzentration, als normalerweise notwendig ist. Danach war ich echt erledigt.

Könnten Sie sich „Hinterland“ auch als Mini-Serie vorstellen?

Ja, der Produzent überlegt schon in diese Richtung. Ich selbst suche eigentlich immer neue Ufer. Aber wenn die Geschichte toll ist – warum nicht?

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