Kultur
24.08.2018

Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi: „Dinge müssen sich ändern“

Die neue Viennale-Direktorin setzt auf junge Zuschauer und zeigt auch kontroversielle Filme.

Eva Sangiorgi wird kommenden Oktober ihre erste Viennale als Direktorin eröffnen. Die 40-jährige Italienerin, vormals Leiterin des Filmfestivals Ficunam in Mexiko City, hat ihre Zelte in Wien aufgeschlagen und mit dem Deutschlernen begonnen.

Auf der Innenseite ihres Oberarms trägt sie das Tattoo von einer Gladiole – ihrer Lieblingsblume. Der Legende nach, sagt Eva Sangiorgi, war die Gladiole die Blume der Gladiatoren. Und ja, sie sei eine Kämpferin.

Ein Gespräch über Frauenquote, Lars von Trier und die neue Viennale-Tasche.

KURIER: Frau Sangiorgi, welchen Film haben Sie zuletzt für Ihr erstes Viennale-Programm eingeladen und warum?

Eva Sangiorgi: Das ist schwer zu sagen, weil ich laufend am Sichten und Aussuchen bin. Aber unter den letzten Filmen meiner Wahl waren die neue Arbeit von dem US-Dokumentaristen Frederick Wiseman, „Monrovia, Indiana“, und Roberto Minervinis „What You Gonna Do When The World’s On Fire?“. Mervini ist ein profilierter italienischer Regisseur, dessen Film auch im Wettbewerb von Venedig läuft. Es ist eine starke Arbeit, einfach magisch.

Was sind für Sie die Kriterien, nach denen Sie sich für einen Film entscheiden?

Das ist unterschiedlich. Manchmal geht man mit großen Erwartungen an die Arbeit eines Regisseurs heran, dessen Werk man schon kennt. Und dann ist die Entscheidung manchmal noch schwerer, weil der neue Film vielleicht nicht an die anderen heran reicht, sich aber trotzdem durch seine Handschrift auszeichnet. Da muss ich mir oft viel Zeit nehmen, denn ich will einen Film nicht bloß wegen des Namens des Regisseurs zeigen. Dann wiederum gibt es Filme, die sehr starke Momente haben, aber nicht durchgängig halten. Auch das fordert viel Überlegung.

Werden Sie einen kontroversiell diskutierten, weil sehr gewalttätigen Film wie Lars von Triers Serien-Killer-Porträt „The House That Jack Built“ zeigen?

Ja. Darüber habe ich ebenfalls viel nachgedacht. Ich bin kein unumschränkter Lars-von-Trier-Fan und stehe seinen späteren Arbeiten kritisch gegenüber. Aber „The House That Jack Built“ fand ich überraschend und Matt Dillon in der Hauptrolle des Serienmörders unerwartet brillant. Natürlich spielt Von Trier mit Gewalt, aber meines Erachtens ist die Gewalt, die er zeigt, klar als Trick, als bloßes Theater erkennbar – auch wenn Kinder sterben. Das Theaterhafte wird zur Methode, und das finde ich recht intelligent eingesetzt. Wenn man programmiert, muss man Position beziehen und wissen, warum man einen Film zeigt, vor allem, wenn er kontroversiell ist.

Sie sind die erste Frau, die alleinige Chefin der Viennale geworden ist und vertreten auch eine neue, jüngere Generation. Was wollen Sie für Akzente setzen?

Die Zeiten ändern sich, und damit muss jeder umgehen, auch ein Festival. Es gibt eine neue Generation an Publikum, die mit einer Menge Technologien aufgewachsen ist, unter denen das Kino nur eine Möglichkeit unter verschiedenen Unterhaltungsformen darstellt. Ich möchte vor allem junge Menschen erreichen, etwa mit Schülervorstellungen und eventuell einem Preisnachlass für Studierende. Es ist mir auch wichtig, das Kino jenen zu öffnen, die vielleicht ökonomisch benachteiligt sind. Gleichzeitig möchte ich so viele junge Filmemacher einladen wie möglich. Ich will den Spirit der Viennale feiern, weil es so ein spezielles Festival ist. Dadurch, dass wir keine Premieren brauchen, müssen wir auch keine Kompromisse machen. Es gibt keinen Wettbewerb, und das macht die Filmemacher glücklich. Sie verbringen hier eine tolle Zeit.

Die Viennale hatte ein bekannt gespanntes Verhältnis zu manchen Vertretern des österreichischen Films. Wie sieht Ihr Blick auf das heimische Kino aus?

Ja, ich habe oft gehört, dass das österreichische Kino für Hans Hurch nicht so wichtig war. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Der österreichische Film war immer auf dem Festival repräsentiert. Ich finde, dass es hier wunderbare Regisseure gibt – von Haneke angefangen – und habe mich immer für das österreichisches Kino interessiert. Beispielsweise hat Jessica Hausner in Ficunam einen Preis für „Amour Fou“ erhalten. Ich bewundere auch sehr die Tradition des experimentellen Kinos hierzulande und habe damals eine Retro über Peter Tscherkassky programmiert.

Es wird oft der Mangel an Regisseurinnen in den Programmen von Filmfestivals beklagt. Wie werden Sie mit der Gender-Frage umgehen?

Das Problem fängt bereits damit an, dass Frauen weniger Zugang zur Filmproduktion haben. Insofern ist es schwierig, ein Programm mit gleich vielen Männern und Frauen zu präsentieren, wenn es weniger Regisseurinnen gibt. Außerdem bin ich nicht die Universität der Vereinigten Staaten, wo es immer einen Asiaten, einen Lateinamerikaner und einen Afroamerikaner geben muss, um bestimmte Kategorien zu erfüllen. Ich versuche, Kategorien aufzulösen – was man auch daran sieht, dass ich im Programm die Unterscheidung zwischen Spielfilm und Doku aufhebe. Wenn ich aber spontan meine Lieblingsregisseure der Gegenwart nennen soll, sind es Frauen – Claire Denis, Lucrecia Martel, Andrea Arnold...

Werden Sie die Star-Gast-Tradition aufrecht erhalten?

Ich habe mit Stars nicht allzu viel Erfahrungen, kenne aber zufällig einige.

Wen zum Beispiel? Zum Beispiel Gael García Bernal. Ist er als Star groß genug? (lacht) Ich habe nichts gegen Star-Gäste, solange ich mich wohlfühle. Für mich ist Mathieu Amalric ein Star. Jemanden wie Tom Cruise würde ich nicht wollen, das käme mir absurd vor.

Beinahe schon ein Fetisch-Objekt der Viennale ist die Viennale-Tasche.

Ja, viele Leute finden diese Tasche toll. Aber Dinge müssen sich ändern – und ich habe die Tasche verändert. Der neue Look gefällt mir sehr.