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Kino
10/09/2021

Interview mit "Curveball“-Regisseur Johannes Naber: Absurde Agenten

In „Curveball“ erzählt Johannes Naber pointiert, wie ein Informant den deutschen Geheimdienst zum Narren hält

von Alexandra Seibel

Codename „Curveball“ klingt bereits nach Filmtitel, ist aber jener Name, den der amerikanische Geheimdienst CIA dem irakischen Informanten Rafid Alwan verpasst hatte.

Warum „Curveball“?

„Immer, wenn bei den Amerikanern das Wort ,Ball’ in einem Codenamen vorkommt, handelt es sich um ,Ballistik’,“ sagt der deutsche Regisseur Johannes Naber im KURIER-Gespräch: „Es geht also um jemanden, der etwas von Waffen erzählt hat.“

Folgerichtig nannte Naber seinen gewitzten, parodistischen Spionagethriller „Curveball – Wir machen die Wahrheit“ (derzeit im Kino), denn es geht um jemanden, der etwas von Waffen erzählt.

Dabei handelt es sich um „eine wahre Geschichte. Leider“: Im Jahr 1999 wurde der Iraker Rafid Alwan in einem Asylwerberheim in Bayern von einem Verbindungsoffizier des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) akquiriert. Bei den Verhören behauptet Alwan, er sei als Ingenieur Teil von Saddam Husseins geheimem Biowaffenprogramm gewesen.

Die deutschen Geheimdienstler sind aus dem Häuschen: Ihr Verdacht, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen herstellt, scheint sich zu erhärten. Sie ziehen den BND–Biowaffenexperten und Irak-Auskenner Dr. Wolf („Sie Wüstenfuchs!“)heran, der die Aussagen von Alwan überprüfen soll.

Dr. Wolf – herrlich unbedarft gespielt von Sebastian Blomberg – ist anfänglich von Alwans Wahrhaftigkeit überzeugt. Bald jedoch entpuppen sich dessen Aussagen als pure Erfindung.

Nach dem Attentat von 9/11 sucht die Regierung unter George W. Bush einen Kriegsvorwand – und da kommen die Behauptungen von „Curveball“ gerade recht. Die Amerikaner beteuern vor dem UN-Sicherheitsrat, dass sie Beweise für die Herstellung von Saddams geheimen Waffen haben, und die Deutschen, unter der Bundesregierung von Gerhard Schröder, schweigen dazu: „Ich glaube, die Amerikaner hätten diesen Krieg auf alle Fälle geführt“, meint der Regisseur: „Aber die Bundesregierung hat sich dazu entschlossen, den Amerikanern die Verwendung der falschen Information nicht zu verbieten. Im Rückblick war dies eine absurde Fehlentscheidung. Diese Argumente waren maßgeblich, dass sich beispielsweise die Briten an dem Krieg beteiligt haben.“

Johannes Naber hält diese bewusste Entscheidung zur Lüge für einen entscheidenden Wendepunkt: „Ich glaube, diese Ereignisse haben zu einer anderen Akzeptanz im Umgang mit der Wahrheit geführt. Der Wahrheitsdiskurs und die Moral im Umgang mit Fakten wurden aufgeweicht. Die Geschichte des Irakkriegs war sozusagen die Büchse der Pandora, obwohl es damals den Begriff Fake News noch gar nicht gab. Dass Trump Jahre später unverhohlen lügen konnte, ohne dass ihm etwas passierte, ist eine direkte Folge des Irakkriegs und der Geschichte, die dazu geführt hat. Und das werfe ich dem BND und der Schröder-Fischer-Administration vor: Dass sie Mitauslöser dieser Entwicklung waren.“

Bond-Parodie

Die Stärke von Nabers „Curveball“ liegt aber nicht nur im Zusammenfügen skandalöser Fakten, sondern auch in der witzigen Pointiertheit der Erzählung. Gerade, was die Aktivitäten des Bundesnachrichtendienstes betrifft, lässt sich ein humoristischer Unterton kaum vermeiden: „Man merkt, dass der BND einen Minderwertigkeitskomplex gegenüber den anderen Geheimdiensten hat. Er hatte große Sehnsucht, im großen Spiel der Geheimdienste mitzuspielen, und sah seine Chance gekommen.“

Besondere Freude fand Johannes Naber daran, die „staubige Spießigkeit“ der deutschen Agenten zu karikieren, deren Aktivitäten teilweise wie eine Parodie auf James Bond wirken. Aber auch die CIA bekommt ihr Fett ab: „Wie verkleidet sich ein amerikanischer Agent in Oberbayern? Er zieht die Landeskleidung an und läuft mit Gamsbart herum. Diese Form von Groteske haben wir uns erlaubt. Das hat sehr viel Spaß gemacht.“

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