Beziehungsarbeit mit Baum: Ildikó Enyedis Pflanzendrama "Silent Friend“

Ildikó Enyedi erkundet in ihrem poetischen Film „Silent Friend“ die Energie, die zwischen Mensch und Pflanzen fließt.
Enzo Brumm.

Mit einem Verhör vor einer Reihe alter Männer beginnt im Jahr 1908 Gretes Universitätskarriere im deutschen Marburg. Süffisant stellen die Professoren der jungen Frau bei der Aufnahmsprüfung schwierige bis schlüpfrige Fragen, die sie mit zusammengebissenen Zähnen pariert. Danach flüchtet die angehende Biologin in den weitläufigen Garten der Universität. Setzt sich unter einen Baum und atmet einmal tief durch.

In drei zu verschiedenen Zeiten spielenden Episoden erzählt Regisseurin Ildikó Enyedi sinnliche Geschichten vom positiven Einfluss, den Bäume und andere Pflanzen auf Menschen auszuüben imstande sind. Ihre Pflanzen haben Charakter und Stärke, sind souveräne Persönlichkeiten wie der mächtige Ginkgobaum oder sensible Geschöpfe wie die rosa Geranie, um die sich Student Hannes während der Abwesenheit seiner angebeteten Kommilitonin in den Siebzigerjahren kümmert. In der dritten Episode erwischt den chinesischen Hirnforscher Professor Wong bei seiner Gastprofessur in Marburg eiskalt der Corona-Lockdown 2020. Aus Langeweile beginnt er, die Energieströme des Ginkgobaums im Park zu messen, verblüfft vom regen Leben im Baum.

Mensch und Flora genießen bei Ildikó Enyedi gleiches Recht: Ja, sie stellen die Protagonisten aus Fleisch und Blut mitunter gar in den Schatten, was beim Ginkgobaum durchaus wörtlich zu nehmen ist. Er ist Trost- und Schattenspender, Ort für romantische Stunden und Klagebaum, Patron hitziger Gefühle und kühlender Glücksmomente. Was der schon alles gesehen hat in seinen langen Jahren!

Miteinander verbunden

Grete, die erste Frau an der Biologiefakultät, hat hier gelegen und zahllose Fotos von Pflanzen gemacht, um sie im Fotolabor akribisch zu erforschen. Sie hat denselben Weg zum Hörsaal genommen wie Hannes, der liebenswürdige Chaot, der mithilfe seiner Freundin seine Liebe zu Pflanzen entdeckt. Mit Elektroden messen die beiden, wie die Geranie am Fenster auf sie reagiert. Das will auch Professor Wong erkunden, der sich mit der französischen Neurowissenschaftlerin Alice Sauvage, gespielt von Léa Seydoux, kurzschließt. Kurzerhand legt er dem Ginkgo einen Gürtel mit Sensoren an und entdeckt allzu Menschliches.

Die körnigen Bilder des Films, in der 1908er-Episode mit der großartigen Luna Wedler in Schwarz-Weiß gehalten, sowie die stille, entspannte Erzählweise Enyedis schaffen Raum für ein ganz eigenes, poetisches Erlebnis, dem man sich in den zweieinhalb Stunden, die der Film dauert, gerne ergibt. Die Bilder von Kameramann Gergely Pálos tun ein Übriges: Geradezu zärtlich streift er durch Blätter, Äste und Wiesen. Im Abspann sind Menschen und Pflanzen gleichwertig angeführt – zweifellos ein außergewöhnliches Kinoerlebnis.

INFO: D/HU/F 2025. 147 Min. Von Ildikó Enyedi. Mit Luna Wedler, Léa Seydoux, Tony Leung.

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